25. Juni 2011

Fronleichnam - eine Nachbetrachtung

Der Fronleichnamstag ist für mich nicht nur das Hochfest des eucharistischen Leibes und Blutes Christi, sondern - erlebnismäßig sogar noch mehr - ein Fest des vor Ort existierenden Herrenleibes, der Ortsgemeinde nämlich. Und zwar in all seiner Herrlichkeit und in all ihrem Scheitern, das nicht nur ein schuldhaftes oder erschütterndes ist, sondern erst einmal ein komisches.

Oder wie sonst soll man es finden, wenn sich die Gemeinde exakt bei den Liedzeilen "Kommt her, ihr Kreaturen all und was erschaffen ist, kommt her und sehet allzumal, was da zugegen ist", vom zugegen-seienden Sakrament abwendet, das gerade aus dem Tabernakel geholt wird, und sich ohne Blick zurück, desorganisiert, in lockerster Marschordnung auf den Weg nach draußen macht, wo sie sich zur Prozession aufstellt.

Aufstellt - das ist ein bißchen übertrieben. Eher ist das ein geschwätziges Warten in kleinen Grüppchen alter Bekannter - nicht ganz untypisch auch für die große Kirchenlage in Deutschland. Dialog auf Augenhöhe, und du, lieber Leser, merkst, wie sich hier, in einer ruhigen deutschen Vorortstraße die kirchliche Großwetterlage spiegelt. Eins zu eins spiegelt.

Das famose Wort von der "Augenhöhe" findet seine Erfüllung beim eucharistischen Segen an den Stationsaltären. Da, wo vor ein paar Jahrzehnten noch die anwesende Catholica in die Knie ging, um das Gefälle zwischen göttlicher Gnade und menschlicher, auch erlöster Natur leiblich darzustellen, bleibt man heute unerschüttert stehen. Nein, nicht absichtlich, eher wie abwesend.

Und die Herrlichkeit, wo bleibt die? In die Herzen kann ich nicht schauen. Aber ich denke doch, daß sich mehr an Liebe, an Glauben und Glaubenssehnsucht darin findet als der konservative Schwarzseher in der Regel zugesteht. Vielleicht schweigend, ohne Worte und ohne rechte Sprache, ohne Kraft und Mut zum Ausdruck. Aber eben doch: da.

Eigentlich müsste man dann von den Einzelnen reden, denn sie haben ja alle Namen, haben eine Familie, einen Beruf, stehen in einer oft sehr speziellen Lebensituation, haben ihre besondere Geschichte und eigenen Charakter. Je näher einer hinzoomt, und als Eingeborener, einer vom gleichen Stamm, tue ich das in meiner "eigenen" Prozession, desto weniger lässt sich verallgemeinern.

Eigentlich müsste einer einen Roman schreiben, auch das eine Erkenntnis des Fronleichnamstags, ein großes Gemälde mit vielen "dramatis personae", um das, was sich an so einem Fronleichnamstag in und um eine deutsche Kirche abspielt, in seiner ganzen Zeichenhaftigkeit und Sakramentalität zu deuten: Hier, nicht in Gremien, nicht in Pastoralpapieren, auch nicht in der Blogosphäre, wird der Umbruch in der Kirche Deutschlands fassbar, liegt er in Gesten, Halbsätzen, schleppenden Schritten und wenigen Handbewegungen, in sich auflösenden und verändert weiterlebenden Traditionen vor Augen. Einen Roman bräuchte es, um zu zeigen, daß die Frontverläufe dieses Kampfes anders sind als erwartet. Oft laufen sie mitten durchs Herz und über den Küchentisch. Konservative Helden und progressive Guerilla sind Kämpfer in fremder Sache, jagen das eigene Lager in die gegnerischen Arme. Und der Papst ist weit und Gott fern. Aber ob der - sei's konservative, sei's progressive - Pfarrer auch die grüßt, mit denen er nicht kann, das konstituiert kirchliche Realität. 15 Körnchen Weihrauch entscheiden übers Seelenheil, um's noch stärker zuzuspitzen.

Kommentare:

Florianus hat gesagt…

guter Hinweis - mein eher progressiver Pfarrer hat mich letztens tatsächlich gegrüßt! ...

Scipio hat gesagt…

Und ich habe es kürzlich von jemandem genau umgekehrt gehört... So schaut's.

Gereon hat gesagt…

Danke! Ausgezeichnet beobachtet. Werde mir erlauben zu verlinken. Der vorletzte Satz ist nachgerade genial.
Freilich wäre das Leben einfacher, wenn der Umgang in einer Gemeinde immer so klar bestimmt würde von „konservativ oder progressiv“…

Aber warum „Kämpfer in fremder Sache“ bitte?

