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18. September 2011

Zehn Kinder zum Tee und eines am Freitag

Dame Edith Sitwell (mehr über sie bei Wikipedia und vielerorts sonst im Web) in einem ihrer Briefe, wie ihn dylan in seinem Blog zitiert:

"I have got a very nice new lunatic -- a lady in Dublin. She has written to tell me that all R.C. priests have lots of illegitimate children -- usually by their 15-year-old nieces. I am replying that I know they have. My own dear confessor often brings round his happy little brood of ten to have tea with me. Four are by his own niece, but he is sadly forgetful about who are the mothers of the rest. There were eleven, but unfortunately he ate one, in a fit of absent-mindedness, one Friday.

Osbert says I must not write this, as it will be published, and people will say (A) that I have no moral sense, (B) that I am flippant; but I reply that it will not be the first, second, or third time that these charges have been brought against me."

"Ich habe es mit einer sehr netten, frischen Verrückten zu tun, einer Dame aus Dublin. Sie schrieb, um mir zu sagen, daß alle katholischen Priester eine Menge unehelicher Kinder hätten, üblicherweise mit ihren 15 Jahre alten Nichten. Ich antworte ihr gerade, daß ich davon weiß. Mein eigener, lieber Beichtvater bringt oft seinen fröhlichen 10köpfigen Nachwuchs zum Tee mit. Vier davon hat er von seiner Nichte, aber erinnert sich traurigerweise nicht an die Mütter der anderen. Eigentlich sind es elf, aber unglücklicherweise aß er eines auf, in einem Anfall von Geistesabwesenheit, an einem Freitag.

Osbert sagt, das dürfe ich nicht schreiben, denn es wird veröffentlicht und die Leute werden sagen, daß ich (A) kein moralisches Gespür habe und (B) frivol bin; ich gebe ihm zur Antwort, daß es nicht das erste, zweite oder dritte Mal ist, daß mir diese Vorwürfe gemacht werden."

27. August 2011

Konrad Weiß: Der Bau der Kirche

Die alte Kirche ist ein Bau der Narben,
ein Sein wie Wunde, bis sie steinern ward,
bis Stein an Stein wie Ohnmacht offenbart
der tote Bau und hat doch solche Art,
daß aller Stein wie Schollen tritt in Farben.

Doch stirbt ein Glanz verzehrend durch die Räume,
je mehr das Ostlicht öffnet die Gestalt
und ist nun planlos an den Ort gemalt,
und dunkler wird des Lichtes Aufenthalt
und wie beschädigt Erde, Meer und Bäume.

So kann die Gegenwart nicht sein und enden;
es wendet sich der Bau wie innen wund
und stirbt im Licht und wird des Tods gesund,
der wie ein Blut tritt aus des Heiligen Mund,
die Engel aber stehen an den Wenden.

(Zur Epistel von Allerheiligen)

29. Juli 2011

McLuhan und die Kirche II

Aus dem gleichen Interview, aus der gleichen Quelle

»I don't expect to be comfortable. The Church has never told anybody that it is a place of comfort or security in any ordinary psychological sense. Anyone who comes to the Church for that purpose is wrong. There is nothing of that sort available in the Church. There never has been. No, it isn't that kind of institution. At the speed of light there is nothing but violence possible, and violence kills every boundary. Even territory is violated at the speed of light. There is no place left to hide. It becomes a church of the soul.

Christ said: "I do not bring you peace but the sword." The church as the custodian of civilized values and so on - that church is all over, I'd say. We are on a life raft. That sort of survival operation. (...)

I have never been an optimist nor a pessimist. I'm an apocalyptic only. Our only hope is apocalypse. (...)

Apocalypse is not gloom. It's salvation. No Christian could ever be an optimist or pessimist; that is a purely secular state of mind. I have no interest whatever in secular institutions as places to have a nice or a bad time. I don't understand that kind of mentality. I guess it has taken me quite a long time to get to this state; it didn't happen overnight.«

McLuhan und die Kirche I

Marshall McLuhan in einem Interview 1977:

"I never came into the church as a person who was being taught Catholic doctrines. I came in on my knees. That is the only way in. When people start praying they need truths; that's all. You don't come into the Church through ideas and concepts, and you cannot leave by mere disagreement. It has to be a loss of faith, a loss of participation. You can tell: when people leave the Church, they have quit praying. The active relating to the Church's prayer and sacraments is not through ideas. Any Catholic who today has an intellectual disagreement with the Church has an illusion. You cannot have an intellectual disagreement with the Church. That's meaningless. The Church is not an intellectual institution. It is a superhuman institution." (Zitiert unter anderem bei Derrick de Kerckhove: Passion and Precision: The Faith of Marshall McLuhan)

22. Juli 2011

Das Nötigste und das Gefährdetste

"Es gibt aber auch, nach der Demütigung des hierarchischen Triumphalismus, einen subtileren geistigen Triumphalismus der Gemeinde- oder Gruppenideologie. Aus solcher sind ja von jeher - seit Paulus, Johannes und den Gnostikern - die Sekten der 'reinen Kirche' hervorgegangen. Das sind Leute, die als Einzelne oder als Gemeinschaft das Attribut der kirchlichen Heiligkeit für sich gepachtet haben.

