6. Juli 2010

Mahner Rahner, Neuheiden und Altchristen

Gerade bin ich über einen dieser prophetischen Sätze von Karl Rahner gestolpert, die der Jesuit vermutlich nicht so meinte, wie sie 40 Jahre später klingen. Aber so ist das mit Propheten: Nicht immer ist ihnen so ganz klar, was der Geist sie sagen lässt. Ihre Worte bekommen in einem späteren Kontext eine zusätzliche Bedeutung, eine neue Stoßrichtung - und überraschen daher umso mehr.

In "Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance" (1972) schreibt Rahner:

"Ein neu aus dem sogenannten Neuheidentum gewonnener Christ bedeutet mehr, als wenn wir zehn 'Altchristen' noch halten."

Sollte nicht die Kirche, sollte nicht gerade die dem Rahnerschen Geist und Erbe besonders verpflichtete deutsche Kirche dem aktuellen, dem 2010er Sinn dieses Satzes nachspüren?

Geht es wirklich darum, die letzten verbliebenen Schäfchen, die vor allem für die Kirchensteuer gebraucht werden, zu anästhesieren, ruhig zu stellen und keinesfalls zum Unzeitgemäß-werden aufzufordern? "Mitten in der Welt" solle die Kirche sein, sagt Ihr, liebe geweihte und ungeweihte Hauptamtliche - nun, da sind sie längst, Eure Schäfchen und da sollen sie "um Gottes und der Menschen willen", wie eine Eurer Redewendungen lautet, auch bleiben, nicht wahr? Kein "auserwähltes Volk", keine "kleine Herde", kein "Glaubt ihr nicht, so bleibt nicht!", kein "Folgt mir nach!"...

Wie wär's, wenn Ihr stattdessen einmal einige von den ehemaligen Neuheiden fragt. Ja, richtig: Das sind die besonders Eifrigen - weil sie nämlich ernst nehmen, was Ihr eher notgedrungen erwähnt. Daß der Glaube an Jesus rettet, daß Nachfolge etwas kostet, daß die Fülle der Wahrheit nur in der Kirche zu haben ist, daß ebendort, mit der Wahrheit, nein, als die Wahrheit der lebendige Jesus Christus begegnet, der nicht nur Mensch wie wir war und ist - davon gibt es aktuell mehr als 6,8 Milliarden, und sekündlich werden es mehr -, sondern der fleischgewordene GOtt, der menschgewordene Sohn des Vaters, der Retter Israels und der Heiden zugleich.

Ich weiß, sie klingen ab und an schrill für unsere harmoniebedürftigen Ohren, mir geht es genauso, ich verstehe Euch gut! Aber vielleicht wären sie ein bißchen leiser, wenn sie nicht das Gefühl hätten, in die verkehrte Gesellschaft geraten zu sein. Frisch getauft, mit neuem Leben bekleidet, mit blitzblanker Seele, hören sie nun, daß es in der Taufe eigentlich und bestenfalls um Aufnahme in die Gemeinde geht. Daß sie ihres alten Lebenswandels doch nicht hätten müde oder überdrüssig werden müssen - denn der ist ja Maßstab für Wiegenkatholiken oder doch wenigstens zu dulden. Daß sie sich mit allen anderen Katholiken den Erfahrungen fremder Religionen zu öffnen oder eine zeitgemäße, mystische, überkonfessionelle "Spiritualität" zu entwickeln hätten. Daß es nicht darauf ankomme, was man glaube, sondern daß man ganz allgemein ein anständiger Mensch sei, golden geregelt sozusagen.

Ein seltsames Spiel kann man da beobachten, und ich weiß nicht, was Karl Rahner dazu gesagt hätte: Ehemalige "Neuheiden" wollen so werden, wie die "Altchristen" eigentlich sein und leben sollten, während die "Altchristen", bitteschön mit bischöflichem Segen! endlich, endlich leben möchten wie "Neuheiden". Oder vielleicht besser: sie leben schon so, aber der Segen fehlt halt noch. A bisserl samma scho noch katholisch, göi?

Kommentare:

Tiberius hat gesagt…

Amen!

Johannes hat gesagt…

Du sagst es. Genau mit diesen Argumenten red ich mir seit meiner Konversion allerdings den Mund fusselig. Und bin eigentlich heilfroh, daß ich nicht ahnte, was mich erwartet.