30. April 2005

Nachhilfeunterricht fürs Zentralkomitee

In puncto Joseph Ratzinger a.k.a. Benedikt XVI. gilt es für die Zentrallaien und ihren Oberlaien Meyer einiges aufzuholen - entsprechend empfiehlt Guido Horst in der Tagespost ein paar Nachhilfestunden.

Am besten lassen wir den ehemaligen Kardinal selbst zu Wort kommen - mit einer Passage aus dem Nachwort zur Neuauflage von "Demokratie in der Kirche":

"Während von der Gründung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs das Zentralkomitee überwiegend gegen die herrschende politische Klasse stand und freilich katholischen Politikern Raum zu schaffen suchte, ist in der Nachkriegszeit eine immer stärkere Verschmelzung mit der Politik vor sich gegangen. Nahezu alle bekannteren Mitglieder des ZdK, die ihm sein Gesicht in der Öffentlichkeit geben, sind als Politiker tätig; die meisten Vorsitzenden des ZdK in den letzten dreißig Jahren waren bzw. sind aktive Länderminister. Obgleich man sich müht, auch SPD-Vertreter mit an Bord zu haben, ist damit eine Verschmelzung mit Parteiaspekten fast unvermeidlich. Vor allem aber verschwimmt die Grenze zwischen den spezifischen Formen politischen Handelns und dem Zeugnis des Glaubens. Natürlich versucht man, in der Politik das Bestmögliche aus der Sicht des Glaubens zu erreichen, aber da gibt es in einem Staat mit abnehmendem Gewicht christlichen Glaubens Grenzen.

Das politisch Erreichbare wird nun wie von selbst zum Maßstab; über dieses politisch Mögliche hinauszugehen, erscheint als eine Form von Fanatismus oder gar 'Fundamentalismus': Die Debatte um den Beratungsschein hat dies sehr deutlich gezeigt. Was politisch das äußerst Erreichbare war, darf von der Kirche nicht in Frage gestellt werden. Daß die Politiker nur mit einer Seele denken und nicht im ZdK gegen Lösungen auftreten können, die sie in der Politik durchsetzen halfen, ist klar. Aber daß hier eine gefährliche Vermischung von Glaube und Politik vor sich geht, ist ebenso offenkundig.

Damit hängt die zweite Änderung in der Aktionsrichtung des ZdK zusammen, auf die ich hier hinweisen möchte. Hatte man früher kritisch und auch kämpferisch in den Raum von Politik und Gesellschaft hineingesprochen, so besteht dazu jetzt kaum noch eine Notwendigkeit, weil man ja die entsprechenden Initiativen selber im politischen Raum ergreifen kann. So dominieren automatisch innerkirchliche Auseinandersetzungen. Man nimmt Stellung zu den seit dem Konzil beträchtlich vermehrten innerkirchlichen Streitigkeiten. Das bedeutet, daß die Kirche, soweit sie sich im ZdK darstellt, immer mehr um sich selber kreist, immer mehr mit sich selbst beschäftigt ist, anstatt ihre Energien darauf zu verwenden, das Evangelium verständlich und wirksam zu den Menschen zu bringen - in einer Zeit, in der in verschiedenen Regionen Deutschlands die Mehrheit der Bürger ungetauft ist und auch viele Getaufte nur noch sehr vage Vorstellungen vom Glauben haben, eine wahrhaft dringliche Aufgabe. Aber das apostolische Element verschwindet fast hinter dem Strukturellen. Diese Stoßrichtung hat nahezu unvermeidlich zur Folge, daß sich das ZdK immer mehr als eine Art Gegenlehramt, weniger gegen die Bischöfe als gegen das Lehramt des Papstes darstellt. Es gibt wohl in den letzten zwanzig Jahren wenig römische Lehrentscheide, denen nicht prompt eine schroffe Gegenerklärung des ZdK folgte: Das gefällt dem deutschen Selbstbewußtsein und scheint ein Zeichen zunehmender demokratischer Erwachsenheit der Kirche in Deutschland zu sein." (S. 85-7)

28. April 2005

Witzigkeitliches

"Why are there so many Catholic jokes? I have a couple of theories. Catholicism, even post-Vatican II, is otherworldly, sublime — and juxtaposing the sublime and the ridiculous is the essence of a certain kind of humor. The late Johnny Carson joked about a Catholic church in Beverly Hills that was so trendy there was a salad bar next to the communion rail.

Moreover, Catholicism with its vestments and candles is rich with resources for a prop comic. Father Guido Sarducci with his broad-brimmed Vatican cleric's hat wouldn't have been nearly as funny if he had been dressed like Billy Graham.

Writer Hilaire Belloc once wrote: 'Wherever the Catholic sun doth shine / There's always laughter and good red wine.'

Or a stein of Bavarian beer." (The Pope and a Rabbi Walk Into a Bar - LA Times)
Wenn der Papst bloggte -

aber vielleicht tut er's ja schon? Hier zum Beispiel.

Bless You

I love having a job where I get paid to make people feel happy and blessed. I can literally walk into a room and some people start crying because they feel so happy to see me. If I merely smile at them and whisper a blessing, I've made their year--maybe even their lifetime.