Die Humilität der kleinen Gruppen ist heute das der Kirche Nötigste, aber das Gefährdetste, durch Versuchung zur Weltlichkeit auf der einen, durch Versuchung zur abgeschlossenen Autonomie auf der andern Seite. Ausweg kann nur die Offenheit für die unverkürzte Katholizität der Offenbarung Gottes sein, für jenes Größtmögliche des Einsatzes Gottes in
Christus für die Welt, das keine voreilig abschließende Deutung verträgt, kein Bescheidwissen, keine endgültige Nachahmung und Wiedergabe im christlichen Leben, in Programmen und Einsätzen, sondern als das Immer-Größere uns überragt.

Für diese Katholizität schenkt dem, der empfänglich bleibt, wieder der Heilige Geist einen Instinkt, und der kann genau so scharf sein in dem alten Weib, das seinen Rosenkranz betet wie im Akademiker, der seinen Einsatz rational plant, oder im Theologen, der für den Einsatz Gottes den genuinsten Ausdruck sucht."
(Hans Urs von Balthasar: In Gottes Einsatz leben.- Einsiedeln: Johannes, 1972, S. 104f)

Vor über sechs Jahren schon einmal gepostet, aber immer noch nicht verkehrt.

18. Juli 2011

Bernanos zum Spanischen Bürgerkrieg

Vor 85 75 Jahren erhoben sich die spanischen Generäle in Marokko gegen die Regierung der Zweiten Spanischen Republik. Georges Bernanos lebte damals auf Mallorca und war anfangs voller Sympathie für den Aufstand. Die Gräuel, die er in den ersten Monaten des Spanischen Bürgerkrieges von Seiten der von der Kirche unterstützten Aufständischen miterlebte, veränderten seine Position. In seinem Buch "Die großen Friedhöfe unter dem Mond", 1937 und 1938 geschrieben, versuchte er wachzurütteln und der ganzen Wahrheit eine Stimme zu geben, und eben nicht nur dem, was im Blick einer Partei davon übrig blieb. Die Wahrheit ist nicht rot, nicht braun und nicht schwarz, so ähnlich hat er es einmal woanders formuliert.

"Die Welt ist reif für jede Form von Grausamkeit, und sie ist reif für jede Form von Fanatismus und Aberglaube. Sie will bei allem lediglich einige ihrer Gewohnheiten respektiert sehn, etwa, dass man ihrer seltsamen Tierliebe nicht zu nahe tritt (die vielleicht eine der wenigen Errungenschaften der modernen abendländischen Empfindsamkeit darstellt). Ich glaube, darüber hinaus würden sich die Deutschen sehr rasch daran gewöhnen, ihre Juden, und die Stalinisten ihre Trotzkisten öffentlich brennen zu sehen.

Ich hab’s gesehn, mit eigenen Augen habe ich’s gesehn, ich, der ich zu euch spreche: ich habe ein kleines christliches Volk mit einer Tradition der Friedfertigkeit, mit einer außerordentlichen, fast übertriebenen Liebe zur Geselligkeit, plötzlich sich verhärten sehn, ich habe die Gesichter hart werden sehn, ja selbst die Gesichter der Kinder. Vollkommen sinnlos, sich einzureden, man könne gewisse Leidenschaften unter Kontrolle behalten, wenn sie erst einmal entfesselt sind. (...)

Monate hindurch wurden die Mordkommandos in Mallorca in eigens zu diesem Zweck beschlagnahmten Lastwagen blitzschnell von Dorf zu Dorf befördert und überall schossen sie kaltblütig, vor aller Augen, Tausende von Verdächtigen nieder, Leute, gegen die selbst das Militärgericht nicht den geringsten Rechtsvorwand hätte finden können. Seine Exzellenz der Herr Erzbischof von Palma war darüber genauso unterrichtet wie jeder andere. Nichtsdestoweniger hat er sich, so oft er konnte, an der Seite dieser Henker sehn lassen, von denen einige - man wusste es allgemein - den Mord von Hunderten von Menschen an ihren Händen kleben hatten. Wird diese Haltung morgen die Haltung der Kirche sein?"
(Die großen Friedhöfe unter dem Mond.- Zürich: Arche, 1983, S. 166 f)

(Mit Dank an die aufmerksame Leserschaft für den Hinweis auf 75 seit 1936 vergangene Jahre. Es war einfach schon zu spät...)