Gereon

Scipio hat gesagt…

"Kämpfer in fremder Sache" - ich dachte, das macht der nächste Halbsatz klar?

mp hat gesagt…

Lieber Herr Scipio,
ihre Analyse finde ich sehr sehr treffend (wobei ein gewisser Balken dann auch bei Ihnen auszumachen wäre, wenn Sie neben allem Prozessieren noch so viel beobachten konnten...)
Was sich mir jedoch auch nach mehrmaligem Lesen noch nicht recht erschließen will:
Wie kommen Sie von den Gräben am Küchentisch und sonst überall auf den Gedanken des in die fremden Arme Treibens? Meinen Sie damit, dass ein Suchender sich dem kosnervativen bzw. progressiven Milieu anschließt, weil er sich gleichsam in seiner hergebrachten religiösen Heimat nicht mehr angenommen fühlt? (Das scheint mir jedenfalls eher einseitig und nur für schleichend desillusionierte Konservative, Etablierte und die Bürgerliche Mitte zu gelten - um (danke nochmal!) mit den Worten der Sinus-Studie zu reden).

Und den Gedankensprung mit den 15 Körnchen Weihrauch und dem Seelenheil verstehe ich auch nicht... Meinen Sie damit, dass ein zweifelnder (gut möglich: hedonistischer) Christ aufgrund des Weihrauchs, den er riecht, sich eher besinnen und in die Knie gehen und anbeten würde und er nun so seinem Heil näherkommen würde(als wenn es keinen Weihrauch gegeben hätte)?
Liebe Grüße,
Markus

Scipio hat gesagt…

Lieber Markus,

wenn Sie einen der Balken in meinem Auge meinen: Ja, die übersehe ich allzu oft, bestimmt auch in Texten, die grundsätzlich der Erbauung und Auferbauung dienen wollen.

Küchentisch und fremde Arme: Ja, ich meine solche Situationen. Allerdings reicht es in der Realität nicht, zu den Gruppen Konservativ und Progressiv (eine davon, je nach eigenem Standpunkt die gute) noch von Suchenden zu sprechen. Ich kenne die drei Sinuns-Milieus und Ihre Schnittmenge mit der Kirche recht gut, und kann nur sagen: Auch da gibt es unsterbliche Seelen, auch da fallen Lebens- und Heilsentscheidungen - und zwar nicht nur an einem Tag, sondern Stein auf Stein, Schritt vor, Schritt zurück, einer zu Seite... Auch da sehe ich es zu häufig, dass Leute, Glieder am gleichen Leib, den Bettel hinschmeissen. Aus banalen Gründen manchmal, aber ich möchte nicht der sein, der de facto andere vor - am Ende noch falsch gestellte - Gewissensfragen stellt, in denen es nicht um Glaubensdinge geht (Ist Jesus von Nazareth GOttes Sohn? Ist das Brot gesegnet oder ver-/gewandelt?), sondern um banale Dinge wie: Wie lange schaffst du es, als Küster Dienst zu machen und dich von mir anschnauzen zu lassen? Wie oft darf ich dir mein Desinteresse an deinem, nennen wie es für einmal doch: Dienst im Pfarrgemeinderat offen zeigen, ohne dass du losschimpfst und dein Bild vom katholischen Priester in Richtung links korrigierst? Wirst du auch nach dem 15. ungesagten Dankeschön keine Gerüchte über mich verbreiten und für mich beten? - Und so ließe sich das noch lange fortsetzen.

Oder, um mal ein Weihrauchbeispiel zu erfinden: Nachdem ich Priester beim Weihrauch eh nur jedem auf die Füsse (bzw. die Nase) trete, kann ich doch erst recht machen, was ich will. Und wehe, einer nimmt Anstoß!

Das waren jetzt alles Beispiele, die ich für Priester erfunden habe. Aber es ist ja ein leichtes, sich eigene auszudenken, die für einen selber passen. Ein bißchen was wissen wir ja doch über unsere Balken im eigenen Auge.

Gereon hat gesagt…

Danke für die Reaktion!
Wie ausgesprochen beruhigend, daß ich nicht der einzige geblieben bin, der Verständnisfragen hatte! ;-)
Aber gut, „Kämpfer in fremder Sache“ also gegen die eigene Absicht, unwillkürlich das Geschäft der anderen Seite besorgen. Das kann natürlich passieren. Wie hat der Hl. Vater sinngemäß gesagt: „Ich erwarte von euch einen besonderen christlichen Stil des Umgangs im Netz!“
Das bleibt eine/unsere Herausforderung. Aber ich glaube ich bin ja mit meinem noch ganz jungen Blog insofern völlig typisch, daß es eben einfach irgendwann „gereicht hat“. Wer tut sich denn leicht damit, sich so zu exponieren? Aber die Alternative: „Etwas machen oder weiter schweigen/in sich reinfressen“, die mußte halt mal beantwortet werden. Denn, und da möchte ich doch einen anderen Akzent setzen, die von Ihnen sicher nicht zufällig gewählten Beispiele (Verhalten von Geistlichen) das sind eben letztlich keine „banalen Dinge“. Kirche ist niemals banal, nicht mal/gerade nicht in ihrer Ausprägung in Kleinkleckersdorf, Diaspora. Und es gibt keine Auseinandersetzung ohne Verluste, nicht nach dem Fall…