Some people feel inclined to kneel at my feet and kiss my hand. It was strange at first, but I'm starting to get used to it. I now carry those disinfecting wipes to clean my hands when they leave. You never know where those lips have been.

posted by Pope Benedict XVI | 5:46 AM | 3 comments


RCLite - die Generikafirma der Sancta Romana

Wie wäre es mit einem Spin Off, fragt sich Scott Ott(zitiert bei der
Gegenstimme). Ließe sich leichter mit anderen Christianity-Lite-Anbietern "mergen" und würde auf bestimmten Märkten den Umsatz erhöhen. Und gleichzeitig die Spezialisierung der Mutterfirma auf die Zukunftsmärkte erleichtern.
Noch'n Äkschn Aitem

"The pope could stand there before the [United Nations] and say, 'Vobiscum loquar lingua Latina! Haec mihi videntur facienda esse!' ('I am speaking with you in the Latin language! It seems to me that these things need to be done!'),' (...) He could speak to them in Latin and tell them that if they don't like it, they can just go home!"

So hat halt jeder seine eigenen, höchst persönlichen Wünsche und dieser hier von P. Reginald Foster, des Vatikans Lateinspezialist scheint mir nicht von vornherein, nein: a priori, an-den-Haaren-herbeigezogener als manche anderen. (USA Today)

27. April 2005

Les Murray: Poetry and Religion

Religions are poems. They concert
our daylight and dreaming mind, our
emotions, instinct, breath and native gesture

into the only whole thinking: poetry.
Nothing’s said till it’s dreamed out in words
and nothing’s true that figures in words only.

A poem, compared with an arrayed religion,
may be like a soldier’s one short marriage night
to die and live by. But that is a small religion.

Full religion is the large poem in loving repetition;
like any poem, it must be inexhaustible and complete
with turns where we ask Now why did the poet do that?

You can’t pray a lie, said Huckleberry Finn;
you can’t poe one either. It is the same mirror:
mobile, glancing, we call it poetry,

fixed centrally, we call it religion,
and God is the poetry caught in any religion,
caught, not imprisoned. Caught as in a mirror

that he attracted, being in the world as poetry
is in the poem, a law against its closure.
There’ll always be religion around while there is poetry

or a lack of it. Both are given, and intermittent,
as the action of those birds – crested pigeon, rosella parrot –
who fly with wings shut, then beating, and again shut.

[Religionen sind Gedichte. Sie bringen
unseren Tages- und Traumgeist in Einklang,
unsere Gefühle, Instinkte, den Atem und die uns angeborene Gestik

in das einzig vollkommene Denken: Dichtung.
Nichts ist gesagt, bis es in Worten hinausgeträumt ist
und nichts ist wahr, was nur in Worten wahr ist.

Ein Gedicht kann, verglichen mit einer geordneten Religion,
wie die kurze Hochzeitsnacht eines Soldaten sein
nach der man sterben und leben kann. Doch das ist eine kleine Religion.

Volle Religion ist das große Gedicht in liebevoller Wiederholung;
wie jedes Gedicht muß sie unerschöpflich und vollkommen sein
mit Wendungen, wo man sich fragt Warum hat der Dichter das wohl
getan?

Man kann eine Lüge nicht beten, hat Huckleberry Finn gesagt;
man kann sie auch nicht dichten. Es ist derselbe Spiegel:
beweglich, aufblitzend nennen wir es Dichtung,

um eine Mitte verankert nennen wir es eine Religion,
und Gott ist die Dichtung, die in jeder Religion gefangen wird,
gefangen, nicht eingesperrt. Gefangen wie in einem Spiegel,

den er anzog, da er in der Welt ist, wie die Poesie
im Gedicht ist, ein Gesetz gegen jeden Abschluß.
Es wird immer Religion geben, solange es Dichtung gibt

oder einen Mangel an ihr. Beide sind gegeben, und periodisch,
wie der Flug jener Vögel - Haubentaube, Rosellapapagei -
die so fliegen: die Flügel zu, dann schlagend und wieder zu.
Übs.: Margitt Lehbert]

Quelle
Manichäischer Journalismus

In einem früheren Posting ließ ich ja leichte Vorbehalte gegenüber John L. Allens Ratzingerbiographie anklingen. Damit befinde ich mich in guter Gesellschaft: in der des Autors selber.