16. Juli 2011

Der Stolz der Außenseiter

Die "Welt" (Wer genau wird nicht klar - ist es Arno Lustiger, Hans Maier oder sind es beide?) rezensiert "Schritte über uns hinaus", den zweiten Band von Robert Spaemanns gesammelten Reden und Aufsätzen und zitiert den Philosphen mit einer Kindheitsgeschichte:

"Als ich 9 Jahre alt war, musste ich mit dem sogenannten Jungvolk, der Kinderorganisation der Nazis, mitmarschieren. Ich hatte als einziger Junge keine Uniform. Ich erinnere mich, dass es für mich ein Akt der Befreiung war, mich nicht zu schämen. Ich sagte zwar dem Fähnleinführer, dass meine Eltern kein Geld hätten, mir eine Uniform zu kaufen. Aber ich wusste, dass meine Eltern sie nicht kauften, weil sie eine Naziuniform ablehnten, und ich war stolz darauf. Das scheint mir überaus wichtig zu sein. Wenn eine christliche Familie in einer nicht christlichen Umgebung ihre Lebensweise leben will, dann kommt alles darauf an, dass die Kinder sich nicht schämen. Und das können sie nur, wenn sie ihre Außenseiterposition durch Stolz ausgleichen. Ohne diesen Stolz hätte das Judentum nicht zweitausend Jahre der Diaspora überlebt. Demut ist eine Tugend für Erwachsene, nicht für Kinder."

25. Juni 2011

Fronleichnam - eine Nachbetrachtung

Der Fronleichnamstag ist für mich nicht nur das Hochfest des eucharistischen Leibes und Blutes Christi, sondern - erlebnismäßig sogar noch mehr - ein Fest des vor Ort existierenden Herrenleibes, der Ortsgemeinde nämlich. Und zwar in all seiner Herrlichkeit und in all ihrem Scheitern, das nicht nur ein schuldhaftes oder erschütterndes ist, sondern erst einmal ein komisches.

Oder wie sonst soll man es finden, wenn sich die Gemeinde exakt bei den Liedzeilen "Kommt her, ihr Kreaturen all und was erschaffen ist, kommt her und sehet allzumal, was da zugegen ist", vom zugegen-seienden Sakrament abwendet, das gerade aus dem Tabernakel geholt wird, und sich ohne Blick zurück, desorganisiert, in lockerster Marschordnung auf den Weg nach draußen macht, wo sie sich zur Prozession aufstellt.

Aufstellt - das ist ein bißchen übertrieben. Eher ist das ein geschwätziges Warten in kleinen Grüppchen alter Bekannter - nicht ganz untypisch auch für die große Kirchenlage in Deutschland. Dialog auf Augenhöhe, und du, lieber Leser, merkst, wie sich hier, in einer ruhigen deutschen Vorortstraße die kirchliche Großwetterlage spiegelt. Eins zu eins spiegelt.

Das famose Wort von der "Augenhöhe" findet seine Erfüllung beim eucharistischen Segen an den Stationsaltären. Da, wo vor ein paar Jahrzehnten noch die anwesende Catholica in die Knie ging, um das Gefälle zwischen göttlicher Gnade und menschlicher, auch erlöster Natur leiblich darzustellen, bleibt man heute unerschüttert stehen. Nein, nicht absichtlich, eher wie abwesend.

Und die Herrlichkeit, wo bleibt die? In die Herzen kann ich nicht schauen. Aber ich denke doch, daß sich mehr an Liebe, an Glauben und Glaubenssehnsucht darin findet als der konservative Schwarzseher in der Regel zugesteht. Vielleicht schweigend, ohne Worte und ohne rechte Sprache, ohne Kraft und Mut zum Ausdruck. Aber eben doch: da.

Eigentlich müsste man dann von den Einzelnen reden, denn sie haben ja alle Namen, haben eine Familie, einen Beruf, stehen in einer oft sehr speziellen Lebensituation, haben ihre besondere Geschichte und eigenen Charakter. Je näher einer hinzoomt, und als Eingeborener, einer vom gleichen Stamm, tue ich das in meiner "eigenen" Prozession, desto weniger lässt sich verallgemeinern.

