11. Juli 2010

Vermischte Gedanken aus einem akuten Zustand liturgischer Depression

Was sich in den zwei drei Jahren seit "Summorum Pontificum" geändert habe, wurde in dieser Woche gefragt. - Ich schaue um mich und sage: "Nichts."

"Beten allein ist zu wenig. Gottesdienst allein reicht nicht.... Gottesdienst ist nur richtig, wenn er uns hilft, den Nächsten zu lieben." - So der Zelebrant in seiner gutgemeinten "Hinführung" zum "Thema" der heutigen Liturgie. Was für eine tückische Kombination! Natürlich und keine Frage: Im Sinne Jesu und des Sonntagsevangeliums, des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter, ist Beten nicht alles. Aber könnten wir uns vielleicht einigen, daß wir beten, wenn wir beten, und Eucharistie feiern, wenn wir sie feiern? Und nicht gleichzeitig einen Klaps auf den Hinterkopf bekommen, der uns ablenkt? Oder sagt der Priester auch jenen, die sich gerade als Samariter betätigen, daß das nur die halbe Wahrheit sei, daß Nächstenliebe allein zu wenig ist und leibliche Barmherzigkeit nicht reicht?

In seiner Predigt fand es der Zelebrant gar nicht gut, daß wir Zuständigkeiten und Delegationen einrichten für Dinge, die wir selber ungern tun. Die Caritas sei für die Nächstenliebe zuständig und der Priester sei der Experte fürs Seelenheil. Oho, dachte ich mir: Da taucht es also noch auf, das Seelenheil. Signal seiner fortdauernden, wenn auch ein wenig zombiehaften Existenz.

Immerhin wurde bei den Fürbitten auch meiner gedacht. Als für die Randgruppen gebetet wurde und für alle, die sich an den Rand gedrängt fühlen. Denn in der Tat, als CMBC (Conservative Male Bavarian Catholic), der in einem Frauenberuf und in einer Industrie arbeitet, die als Sündenbock für alles mögliche herhalten muß (Abzocke, tote Patienten, Misere des Gesundheitssystems etc.) gehöre ich doch gewisslich dazu, oder? - Zugegeben, ich fühle mich nicht so. Aber doch nur weil ich die Stimme meiner Mutter im Ohr habe, die mit Selbstmitleid bei ihren Kindern nichts anzufangen wusste. Eigentlich hätte ich alles Recht!

Aufgabe: Sie haben drei Sekunden Zeit, "Ihrer Verstorbenen" zu gedenken. Zeit läuft. 21, 22, 23. Aus! - Wie weit sind sie gekommen? Wie viele haben Sie erinnert? Wie viele Gesichter vor Augen gehabt? Konnten Sie für sie beten? - Genauso weit wie Sie kam ich heute morgen beim 3-sekündigen Totengedenken im Hochgebet. Gut, daß es den Ewigen Hohenpriester gibt, der auch diese zwar angesagten, aber nicht durchgeführten Gebete vor den Altar des HÖchsten bringt.

Einleitung zum Schlußsegen: "Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag im Schatten und eine gute Woche. Dazu segne uns der allmächtige Gott..." - Wozu genau, fragte ich mich? Zum Sonntag im Schatten? Zur guten Woche? - Und nebenbei: wo bleibt hier, wo es doch wohl um die Zeit nach dem Gottesdienst und die am Anfang, als sie gegen ein verkürztes Christentum, gegen überbetonte Liturgie und Innerlichkeit in Stellung gebracht wurde, so wichtige Nächstenliebe?

Versus populum ist liturgisches Zentraldogma. Alles, oder besser: fast alles ist erlaubt, solange es nur mit Blickrichtung zum Volk und für das Volk sichtbar geschieht. Ironischerweise drehte sich der Zelebrant das erste und einzige Mal in der heutigen Messe "mit dem Rücken zum Volk" und hin zum Hochaltar, als eigentlich versus Mariam angesagt gewesen wäre: während des Marienlieds zum Schluß. Wir lernen: Liturgie heißt Entkopplung.

Gibt es eigentlich schon eine empirische Untersuchung, wie oft die voll, bewußt und aktiv an der postkonziliaren Liturgie teilnehmenden Gläubigen während derselben tatsächlich in direkten, ich-zu-Du-Kontakt mit GOtt treten? Also tatsächlich in einem bis zu einem gewissen Grad gelungenen Zustand der Sammlung GOtt ansprechen? (Bloßes Mitsprechen zählt nicht.)

Noch ein Vorschlag für eine empirische Analyse, die man richtig breit anlegen könnte: Wie lange dauert es von dem Zeitpunkt an, zu dem der Zelebrant die Sakristeischwelle überschreitet, bis er zum ersten Mal GOtt anspricht? Gibt es eine direkte Relation zur Anzahl von Worten, die er während in dieser Zeitspanne über das liturgische Vorgeschriebene hinaus sagt? (Das Eingangslied und das Kreuzzeichen am Beginn zählen nicht, wegen meiner Hypothese, daß beides de facto eher Lippen- als Herzensgottesdienst ist.)