Der nämlich zitiert in seinem "Word from Rome"(26. April 2005) aus einem eigenen Vortrag von 2004:

"My 'conversion' to dialogue originated in a sort of 'bottoming out.' It came with the publication of my biography of Cardinal Joseph Ratzinger, issued by Continuum in 2000 and titled The Vatican's Enforcer of the Faith. The first major review appeared in Commonweal, authored by another of my distinguished predecessors in this lecture series, Fr. Joseph Komonchak. It was not, let me be candid, a positive review. Fr. Komonchak pointed out a number of shortcomings and a few errors, but the line that truly stung came when he accused me of "Manichean journalism." He meant that I was locked in a dualistic mentality in which Ratzinger was consistently wrong and his critics consistently right. I was initially crushed, then furious. I re-read the book with Fr. Komonchak's criticism in mind, however, and reached the sobering conclusion that he was correct. The book - which I modestly believe is not without its merits - is nevertheless too often written in a "good guys and bad guys" style that vilifies the cardinal. It took Fr. Komonchak pointing this out, publicly and bluntly, for me to ask myself, 'Is this the kind of journalist I want to be'? My answer was no, and I hope that in the years since I have come to appreciate more of those shades of gray that Fr. Komonchak rightly insists are always part of the story."
Allen hat anscheinend ein neues Buch über BXVI in Arbeit, und das ist dann auf dem aktuellen Stand seiner Selbst- und Fremderkenntnis. Da bin ich gespannt.
"Ehrwürdige Institutionen müssen sich unterstützen" (Kai Diekmann)

Wieder einmal: Miserere nobis. (FAZ.NET)
Der Bär des Hl. Korbinian



(via The Curt Jester; zum Hintergrund vgl. kath.net)
Ratzinger-Fanclub-Uniform



Und warum gibt es die nur für "Girlies" (whatever a girly may be...)? (im Catholicism Wow-Shop)
Geheimagentin des Guten, Wahren und Schönen

Ein Nachruf auf Erika Fuchs, die Deutschlehrerin von Donald, Dagobert und den anderen allen: Korrekter Dativ (Welt)
Libertatis nuntius - Botschafter der Freiheit

Der "Mythos der Revolution" ist in der r.-k. Kirche mittlerweile um den "Mythos der Unterdrückung der Befreiungstheologie" ergänzt.

Für alle, die die Geschehnisse in den 80ern geburtsjahrbasiert nicht erlebt oder längst vergessen haben, gibt es eine Zusammenfassung, ebenfalls von Stephan Baier, ebenfalls in der Tagespost: Die Wahrheit macht den Menschen frei: Als Hüter des Glaubensschatzes musste Kardinal Joseph Ratzinger dem Mythos politischer Erlösung eine Grenze ziehen

26. April 2005

Die Zeit läuft

"Es kommt darauf an, dem neuen Papst jetzt Zeit zu lassen", so Karl Kardinal Lehmann vor der Presse und der interessierten Öffentlichkeit.

Ich höre da neben der Bitte um eine angemessene Einarbeitungsphase noch etwas anderes heraus - wenn schon nicht aus dem Munde des Kardinals, so bei etlichen anderen Statements ähnlichen Inhalts. Ich höre die Erwartung eines "nachvollziehenden Gehorsams" von Seiten B16s, der dem aufgeklärt-vorauseilenden seiner deutschen Herde hinterläuft - eine Erwartung, die für die nächsten 100 Tage aufgeschoben, sich aber anschließend wieder lautstark Bahn brechen wird.

Fortschritt in der Kirche scheint, wenn mich mein Ohr nicht trügt, darin zu bestehen, daß die Hirten den davonstürmenden Schafen hinterherhinken. Wenn sie angekommen sind, wo wir längst grasen - dann ist die Kirche uptodate, zeitgemäß, fortschrittlich, modern.

Mag auch in der Evolution des Lebens auf der Erde nur ein blinder Uhrmacher zuschauen statt lenkend einzugreifen: In der Kirche hat der Fortschritt noch eine klare Richtung, ist geplant, gelenkt und: erkennbar! Die Lösungen liegen bereit, der Papst muß nur zugreifen - und alles wird gut. Oder mindestens vieles besser!

Wer das nicht nicht glaubt, findet bei Stephan Baier in der Tagespost einen Verbündeten:

»Nach katholischem Maßstab kann nur progressiv sein, wer konservativ ist. Nur wer den Glaubensschatz vollständig und unversehrt bewahrt (lateinisch „conservare“) kann einen Fortschritt (lateinisch „progressus“) für die Kirche erzielen. Der bewahrte Glaube ist zugleich der Kompass, der dem pilgernden Gottesvolk das Ziel weist: Christus. Wer keine Orientierung und kein Ziel hat, kann gar nicht fortschreiten, kann keine Fortschritte machen, sondern allenfalls herumirren. Aber keine Bange: Joseph Ratzinger ist so konservativ, dass Papst Benedikt XVI. wirklich progressiv sein kann! Er wird dem pilgernden Gottesvolk schon Beine machen!«

25. April 2005

Frühlingslektüre

Passend zu Jahreszeit und historischem Geschehen:



Macht allerdings einsam, u.U. jedenfalls: "Was lachst du denn schon wieder? Kannst du nicht woanders hingehen zum Lesen?"
Klaus "Kassandra" Berger

Im Interview bei Sinfonia Sacra

24. April 2005

Meine Bilder der Woche









Quellen: diverse
Sind Sie ein Christ, Herr Papst?

Ah ja, richtig, Matthew Fox. Irgendwann in den frühen Neunzigern, oder war's noch früher. Mein Gott, was mag aus dem wohl geworden sein?

"Kritisch" ist er jedenfalls geblieben, nur die Peinlichkeit hat zugenommen und seine Neugier:

»6. According to a serious study done on the death of Pope John Paul I, cardinals were part of the plot that killed him. Do you know which cardinals were involved in his murder and have they ever been brought to justice?