Eigentlich müsste einer einen Roman schreiben, auch das eine Erkenntnis des Fronleichnamstags, ein großes Gemälde mit vielen "dramatis personae", um das, was sich an so einem Fronleichnamstag in und um eine deutsche Kirche abspielt, in seiner ganzen Zeichenhaftigkeit und Sakramentalität zu deuten: Hier, nicht in Gremien, nicht in Pastoralpapieren, auch nicht in der Blogosphäre, wird der Umbruch in der Kirche Deutschlands fassbar, liegt er in Gesten, Halbsätzen, schleppenden Schritten und wenigen Handbewegungen, in sich auflösenden und verändert weiterlebenden Traditionen vor Augen. Einen Roman bräuchte es, um zu zeigen, daß die Frontverläufe dieses Kampfes anders sind als erwartet. Oft laufen sie mitten durchs Herz und über den Küchentisch. Konservative Helden und progressive Guerilla sind Kämpfer in fremder Sache, jagen das eigene Lager in die gegnerischen Arme. Und der Papst ist weit und Gott fern. Aber ob der - sei's konservative, sei's progressive - Pfarrer auch die grüßt, mit denen er nicht kann, das konstituiert kirchliche Realität. 15 Körnchen Weihrauch entscheiden übers Seelenheil, um's noch stärker zuzuspitzen.

14. Juni 2011

Zurück im Jahreskreis

Nachdem die 2. deutsche Reformation fürs erste abgesagt ist, bleibt Zeit fürs Wichtige: Du sollst den HErrn, deinen GOtt lieben etc.

Kleine Lektüreempfehlung zur Beruhigung hier.

12. Juni 2011

Erfahrung des Geistes

"Nicht die Enthusiasten, sondern die echten Martyrer sind der geistliche Ort, an dem, wie immer, so heute, die Erfahrung des Geistes in der Kirche Christi am authentischsten gemacht werden kann." (Hans Urs von Balthasar: Theologik III: Der Geist der Wahrheit.- Einsiedeln: Johannes, 1987, S. 355)

Pfingstgedanken zur deutschen Kirchenspaltung

Ist er jetzt rechtzeitig zum Pfingstfest sichtbar geworden, der Elefant im Coenaculum? Gibt es eine Verschwörung, ein Bündel abgesprochener Aktivitäten, um eine Neue Deutsche Reformation zu lancieren? - Weder zum Cusanuswerk, zum Kreis der Generalvikare oder zu den Memorandisti gehörig noch mit speziellen Verbindungen zu kurialen oder sonstwie exklusiven Informationsquellen warte ich geduldig ab, was die nächsten Tage und Wochen an Dementis und Spekulationen bringen werden.

Selber hatte ich hier im Blog ja auch schon von einer unterirdischen Spaltung in der hiesigen Kirche gesprochen, einem tiefen Riß, der schon die Essentials betrifft: nicht mehr nur unterschiedliche pastorale Optionen oder Ansätze für den Dialog mit der modernen Welt (whatever this may mean), nicht nur Erleichterungen für den Eucharistiegang konfessionsverschiedener Ehen oder wiederverheirateter Geschiedener, sondern das Credo selbst. Und oft genug dachte oder schrieb ich: Na, wenn Ihr schon denkt, fühlt und agiert wie liberale Protestanten, dann geht doch! Wenn Ihr Euch weiter katholisch nennen wollt, aber ohne Papst und Weihrauch, dann werdet alt-katholisch (alt, so wie in neo :-)).

Je länger ich allerdings darüber nachdenke, desto weniger bin ich überzeugt, daß diese Reaktion die richtige ist. Ein paar Gründe will ich hier aufschreiben, ganz im Geist des heutigen Hochfestes:

Die Einheit der Kirche, die Jesus im Hohepriesterlichen Gebet von SEinem VAter erbittet, ist nicht die des jeweiligen Restes, der nach der je letzten Abspaltung zurückgeblieben ist. Es ist die aller, für die ER sein Leben hingab, aller, die an IHn glauben. Jede Spaltung verletzt den Leib CHristi, den HErrn selber. Und wie könnte ich das ersehnen.

Jede Abspaltung, jede Abwanderung macht den Rest nicht heiliger. Keinen Deut. Eher im Gegenteil: Die Versuchung des Pharisäismus, der erzkatholischen Überheblichkeit ("Smugness is the Great Catholic Sin." - Flannery O'Connor)wird nur noch stärker und wer weiß, wie viele von "uns" ihr zum Opfer fallen.

