22. Februar 2009

Bei der Fülle anfangen

Hans Urs von Balthasar in seinem Aufsatz "Merkmale des Christlichen" (in: Verbum Caro.- 3. Aufl.- Freiburg: Johannes, 1990, S. 179f.):

"Christliches Leben kann, im Sinn der Gnade, des Glaubens und der Liebe, nur ein Leben aus der Fülle und darum ein Leben der Dankbarkeit sein: eucharistia. Über alles Bedürfnis und alle Hoffnung hinaus aus dem Füllhorn des ewigen Lebens überschüttet, kann es nur noch die ständige Bezeugung dieses Gnadengeschenkes sein.

So lebt der Psalmist im ununterbrochenen Lobpreis der Erbarmungen Gottes. So lebt Maria im Magnificat. So braucht der Christ sich nur von der Tatsache, daß das ewige Leben in Glaube und Liebe ihm geschenkt ist, von der Strömung dieses Lebens leiten zu lassen, um sich ganz zu einem Ausdruck dieses Lebens zu machen.

Es gibt daher auch keine 'Entwicklungsstufen' des christlichen Lebens im Sinne der aszetisch-mystischen Aufstiegsschemata der übrigen Religionen, sondern eigentlich nur Entfaltungsstufen des Gnadenlebens in uns, die immer totalere Wegräumung alles dessen, was der Gnade noch Raum versperrt.

Der Christ darf und soll immer bei der schon gegebenen, schon vorausgesetzten Fülle einsetzen. Und je mehr und je konsequenter er es tut, um so besser wird er Christ sein. (...)

Im Christlichen dagegen ist jede Weigerung, von der Fülle auszugehen, eine Form des Unglaubens. Die Apostel sind ständig bemüht, den durchschnittlichen Christen diesen Unglauben auszutreiben, ihnen den Glaubensmut zur Umkehrung der Perspektive zu geben, sie von dorther wandeln zu lassen, worauzu sie erst zu wandeln meinten."

Kommentare:

wessnet hat gesagt…

Das ist in beeindruckender Klarheit eine tiefe Wahrheit dargestellt. Sehr inspirierende Zeilen, besten Dank!

Elsa hat gesagt…

Ja das ist schön und erbaulich, aber auch leider unhistorisch. Ein Blick auf die alte Kirchengeschichte zeigt, dass der christliche Glaube sich von frühester Zeit an gegen rigoristische Auffassungen sowie Strömungen übertriebener Exklusivität zu wehren hatte. Da war eine riesige Fülle, natürlich, aber die Bemühungen waren hart, sich gegen die eine wie die andere extreme Haltung zu versichern.

An der Tatsache, dass wir aus der Fülle des Magnifikat leben können und wollen, ändert das natürlich nichts ...