11. How do you sleep at night knowing that your theology of no birth control is contributing to the destruction of 25,000 other species annually as well as to the degradation of life among human beings?

18. Are you a Christian? (A canon lawyer who spent years in Rome told me that to understand you I had to first realize that you are not a Christian.) Can you prove it to us please.«(Welcome: 22 Questions for Cardinal Ratzinger and the Silver Lining in the Election of this first Grand Inquisitor as Pope)
Es geht auch anders

Traugott Giesen gratuliert im Gegensatz zu den Jepsens und Käßmännerinnen mit viel Stil und Esprit!

Giesen for Kirchenpräsident, Superintendent oder Landesbischof oder wie das heißt!!
Slow down

Thomas Kielinger plädiert für die "Entschleunigung der Prognosen" und gegen Timothy Garton Ash:

»Timothy Garton Ash etwa, der hochangesehene britische Zeithistoriker, "weiß" in einem Aufsatz im "Guardian", "daß dieser alternde, gelehrte, konservative, uncharismatische bayerische Theologe mit Sicherheit genau jene Entchristlichung Europas beschleunigen wird, die er sich vorgenommen hat aufzuhalten." Garton Ash ist wenigstens ehrlich, indem er voranstellt, woher er sozusagen kommt: "Atheisten sollten die Wahl Benedikts XVI. begrüßen. (...)

Der Westen hat sein Problem mit den positiven Revolutionären in seiner Mitte. Er begrüßt sie mit Mißtrauen oder Abwehr, um ihnen nachträglich den Lorbeer zu winden. Vielleicht muß das so sein, muß die sittliche Kraft ihr Veränderungspotential erst demonstrieren können. Um so wichtiger ist es, vorschnelle Urteile zurückzuhalten. Man muß ja nicht gleich dem chinesischen Rat folgen: "Was die Französische Revolution bedeutet, das zu sagen, ist vorerst noch zu früh." («Das konservative Paradox)
Es gibt sie noch, die Skeptiker
(und das ist auch gut so!)

Nils Minkmar hinterfragt den BXVI-Jubel auf allen Seiten und konstatiert bei sich einen grundlegenden Papstdefekt. (Ich hoffe, daß er sich damit den Neusympathisanten und Altfans von BXVI auch überlegen fühlt - denn warum sollten wir uns sonst mit seinem Text abgeben. ;-)):

"Der Raum des Ästhetischen, des Symbolischen und Moralischen, der ist heute hell erleuchtet und viel besucht. Das eigentliche, ernste Geschäft der religiösen Praxis wird woanders betrieben, und da ist es leer, dunkel und still. (...)

Vom Vatikan geht keine Gefahr mehr aus. Den Papst gut zu finden, weil er das Ende der Beliebigkeit ankündigt - das ist eine beliebte und beliebig revidierbare Haltung. Der unbefangene Jubel so vieler hat auch damit zu tun, daß die katholische Kirche für sie harmlos ist." (FAZ.NET)

23. April 2005

Rüttgers ist seinen Kritikern richtig überlegen!

Nachdem ein dafür auch noch bezahlter Idiot in meiner Lokalzeitung schon einen "Kreuzzug" befürchtet und die politisch-korrekten Hysteriker und Meinungskastrierer loslegen, sei das Interview Friedman - Rüttgers auch hier 1. dokumentiert und 2. kommentiert:

Friedman: Zum gleichberechtigten Respekt aller Kirchen sagt Benedikt XVI: "Die katholische Kirche ist allen anderen Kirchen überlegen." Hat er Recht?

Rüttgers: Er sagt, dass das, was er glaubt, und das, was seine Kirche glaubt, das Richtige ist. Und ich finde, das darf er auch.

Friedman: Ich sage noch einmal: Die katholische Kirche sei allen anderen Kirchen überlegen.

Rüttgers: Ich hab das schon verstanden. Er sagt, das ist das Richtige, und wenn's das Richtige ist, dann muss er zwangsläufig sagen, dass das andere nicht richtig ist.

Friedman: Und was sagen Sie?

Rüttgers: Ich glaube, dass wir wieder lernen müssen, dazu zu stehen, dass wir wieder etwas für wahr und etwas für unwahr halten. Ich bin Katholik und ich glaube, dass unser christliches Menschenbild das Richtige ist und nicht vergleichbar ist mit den anderen Menschenbildern, die es anderswo auf der Welt gibt.

Friedman: Aber wir sprechen von dem Begriff "überlegen". Ist die katholische Kirche und ihr Menschenbild anderen Religionen überlegen?

Rüttgers: Ich glaube, dass es das Richtige ist, wenn Sie wollen auch "überlegen".

Friedman: Was bedeutet das denn eigentlich für einen Protestanten, einen Juden oder einen Moslem, wenn Sie sagen, die katholische Religion ist den anderen überlegen?