Jeder, der die Kirche verlässt, nimmt etwas Unersetzliches mit. Als Einzelner das Geschenk, das SEine Liebe für die Kirche gewesen wäre. Als Gruppe ein bestimmtes Charisma, eine bestimmte Perspektive, die die Catholica nur nach schwerem Ringen wieder sich aneignen kann. (Oder wie sieht es denn aus mit der "Freiheit des Christenmenschen"? Ist sie wieder ganz - auch -die unsere geworden?)

Jede neue, große Kirchenspaltung in Deutschland wird unermessliches Leid bringen. Der HErr mag gekommen sein, Feuer zu werfen und Spaltung zu bringen um SEinetwillen: zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Herren und Knechten. Daß wir uns entscheiden für IHN und SEinen Willen: Keine Frage. Aber machen wir uns doch nichts vor: Wir selber sind nicht die Sündenlosen, die SEin Feuer, SEine Spaltung bringen an den Tisch anderer. Da ist immer viel von unserer eigenen Menschlich-Allzu-Menschlichkeit drinnen. Jedes Nein zum Lehramt ist immer auch ein Nein zur Person eines konkreten Papstes. Und ich würde denken, daß Benedikt der Demütige nur allzu gut darum weiß.

Wer kann vernünftigerweise wollen, daß wir Katholiken Deutschlands, die linken wie die rechten, die orthodoxen wie die orthopraktischen, die progressiven wie die konservativen, in den nächsten 10, 20, 30 Jahren nichts anderes tun als die Prioritäten zu ignorieren: "Das wichtigste ist: Höre Israel, der Herr unser Gott ist der einzige Gott. Liebe GOtt den Herrn aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, mit all deinem Verstand und mit all deiner Kraft. Das zweitwichtigste ist: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Kein Gebot ist wichtiger als diese beiden." (Mk 12, 30f)?

Mit Furcht und Zittern sollten wir sehen, wie sich die Dinge ereignen werden, die wir - ich, Sie, Du - nicht beeinflussen können. Und mit Furcht und Zittern und einem Flehen, so laut wie das unseres HErrn selber, sollten wir vor IHN treten. Beten sollten wir für die Protagonisten dieses Kampfes, der vielleicht (hoffentlich um der Liebe Christi selber willen nicht) unvermeidlich ist - und für alle, die ihm zum Opfer fallen. Zu martialisch? - Mag sein. Aber wenn ich sehe, wie viele schon im aktuellen Umbruch - von der Volkskirche zur Minderheitenkirche - innerlich scheitern, fallen, sündigen, die Orientierung verlieren, dann wird mir jetzt schon schlecht, wenn ich an die casualties eines innerkatholischen Kirchenkampfes denke.

Wer von uns in dieser Lage nicht alles tut, um zu retten, was zu retten, wer nicht erträgt, was irgendwie gerade noch zu ertragen ist - ich glaube, der hat das Gleichnis vom Weizen und dem Unkraut nicht verstanden. Der vergisst, daß auch er zum Unkraut gehören könnte. Das heißt nicht, daß wir jetzt still sitzen und schweigen, daß wir nicht treu zum Papst und zu den Bischöfen stehen. Sehr wohl aber sollte alles, was wir denken, tun, sagen, um seine menschlichen Unvollkommenheiten wissen. Und das Gericht sollten wir dem überlassen, der uns alle im Lichte SEiner Gerechtigkeit, die mit SEiner Barmherzigkeit in eins fällt, beurteilen wird. Einstmals. Bald.

Schöne und gesegnete Pfingsten ringsum!

Die Kraft zur größeren Liebe

"Was uns so entsetzlich auf die Seele fallt, ist dies vor allem, dass wir das Erstarrte, Verkrampfte, Altmodische und Hinterwäldlerische im äußeren Gebaren der Kirche so scharf durchschauen und so bitter am eignen Leib und am Leibe des Herrn vor allem verspüren. Der Geist der Freiheit, des Vertrauens, der Weite, der Liebe und Größe ist durch diesen alten Klüngel und Krimskrams gehemmt - nicht nur das, sondern manchmal in Fesseln geschlagen und in eine lebens- und glaubenstötende Zwangsjacke gebannt. - Aber wir wollen nicht nörgeln. Was siegt, ist die Kraft zur größeren Liebe ... Und die größere Liebe wird auch die Kraft zur inneren Reform (Erneuerung) der hl. Kirche finden.“ - So Karl Leisner 1938 in seinem Tagebuch. (Quelle)

Veni, Creator Spiritus!