Kommentare:

outis hat gesagt…

Empirische Studien kann ich nicht zitieren, nur Beobachtungen als seit einigen Monaten wieder praktizierender mitteilen. Zu allererst werde ich begrüßt, zum Abschluss gibt es ein paar Witzchen, man sorgt sich darum, dass ich bloß nicht zu lange stehen oder knien muss. In der Predigt ist man sehr darum bemüht, meine antirömischen Affekte zu stärken und meinen Wunsch, doch auch mal eine Stunde lang tätig teilnehmend in ein attraktives Frauengesicht starren zu dürfen.
Aber meine Participatio actuosa wird immer innerlicher: ich weiß jetzt, an welchen Stellen ich dem Chor für meine musische Erbauung applaudierend zu danken habe, um die Mädels (und drei Jungs) in ihrer künstleriscchen Selbsterfüllung zu bestätigen. Auch sitze ich beim Evangelium jetzt schneller als der Pfarrgemeinderat.
Aber was das alles mit Gott zu tun haben soll- das sind schon sehr exzentrische Ansichten. Gott ist doch das gute Gefühl, das entsteht, wenn drei Pastoralreferentinnen den Friedensgruß entbieten und sich ganz doll lieb haben, oder?

mr94 hat gesagt…

Es sind tatsächlich schon drei Jahre seit Summorum Pontificum (07.07.07, leicht zu merken). In der aktuellen Generation der Kapläne und jungen Pfarrer gibt es schon den einen oder anderen, der sich durch Summorum Pontificum in seiner Zelebration recte et rite bestätigt sehen konnte. Manch einer hat sich sogar die außerordentliche Form angeeignet und zelebriert sie nun mehr oder weniger regelmäßig. Bei der Generation V2 sind aber Hopfen und Malz mehr oder weniger verloren.

Scipio hat gesagt…

Wie so oft, mr94, hast Du recht. Drei Jahre. Umso schlimmer...

Wolfram hat gesagt…

Ein Pastor (evangelisch...) gebrauchte einmal das Bild des Kreuzes, um das Doppelgebot der Liebe auszulegen. Die vertikale Beziehung ist die zwischen Gott und dem Menschen: "du sollst Gott, deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von all deinen Kräften und deinem ganzen Gemüt", aber auch "denn ER hat uns zuerst geliebt". Das ist der Pfeiler.
An diesem Pfeiler hängt der Balken der horizontalen Beziehungen: "du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst", und "lasset uns einander lieben". Nächstenliebe ohne eine solide Gottesliebe geht gar nicht! ... denn ER hat uns zuerst geliebt.
Ich lasse jedem Leser das Vergnügen, die Bibelstellen wiederzufinden; ich habe bei der Hitze keine Lust zum Suchen.

Hier in Frankreich stellt sich das administrative Problem, daß Kultvereine nichts verschenken dürfen - Diakonie oder caritas also innerhalb der Kirche nicht legal ist. Das, und die allerorten festzustellende Professionalisierung des Dienstes am Nächsten sorgen gemeinsam dafür, daß Diakonie oft noch gemeindeferner ist als in Deutschland. Aber so wie ich meine Gemeindemitglieder immer wieder im Namen Jesu dazu anhalte, nicht bei der Contemplatio zu verharren, sondern Zeugen Christi zu sein in Wort und Tat und dem Nächsten das zu geben, was er nötig braucht, so lade ich auch immer wieder die Verantwortlichen der Diakonie ein, sich wieder unter das Wort zu stellen. Mit wenig Erfolg, leider - und so wird, was einmal kirchliche Diakonie war, mehr und mehr zu einem Sozialunternehmen unter vielen anderen.

Scipio hat gesagt…

Danke für den Ausflug ins Nachbarland. Das war mich auch nicht so klar. Die Angst des laikalen Staates (in der Version von 1905, wie ich vermute?) vor der dienenden Kirche...

Wolfram hat gesagt…

Ja, das ist das "Gesetz 1905", das auf der administrativen Ebene einige Freiheiten für die Kultgemeinde festschreibt (z.B. Steuerfreiheit), aber eben auch Einschränkungen.
Aber auch ohne diese gesetzliche Disposition ist die Verbindung zwischen caritas oder Diakonie und Kultgemeinde (hier im Sinn der real zur Feier versammelten Gemeinde gemeint, nicht wie oben administrativ) schwierig. Vielleicht, weil immer mehr Spezialisierung nötig ist, vielleicht auch wegen immer mehr Regulationsvorschriften, in denen die Rückbindung an die Kultgemeinde nicht vorkommt.

Anonym hat gesagt…

Wenn ich Ihre Berichte über die Predigt und den Ablauf des Gottesdienstes (Messe ist wohl ein verpöntes Wort?) in Ihrer Gemeinde so lese, muss ich beinahe weinen... Ich für meinen Teil habe beschlossen, Novus Ordo vollständig zu meiden, um nicht in sündhafter Art und Weise der Todsünde des Zorns zu verfallen. Wie ERTRÄGT man so etwas Sonntag für Sonntag?

Scipio hat gesagt…

Da ist einmal die Frage nach praktikablen Alternativen.

Aber noch wichtiger sind die magnalia DEi, die sich auch auf diesem Altar, von dieser Kanzel ereignen. Konkret das WOrt im Wort der Schrift und das Brot, als das ER SIch verschenkt.

Von daher, das gebe ich gerne zu, sind meine Klagen mit denen der katholischen Schwestern und Brüder z. B.in den sibirischen Weiten nicht zu vergleichen.

Anonym hat gesagt…

Zweifellos haben Sie Recht, Scipio, dass das Essentielle die Eucharistie ist... aber genau dass verdeckt diese Art von "Gottesdienst" und Predigt doch, oder? Persönlich habe ich Glück - es gibt mehrere wöchentliche Messen in der alten Form in meiner Nähe, was ich als Glück und Geschenk empfinde. Seitdem ich mich daran gewöhnt habe, ertrage ich Novus Ordo aber eben überhaupt nicht mehr...leider scheint es einige Bischöfe zu geben, die das hintertreiben, vor allem im Süddeutschen Raum. Ist es nicht laut Summorum Pontificum so, dass bei entsprechend geäußertem Wunsch der Bischof dafür sorgen MUSS, dass auch im Alten Ritus Messen angeboten werden?