Rüttgers: Das bedeutet, dass er von seiner genauso überzeugt sein kann und dass man auf der Basis dann anfängt miteinander zu reden. (übernommen von Martins Katholischem Notizbuch)
Zuerst einmal müsste doch eigentlich Michel Friedman eins auf die Mütze kriegen - dafür daß er einen differenziert denkenden und argumentierenden Theologen wie Benedikt XVI. (B16) auf einen Knüppelsatz zusammenschnurren läßt.

In seiner ersten Antwort meint Jürgen Rüttgers, daß B16 das Recht zustehe, diese Meinung zu haben und sie auch sagen zu dürfen. Nichts verwerflich daran, oder?

Friedman will natürlich, daß Rüttgers den Satz inhaltlich verwirft oder korrigiert (und damit direkt oder indirekt B16 an den Karren geht: die CDU contra den Papst - heißa!) oder ihm inhaltlich zustimmt - die Berufung von Rüttgers auf die päpstliche Meinungs- und Redefreiheit reicht ihm nicht.

Rüttgers versucht es mit Logik - umsonst: Wenn die Feststellung A ("die katholische Kirche ist anderen christlichen Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften aus bestimmten Gründen") nicht das gleiche meint wie die Feststellung B ("die katholische Kirche ist anderen christlichen Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften nicht überlegen, sondern gleichwertig oder unterlegen"), dann ist B16, wenn er Feststellung A zustimmt, gezwungen, er kann und darf gar nicht anders, ja er wäre ein Lügner, wenn er öffentlich Feststellung A ablehnen und Feststellung B zustimmen würde.

Friedman lässt nicht locker und stellt die ultimative Frage: "Du aber, was glaubst Du? Nicht ausweichen, Jürgen: Sag mir, wo Du stehst?"

Und jetzt beginnt Rüttgers mit einem einschränkenden "Ich glaube", an das er dann eine allgemeine Forderung anschließt: daß wir nämlich für das einstehen sollten, das wir für wahr oder richtig (oder wenigstens, ergänze ich: für wahrer oder richtiger im Vergleich zu anderem) halten. Und praktiziert genau das selbst: Er steht für das ein, was er glaubt. (Selten genug bei Politikern, und zwar ganz unabhängig von dem was sie glauben...)

Friedman macht aus dem "richtig" ein "überlegen" - "Ist das, was Du für richtig hältst, auch dem, was Du für falsch oder für teilrichtig hältst, überlegen?" - Erst das komparative überlegen riecht nach Skandal, und Friedman säße auf dem verkehrten Stuhl, würde er jetzt nicht weiterfragen.

Rüttgers scheint es egal zu sein, ob er "anbeißt", und praktiziert weiter simple Logik: Wenn es richtig ist, ist es dem Falschen oder Teilrichtigen in puncto Wahrheit überlegen. "2 + 2 = 4" ist "2 + 2 = 3,9" überlegen - weil es richtig ist und die andere Rechnung zwar nahe dran, aber eben doch nur das. Würde Rüttgers "2 +2 = 3,9" für richtig halten, sollte er uns auf jeden Fall seine Lösung als die richtige Lösung präsentieren - mindestens so lange, als er von ihrer Richtigkeit überzeugt ist. Wir anderen könnten dann feststellen, ob er rechnen kann oder nicht.

Und wir können dann, wenn Rüttgers uns seine Rechnung mitsamt Begründung vorstellt, auch die verschiedenen Ergebnisse und Rechenwege vergleichen, uns gegenseitig überzeugen, vielleicht auch im Dissens auseinandergehen. Genau das also, was Rüttgers (und Ratzinger a.k. Benedikt XVI.) als die Voraussetzung eines sinnvollen Gesprächs definieren.

Was die Rüttgers-Kritiker fordern, ist der Verzicht, irgendetwas öffentlich für wahr zu halten, und Wahrheitsüberzeugungen stattdessen auf einen privaten Raum zu begrenzen - den es in Wahrheit (halt, das darf ich ja jetzt nicht mehr sagen...) nicht gibt. Es ist die Forderung, Religion nicht mehr als Weg der Wahrheitserkenntnis zu sehen und zu praktizieren, sondern alle indikativen Sätze einer Religion zu relativieren, menschheits-, gesellschafts- oder individualgeschichtlich zu historisieren. Es ist die Forderung nach dem Tod von Religion, wie wir sie kennen, und nach ihrer Auferstehung als Therapeutikum - "Hauptsache, es hilft und ich fühl' mich besser"-, als Meinung mit dem Radius Null, als neuronale Abläufe ohne Bezug zur Außenwelt: Denn der liesse sich ja schon wieder als richtig oder falsch, als adäquat oder "daneben", als wahr oder unwahr qualifizieren...

Die Liste derer, die Jürgen Rüttgers laut Spiegel kritisieren, sollte man sich merken: Es sind entweder Feiglinge, Kurzdenker oder Narren.