11. Juni 2011

Schnappschuß aus der konkreten Kirche

"Ihr ertragt es ja bereitwillig, wenn einer daherkommt und einen anderen Jesus verkündigt als ich oder wenn ihr einen anderen Geist empfangt, der zu dem, den ihr durch mich empfangen habt, nicht paßt, oder wenn ihr ein anderes Evangelium annehmt, als ich es gepredigt habe." (Paulus im 2. Brief an die Korinther, 11, 4 - Übs. Berger/Nord)

7. Juni 2011

Flucht aus der konkreten Kirche?

Der Herder-Verlag veröffentlicht aktuell einzelne Aufsätze von Karl Rahner als separate Büchlein. "Kirche der Sünder" heißt eines, das im Frühjahr 2011 erschien und das einen Aufsatz aus der frühen Nachkriegszeit in den aktuellen Kontext stellt.

In ihrer Nüchternheit, ihrem beharrlichen Nachfragen und Ringen um eine klare dogmatisch begründete Sicht und in ihrer Kirchenliebe sind die knapp 50 Seiten des Aufsatzes sehr lesenswert. Von Kardinal Lehmann stammt das kurze Vorwort; Albert Raffelt und Andreas Batlogg sj haben das gründliche Nachwort verfasst.

"... diese Kirche in ihrer Konkretheit ist die Kirche, die einzige Kirche, die Kirche Gottes und seines Christus, die Heimat unserer Seelen, der Ort, an dem allein wir den lebendigen Gott der Gnade und des ewigen Heils finden. Denn diese Kirche ist mit Christus und dem Geiste Gottes eines - unvermischt , aber ungetrennt. Es gibt aus dieser Kirche keine Flucht, die zum Heil sein könnte. Man kann in seine unverbindliche Privatsphäre flüchten, man kann in eine Sekte oder etwas ähnliches fliehen. Man mag dort weniger von der Sünde, der Enge, dem Skandal belastet und belästigt werden. Man kann dann ein großartiges Alibi besitzen, daß man nichts mit 'dieser' Kirche zu tun habe; man ist vielleicht näher bei seinen Idealen, aber näher bei Gott ist man nicht. Man kann auch nicht gegen die konkrete Kirche an ein anderes Ideal Berufung einlegen; denn es gibt nur jenes, das sich ewig mit dieser Kirche vereinigt hat und ewig nur in ihr lebt, und aus dem man selbst herausgefallen ist, wenn man sich zugunsten eines selbstgemachten Ideals von der Einheit dieser Kirche, von ihrer Liebe, ihrem Glauben und ihrem Gehorsam trennt. Man kann nicht sozusagen in einer generatio aequivoca die Kirche neu gründen wollen; denn sie ist für alle Zeiten bis zum Ende der Tage vom einzigen Herrn gegründet. Man kann klagend, weinend, beschwörend und zornig, anklagend und eifernd von ihr zu ihr flieben, aber man kann nie mit Recht von ihr wegfliehen; man kann sie nie verlassen, ohne im selben Maße auch das zu verlieren, was man vorgibt, retten zu wollen." (S. 55f.)

6. Juni 2011

Die Christusverbergerin

"... nur [die Kirche] kann durch ihre Sünde die ewige Sichtbarkeit Christi in der Welt, die sie ist, entstellen und Christus verbergen - und das vor den Menschen, die ihn auf Leben und Tod suchen müssen." (Karl Rahner: Kirche der Sünder.- Freiburg: Herder, 2011, S. 41)

5. Juni 2011

Erfahrung als Zugabe

"Es gibt wohl keinen Christen, dem Gott nicht einmal in seinem Leben die beseligende Erfahrung echter christlicher Gemeinschaft schenkt. Aber solche Erfahrung bleibt in dieser Welt nichts als eine gnädige Zugabe über das tägliche Brot christlichen Gemeinschaftslebens hinaus. Wir haben keinen Anspruch auf solche Erfahrungen, und wir leben nicht mit andern Christen zusammen um solcher Erfahrungen willen. Nicht die Erfahrung der christlichen Bruderschaft, sondern der feste und gewisse Glaube an die Bruderschaft hält uns zusammen. Daß Gott an uns allen gehandelt hat und an uns allen handeln will, das ergreifen wir im Glauben als Gottes größtes Geschenk, das macht uns froh und selig, das macht uns aber auch bereit, auf alle Erfahrungen zu verzichten, wenn Gott sie uns zu Zeiten nicht gewähren will. Im Glauben sind wir verbunden, nicht in der Erfahrung."
(Dietrich Bonhoeffer: Gemeinsam Leben, S. 34)

