18. Juli 2010

Kirche des schnell verstauten Wortes

Aus der Reihe "Leute, mit denen die Evangelischen Ökumene machen sollen" stellen wir heute vor: Jenen namenlosen Küster, der auf dem Rückweg von der Kollekte in die Sakristei im Vorübergehen das Evangeliar vom Ministrantensitz schnappte, um es schnell noch vor dem Sanctus im Schrank zu verstauen.

Nein, wir sind nicht Kirche des Wortes, auch wenn es der Priester stellvertretend für uns vor und nach dem Evangelium küsst.

Kommentare:

Wolfram hat gesagt…

Ehrfurcht vor der Schrift - ist m.M.n. weder im rituellen Küssen eines Buchs zu finden (war da nicht auch noch was mit Buchstabe und Geist?) noch im demonstrativen Ausstellen des Buchs auf dem Kommuniontisch (war da nicht auch noch was mit Buchstabe und Geist?), zumal wenn das ausgestellte Buch gar nicht mehr zur Lesung benutzt wird...

Einmal mehr, meine ich, können Christen verschiedener Kirchen sich gegenseitig betend begleiten, wobei sie sich hüten sollten, mit dem Finger auf den anderen zu zeigen.

Scipio hat gesagt…

Ich würde sagen: Ehrfurcht vor der Schrift erschöpft sich weder im Küssen noch im Ausstellen eines Buches (bzw. des Namens und Wortes des Herrn); beides kann auch ohne diese Ehrfurcht geschehen.

Aber wenn Katholiken im Rahmen ihrer Liturgie (wo andauernd Zeichen als Realität und Realität als Zeichen gehandelt werden) ein Zeichen so behandeln, dann macht mich das immer stutzen.

Wolfram hat gesagt…

Ganz meine Ansicht. (Und an der Verbindung Zeichen-Realität ist zumindest dem reformierten Zweiglein etwas verlorengegangen, das es dringend wiederentdecken sollte - zumal es ja seit den Propheten biblisch belegt ist.)

Das Problem, das du aufzeigst, dürfte in etwa das gleiche sein wie weiland jene Frau in einer französischen Dorfkirche, die mit dem Wischer den Boden reinigte, von links nach rechts, von rechts nach links - und bei jeder Passage vor dem Mittelgang sich kurz gen Altar drehte, einen Knicks andeutete und bekreuzigte, was weniger als eine Sekunde Zeit dauerte.
Da wird aus dem Ritus ein sinnentleertes Ritual.

Entsprechend verstehe ich auch die Kritik vieler Evangelen etwa am Kreuzzeichen - für mich trägt es einen Sinn, und ich belege mich auch mit dem Zeichen des Kreuzes, zu bestimmten Gelegenheiten. Allerdings nicht coram publico unter meinen lieben Reformierten; sie würden es nicht verstehen, und da halte ich es mit Paulus: "wenn du einen Schwachen in die Irre führen könntest, enthalte dich."

Einer meiner Kollegen meinte übrigens, und diese Kritik möchte ich dir zum Thema nicht vorenthalten, zumal ich ihr nichts entgegenzusetzen habe: "warum wird im Katholizismus das Evangelium soviel höher bewertet als der Rest der Heiligen Schrift? Ist nicht die gesamte Schrift Ausdruck (expression) des Wortes Gottes?"