[Mit kleinen Ergänzungen und Korrekturen versehen am 24.4.05 - scipio]

22. April 2005

Der mutigste Politiker des Jahres -

wenn es diesen Titel gäbe, dann hätte ihn sich Jürgen Rüttgers verdient. Er ist anscheinend einer, der einsteht für das, was glaubt, und der anderen genau das auch zugesteht und zutraut! Nachzulesen ist die bestandene Mutprobe im Katholischen Notizbuch.
Sein Wunschzettel

Was erwartet, ja fordert eigentlich Joseph Ratzinger vom Papst? Man kann das heute in der FAZ (S. 8; gibt's für €1,50 an jedem Kiosk) nachlesen.

Der Text mit dem Titel "Der Stellvertreter Christi" ist zwar schon älter, aus dem Jahr 1977 nämlich, aber der Name "Ratzinger" steht ja für Kontinuität...

Ein paar Sätze:

"Diese persönliche Haftbarkeit, die den Kern der Primatslehre bildet, steht also nicht gegen die Kreuzestheologie und nicht gegen die 'humilitas christiana', sondern folgt aus ihr und ist der Punkt ihrer letzten Konkretheit, zugleich der öffentliche Widerspruch gegen die Macht der Welt als einziger Macht und das Aufrichten der Macht des Gehorsams gegen die Weltmacht. Vicarius Christi ist ein zutiefst kreuzestheologischer Titel und darin eine Auslegung von Mt 16, 16-19 und von Joh 21, 15-19 auf ihre innere Einheit hin.

Zur Bindung, die von Joh 21 her als definierendes Kennzeichen des Papstamtes zu bezeichnen ist, wird es ohne Zweifel auch gehören, daß dieses Hineingebundensein in den Willen Gottes, der im Wort Gottes ausgesagt ist, Hineingebundensein in das Wir der ganzen Kirche bedeutet: Kollegialität und Primat sind aufeinander verwiesen. Aber sie lösen sich nicht so ineinander auf, daß die persönliche Verantwortung in anonymen Gremien verschwindet. (...)

So hat denn Pole auch die These vertreten, daß derjenige am meisten zum Papst geeignet sei, der von den Gesichtspunkten menschlicher Kandidatenauswahl, von den Idealen politischer Klugheit und Durchsetzungskraft her, am wenigsten in Frge komme: Je mehr einer dem Herrn ähnlich ist uns sich somit (objektiv) als Kandidat empfiehlt, um so weniger wird er von der menschlichen Vernunft für regierungsfähig gehalten, weil die Vernunft nicht die Erniedrigung, das Kreuz einsehen kann."
Fragen über Fragen

Was nun? / FAZ.NET

21. April 2005

Das Lied der häßlichen Zwiebel

Ich habe ja angekündigt,daß ich mich wieder stärker anderen Themen zuwenden werde. In diesem Sinne:

"I was an onion before Christ set me free.
Layers upon layers of iniquity.
An ugly old onion whose fragrance was strong;
That my Jesus bought and loved all along.

Unknown to me what He was going to do.
Of what He was planning, I had not a clue.
Pulling each layer off one by one.
In order to make me more like Jesus the Son."

Die anderen 11 Strophen aus der Feder oder der Tastatur des unbekannten Dichters finden sich hier.
Mach' hinne!

Nicht nur ich, auch die Großkritiker sind müde. Oder wie soll man es sonst erklären, daß noch keiner gefordert hat, daß bis morgen um 12.00 Uhr die folgenden Punkte abgehakt sind:
  • Neubesetzung der wichtigsten Posten (Privatsekretär, CdF-Chef, Ökumene-Kardinal)
  • Roadmap zur vollständigen Abendmahlgemeinschaft mit allen christlichen Gemeinschaften
  • Widerruf aller nach 1850 erlassenen Dogmen ("Äh, sind nur drei? Das müssen doch mehr sein!")
  • Einleitung der dringlichsten Reformschritte zur Kirchenliberalisierung
  • Termin des nächsten Assisi-Treffens sowie - noch wichtiger - des 3. Vatikanischen Konzils
  • Rehabilitation von H. Küng, L. Boff, C. Curran, G. Hasenhüttl et al.
  • Ernennung von E. Drewermann zum Leiter der neu errichteten Kongregation für "integrative Spiritualität" (congregatio ad integrationem psychoanalyticam ascesis mysticaeque catholicae - CAIPAMC)
(Nur sehr matte Ansätze bei: Zeit für Personalentscheidungen im Vatikan | tagesschau.de)
Ad multos annos!

"Es wird da sehr hämisch oder leichtfertig vom Übergangspapst gesprochen. Was soll das heißen? Zwei drei Jährchen und dann kommt der Neue? Was ist, wenn Kardinal Ratzinger uns irgendwann die Meldung schenkt 'Papst Benedikt XVI. feiert morgen den 102. Geburtstag'. Da machen aber manche ganz schön lange Gesichter. Würd' mich nicht wundern, wenn heute ein bisschen im kleinen Kreis gefeiert wird im Petersdom und die CD aufgelegt wird 'In the year 2525, 2525...'." (Harald Schmidt)
Indeed



(via Heart, Mind & Strength - Blog Admin Panel)
Zurück zum Wesentlichen - Fortsetzung



Maria erscheint in Chicago. (Spiegel Online)

Zurück zum Wesentlichen!