31. Mai 2011

Von der schweren Überwindung des natürlichen Gefälles

"Auf Augenhöhe". Den einen Mantra und unhinterfragbarer Ausgangspunkt. Den anderen - konkret eigentlich: mir - ziemlich unbequem und ganz und gar nicht selbstverständlich. Denn, ich gebe es freimütig zu, in der Regel fühle ich mich meinen Gegenübern in den verschiedenen kirchlichen Dienstämtern und Aufgaben heillos überlegen: Keine Predigt, die ich nicht besser gehalten hätte, kein Bildungshausvortrag, den ich einfach so akzeptieren würde, kein Hirtenwort, das ich schon vorab am liebsten dem Vergessen überantwortet hätte. Bei Priestern rümpfe ich üblicherweise die Nase, bei Bischöfen höre ich erst gar nicht hin und schaffe es nicht, mehr als eine halbe Seite ihrer Verkündigung zu lesen, bei ungeweihten Seelsorgemitarbeitern schicke ich Gehör und Verstand sofort auf Wanderschaft, um nicht in Versuchung zu fallen - und prompt tappe ich genau damit in die Falle der Selbstgerechtigkeit, des Stolzes, der Überheblichkeit. Schaue von oben herab. Bin, mit einem Wort, überhaupt nicht auf Augenhöhe.

Dafür müsste ich mich bücken, so sehr, daß garantiert der Rücken weh tut. Oder gar mich knien, innerlich versteht sich, aber nicht weniger real.

Ihr versteht, daß ich deshalb meine Probleme habe mit der "Augenhöhe" und am liebsten gar nicht davon rede. Trotzdem freue ich mich natürlich, wenn es wieder irgendwo eine Theologieprofessorin oder ein katholischer Ex-Minister geschafft hat und sich auf Augenhöhe mit Unterlegenen begibt. Oder sie zu sich heraufholt oder vor sich auf ein Podest stellt. So weit wäre ich auch gerne auf meinem geistlichen Weg.

27. Mai 2011

Heute ist Coming out-Tag in der Blogozese. Da will ich auch dabei sein.

Mein ganz persönliches Geständnis, und zwar als Immer-schon-konservativer Katholik und Ratzinger-Leser seit dem 15. März 1978, dem Tag, an dem ich mir am Schriftenstand einer Kirche die" Einführung in das Christentum" kaufte: An manchen Tagen geht mir das ganze Benedetto-Fanwesen ein wenig auf die Nerven, scheint mir vom Wesentlichen abzulenken, scheint mir auch das Katholischsein sehr stark, zu stark von der Person des jeweiligen Pontifex abhängig zu machen. Oder wie Hans Urs von Balthasar mehr als einmal schrieb:

"Wie kann eine 'Bewegung für Papst und Kirche' den Papst vor die Kirche stellen?"

Aber dann, aber dann kommt mir die Vorsehung in Gestalt eines dieser unsäglichen Kirchenkritiker wie dem "Volksanwalt" Herbert Kohlmaier quasi sub contrario entgegen und ich sage: Leute, Ihr mögt es machmal übertreiben vor lauter Liebe, Freude und Begeisterung, aber das ist mir 10.000mal lieber als einer dieser Hansel! Ihr habt mich! Scipio pro Ecclesia! Scipio pro Papa! Und zwar, so GOtt will: in saecula saeculorum.

21. Mai 2011

Unterdessen, in Korea ...

Während wir in Deutschland uns mit Ästhetik, Attraktivität und Selbsterfülltheit eines Dirk Tänzler als katholischer "front figure" herumschlagen, haben die Katholiken in anderen Ländern ganz andere Aushängeschilder.

Das Bild zeigt Kim Tae-hee, 31 Jahre alt, Schauspielerin und "schönste Frau Süd-Koreas". Man sieht: Es geht auch anders. Und nur westliche Überheblichkeit hält sich selber angesichts solcher Bilder für kulturell-zivilisatorisch und aufgeklärt-konzilsgeist-katholisch überlegen. (via Western Confucian; vergleiche auch das Posting "The beauties of Korean Catholicism")

17. Mai 2011

Schleifung der Bastionen


"Schleifung der Bastionen" ist einer jener Slogans, die gerne zur Hand gehen, wenn es heißt Ordnung zu schaffen im Gewirre des innerkirchlichen Meinungsstreits. Zuletzt zum Beispiel der Frau Professorin Johanna Rahner in ihrem Beitrag über das "entscheidend Katholische" in den "Salzkörnern" des "Zentralkomitees der deutschen Katholiken".

"Schleifung der Bastionen" ist eine Schwester des "Geistes des Konzils", obwohl sie denselben Vater hat wie der "Antirömische Affekt", nämlich Hans Urs von Balthasar.

