4. August 2005

Ein Benediktiner vor dem Dalai Lama

Eine lesenswerte Ansprache des Einsiedelner Abtes Martin Werlen OSB vor dem Dalai Lama. Klare Worte und Dialog im besten Sinne.

[Dem einzigen Passus, dem ich nach dem ersten schnellen Drüberlesen nicht zustimmen würde, ist folgender:

"... hängt gewiss auch damit zusammen, dass in den christlichen Kirchen in den vergangenen Jahrzehnten die Spannung zwischen Glaube und Vernunft einseitig zugunsten der Vernunft verlagert wurde. Die Bedeutung der Glaubenserfahrung und der bewusste Einbezug der Gefühlswelt und der Körperlichkeit wurden vernachlässigt."
An meiner Basis wurde weder die Gefühlswelt noch die Vernünftigkeit des Glaubens betont; das Glaubenswissen geht gegen null - und es besteht danach auch kein Bedürfnis.

In den Kreisen meiner Mitgläubigen vor Ort sind religiöse Bestseller mit Appell an die Vernunft wie der Katechismus, das Küngsche "Christsein", der Ratzinger-Report, die beiden Ratzinger-Interview-Bücher schlicht und einfach nicht zur Kenntnis genommen worden. Die pfarreitragende Mittelschicht konnte schon in den vergangenen Jahrzehnten nichts mit dem Glauben als Stoff zum Nachdenken anfangen. Man geht sonntags in die Kirche, lebt einigermaßen nach den Geboten, engagiert sich pfarreilich und das war's. Weder Vernunft noch Glaube.

Wenn ich an die Predigten und Bildungshaus-Seminare zurückdenke, die ich mitbekommen habe, an die Regale in Bibliotheken und Buchhandel: Ein Fast-Total-Ausfall beim vernünftigen Glauben.]

Merkwort aus der Ansprache aus der Feder des hl. Benedikt:

„Der Liebe zu Christus nichts vorziehen!“

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Da stellst Du Deiner Gemeinde aber ein schlechtes Zeugnis aus.
Und euer Pfarrer will in seinen Predigten auch allzu große Beunruhigung der Gemeinde vermeiden?

Scipio hat gesagt…

Es ist nicht die ganze Wahrheit über meine Gemeinde, ganz sicher nicht. Aber kopforientiert geht es bei uns nicht zu. Das hat eine Menge von Gründen, die Person des Pfarrers ist eine, daneben auch das Profil der gemeindetragenden Schicht - wir sind keine Gemeinde von Intellektuellen in einer Unistadt, was wahrscheinlich auch ein Alptraum wäre, sondern stammen zum Großteil von "Kleinbürgern", Handwerkern etc. ab - Bildung und Wissen hat entsprechend vor allem einen praktischen Sinn. Und nachdem man ja auch ein guter Mensch, Christ und Katholik sein kann, ohne sich Gedanken zu machen, lässt man's passenderweise eher bleiben.

Wenn dann die Aufrufe kommen, "mit dem Bauch" zu glauben, ist das dann eben eine Bestätigung, den Kopf auch weiterhin in Glaubensdingen ruhen zu lassen.