Erst zwei Tage, und mir reicht es eigentlich schon, permanent das "Geheimnis des Bösen", das sich zur Zeit als "Geheimnis der vorsätzlichen und lautstarken Dummheit" offenbart, zu bekämpfen. Es ist langweilig, allen Schlichtdenkern mit dem "Salz der Erde", der "Einführung in das Christentum" oder gar dem "Geist der Liturgie" aufs Hirn klopfen zu müssen...

Vor allem aber: Es bringt die Gefahr mit sich, "seinen Katechismus gegen jemanden zu lernen" (Henri de Lubac ) und damit selber in einen einseitigen Glauben abzugleiten. "Die Schönheit des Glaubens als Lebensgrundlage" - wie Heinz-Joachim Fischer heute in der FAZ den Werdegang von B16 zusammenfasst - darum muß es gehen. Nicht um die Idioten bei der dpa, die "Ratzinger für Dummies"-Listen zusammenstellen, sondern:

um den EInen, "den DRei", wie IHn ein lateinamerikanischer Theologe nennt,

um SEine Liebe zu uns, die in den drei Tagen zwischen Donnerstag abend und Sonntag morgen ihren Höhepunkt erreicht,

um SEine Fremdheit in der Welt,

um SEine Gegenwart in der Kirche, in ihren Sakramenten und Heiligen, in ihren alltäglichen Vollzügen und in ihrem, meinem Scheitern,

um SEine Spuren und Zeichen in unserem Leben,

um Glaube, Hoffnung Liebe,

um Wahrheit, Güte, Schönheit.

um den GRößeren, vor dem meine und unsere Sprache stockt und verstummt.

Auch B16 wird sich bald wieder genau diesen Dingen zuwenden. Nicht: wieder. Er hat ja gar nicht damit aufgehört:

"Wir aber haben ein anderes Maß: Den Sohn Gottes, den wahren Menschen. Er ist das Maß des wahren Humanismus. 'Reif' ist nicht ein Glaube, der den Wellen der Mode und des letzten Schreis folgt; erwachsen und reif ist ein Glaube, der tief in der Freundschaft mit Christus verwurzelt ist. Es ist diese Freundschaft, die uns all dem gegenüber öffnet, was gut ist und uns das Kriterium liefert, zwischen Wahr und Falsch zu unterscheiden, zwischen Betrug und Wahrheit. Diesen erwachsenen Glauben müssen wir reifen lassen, zu diesem müssen wir die Herde Christi führen. Und es ist dieser Glaube – nur der Glaube –, der Einheit stiftet und sich in der Liebe verwirklicht." (JKR am 18. April 2005)

20. April 2005

Amazon-Topseller am 20.4.05

7 x B16 unter den ersten Zehn, und der Katechismus der Katholischen Kirche auf Platz 12.

Nun: Gekauft ist nicht gelesen, und gelesen ist nicht geglaubt... Aber immerhin ein erster Schritt zu einem fairen Urteil... (Hinweis von Petra, die jetzt auch bloggt.)
Imagine: 80 Million German Popes mit "deutschem Wesen"

Es kann immer noch schlimmer kommen als man denkt:

"Wir sind Kirche!" ist ja lange vorbei. Doch heute ruft die B**D-Zeitung laut und unübersehbar nach Rom und in die Welt: "Wir sind Papst!"

Miserere nobis.
Für die Schnellmerker

Weil es immer noch deutsche Journalisten gibt, die ernsthaft von einem Kardinal Ratzinger Fanclub faseln:



Einer von diesen netten jungen Männern ist der Fanclub. Einfach ein bißchen recherchieren und weniger abschreiben hätte echt genügt...

19. April 2005

How many roads?

"Einmal fragte ich ihn, wie viele Wege zu Gott es denn insgesamt gäbe. Ich wußte wirklich nicht, was er antworten würde. Er hätte sagen können: einen einzigen; oder: mehrere. Der Kardinal brauchte nicht lange für seine Antwort: So viele, sagte er, wie es Menschen gibt." (Peter Seewald im Vorwort zu: Joseph Kardinal Ratzinger: Salz der Erde)

Jetzt aber Schluß mit ernsthaft. Jetzt wird gefeiert. Das Erdinger wartet.
Papa Germanicus

Matthias Matussek im Spiegel Online:

"Der Heilige Geist hat sich da tatsächlich eine mächtige Pointe geleistet, den Papst ausgerechnet bei denen zu rekrutieren, die ihn am nötigsten haben: bei den Deutschen. Das Drama der Modernität begann schließlich in Deutschland, und es sind die Deutschen, die es am weitesten getrieben haben. (...)

Lange, das lässt sich getrost sagen, ist der Welt nicht mehr soviel Hoffnung gebracht worden von einem Deutschen wie an diesem Tag, als über der Sixtinischen Kapelle der weiße Rauch aufstieg und der Purpur-Vorhang zu Seite gezogen wurde."
Typisch deutsch

Der lieben Elisabeth ist das Tagesereignis wirklich in die Tastatur gefahren, aber da war sie im "Heimatland" garantiert nicht die einzige:

"Das aus JR nun Benedikt XVI. am heutigen Dienstag wurde, ist nicht nur für uns Deutsche ein ziemlicher Schock, auch andere Nationen, insbesondere unsere Glaubensgeschwister in Südamerika ,Afica und Asien dürften sehr getroffen sein!"