"Schleifung der Bastionen" ist eine kleine Schrift von 82 Seiten, die zuerst 1952 erschien, also 10 Jahre vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil. In einer Blütezeit der Katholischen Kirche, wie es manchen Nachgeborenen gelegentlich scheint.

"Schleifung der Bastionen" - Hans Urs von Balthasar wollte nicht die Kirche der Welt angleichen. Es ging ihm darum, daß die Kirche erkennt: Sie ist längst schon vor und in der Welt "exponiert", ihr ausgeliefert (wie ihr Herr übrigens). Sie ist zur Welt gesandt, um Zeugnis zu geben von der Liebe ihres HErrn. Selbstgenügsamkeit und Selbstbeweihräucherung sind Versuchungen und keine Spitzenleistungen des Christen. Wer an den GOtt glaubt, der das Heil aller will und dessen SOhn für das Heil aller am Kreuz starb, der kann "nur mit allen Brüdern und Geschöpfen zusammen vor den einen Gott, Vater, Sohn und Geist treten" wollen.

Das sind die Bastionen, die es zu schleifen gilt: Nicht die der größeren Liebe, nicht die des Unverstandenseins, nicht die des Gehorsams vor dem Wort GOttes. Sondern die, die uns genügsam werden lassen und selbstzufrieden, die uns in eine "splendid isolation" führen. Und sei es auch eine "splendid isolation" der vermeintlichen Offenheit und Liberalität, die im liberalen Innenraum bleibt, statt mit Sack und Pack unter die Heiden zu gehen. An der kath.-theologischen Fakultät und im Kirchendienst ist gut liberal sein, immer noch lebt und atmet man unter seinesgleichen, und ein paar Mal im Jahr geht es zum ZdK und ein paar Tagen der Selbstvergewisserung. Wer zusammen klagt (und sei es über den Papst), der ist immer noch innerhalb der Bastion.

Mich Petitionschristen freuen solche Nischen zwar, aber sie sind mir fremd: Ich lebe und arbeite 24/7 außerhalb der Bastionen und bin froh, ab und an ein paar Atemzüge gnaden- und weihrauchvoller Luft zu nehmen. Wo ich bin, stelle ich Kirche dar für viele um mich: als Underperformer oft genug, wenig glaubhaft. Aber es wollen ja auch nur wenige wissen, woraus ich lebe und Kraft und Freude schöpfe. Mein Gebet für sie mag genügen und ersetzen, was an meinem offenen Zeugnis mangelt.

Meine Exposition zur Welt: Ich bin froh um das Stück Brot, randvoll mit dem präsenten Jesus Christus, das ich am Sonntag empfangen darf. Ich bin froh um die Perlen des Rosenkranzes, die mir die Bitten um vermehrten Glauben, stärkere Hoffnung, glühende Liebe auf die Lippen treiben. Ich bin froh um das Glaubensbekenntnis, die Bibel, die Worte des Papstes - um all das, was mich kräftigt und hält. Ich habe keine Lust, mich permanent zu befragen, ob mir denn "die" Theologie noch zu glauben erlaubt, was ich im Elternhaus, in Kindergarten, im Kommunionunterricht oder in der Schönstattgruppe gelernt habe, gelernt mit Kopf und Herz. Vor allem nicht, wenn ich erlebe und erfahre: All das erlaubt mir den Blick auf den Glutkern, eröffnet mir den kurzen, direkten Weg ins Zentrum: dorthin, wo das durchbohrte Herz der Welt schlägt.

Wir stehen nicht nackt und als die "Loser" des 20. Jahrhunderts zwischen eingerissenen Mauern und geschleiften Befestigungen, sondern stehen Haut an Haut, Herzschlag an Herzschlag inmitten unserer Schwestern und Brüder, die nie glauben konnten, die ihren Kinderglauben ablegten wie ein klein gewordenes Kleidungsstück, die mit Sehnsucht Orientierung suchen, den Orient, den "Wahren Morgenstern".

Ein Traum geht in Erfüllung: Wir wachen auf und das geträumte Abenteuer ist wahr. Es findet statt. Hier und jetzt. Und wir sind nicht allein, sondern bestehen es, erleben es mit den großen Abenteurern der Kirchengeschichte (von denen es einige gab, auch unter denen, die scheinbar "hinter den Bastionen" in Sicherheit schienen. Siehe Therese von Lisieux!). Erleben es in Gemeinschaft mit dem SOhn GOttes, der in uns, SEiner Kirche, durch die Zeit geht, allen nahe, die ihn suchen, vor allem aber denen, die nach IHm rufen, und denen, die arm sind. Die nichts mehr erwarten und die alles erwarten: von IHm.