Die Weltkirche freut sich, und wir deutschen Christen scharen uns um unser Trauermücken Küng, Drewermann und Hasenhüttl. Alles wie gehabt. Jetzt bloß nicht ultramontan werden.

(Ich sehe schon, meinereins wird demnächst ganz schön viel Spaß haben. ;-))

Die Wahrheit, nichts als die schmutzige Wahrheit...

Die ersten Google-Suchen nach "Ratzinger NS-Vergangenheit" oder "Ratzinger Liebesverhältnis" sind schon auf meinen Seiten gelandet...

Liebe Leute, lest doch einfach seine Autobiographie, da steht ein bißchen was. Oder John L. Allen, solange dessen Buch noch nicht vergriffen ist. Garantiert mehr, als ihr jemals wissen wolltet. Und Allen ist sogar einigermaßen kritisch...
Welcher Benedikt?

Nun, vielleicht der des Alasdair McIntyre?

"Diesmal [in Abhebung zur Spätantike und dem Untergang des Römischen Reiches, zu der AM gewisse Parallelen in der Gegenwart sieht; scipio] warten die Barbaren allerdings nicht jenseits der Grenzen; sie beherrschen uns schon seit einer ganzen Weile. Und gerade das mangelnde Bewußtsein dessen macht einen Teil unser mißlichen Lage aus. Wir warten nicht auf einen Godot, sondern auf einen anderen, zweifelsohne völlig anderen heiligen Benedikt." (Der Verlust der Tugend.- Frankfurt: Suhrkamp, 1995, S. 350)
Il Papa nuovo

Der neue Papst ist eine öffentliche Person, einer, der allen gehört.

Lassen wir Joseph Ratzinger doch noch einmal selbst zu Wort kommen, und helfen damit vielleicht sogar, Vorurteile abzubauen. ("Was, das soll er gesagt haben?"):

"Wenn die Kirche vor allem Gott verkündet, spricht sie nicht von einem unbekannten Gott, sondern von dem Gott, der in seinem Sohn Fleisch angenommen und uns sein Herz offenbart hat, das uns liebt bis zum Ende, bis zum Tod am Kreuz. In der christlichen Verkündigung läßt sich alles auf Gott zurückführen, aber Gott ist in Christus der wahre Immanuel.

Die Kirche verkündet nicht eine Anhäufung von Dogmen und Geboten, deren Joch zu schwer für die Menschen ist, sondern sie verkündet ein 'süßes und leichtes Joch': Gott, der in Christus bei uns ist, der uns führt und uns mit seiner Liebe trägt." (Sondersynode zu Europa, 30Tage, Januar 1992, S. 19)

"Mit demselben Realismus, mit dem wir heute die Sünden der Päpste aussagen, ihre Disproportion zur Größe ihres Auftrags, müssen wir auch anerkennen, daß immer wieder Petrus der Fels gegen die Ideologien war; gegen das Auflösen des Wortes in die Plausibilitäten einer Zeit; gegen die Unterwerfung unter die Mächtigen dieser Welt.

Indem wir dies in den Fakten der Geschichte sehen, feiern wir nicht Menschen, sondern preisen wir den Herrn, der die Kirche nicht verläßt und der sein Felssein durch Petrus, den kleinen Stolperstein, ausüben wollte: Nicht 'Fleisch und Blut' retten, aber der Herr rettet durch die, die aus Fleisch und Blut sind, hindurch. Das zu leugnen ist nicht ein Mehr an Glaube, nicht ein Mehr an Demut, sondern es ist das Zurückweichen vor der Demut, die Gottes Willen so anerkennt, wie er ist.

Daher bleibt die Petrusverheißung und ihre geschichtliche Verwirklichung zu Rom im tiefsten immer neu Grund zur Freude: Die Mächte der Hölle werden sie nicht überwältigen." (Zur Gemeinschaft gerufen.- Freiburg: Herder, 1991, S. 69)

"Die grundlegende Befreiung, die die Kirche uns geben kann, ist das Stehen im Horizont des Ewigen, der Ausbruch aus den Grenzen unseres Wissens und Könnens. Der Glaube selbst in seiner ganzen Größe und Weite ist daher immer wieder die wesentliche Reform, die wir brauchen; von ihm her müssen wir die selbstgemachten Ordnungen in der Kirche immer wieder überprüfen. (...)

Es gibt heute auch in höheren kirchlichen Kreisen da und dort die Meinung, ein Mensch sei um so mehr ein Christ, je mehr er in kirchliche Aktivitäten eingebunden ist. Man treibt eine Art kirchliche Beschäftigungstherapie; für jeden wird ein Gremium oder jedenfalls irgendeine Tätigkeit in der Kirche gesucht. Irgendwie - so denkt man - müsse immer kirchlicher Betrieb sein, müsse irgendwie über Kirche geredet oder etwas an oder in ihr gemacht werden. Aber ein Spiegel, der nur sich selber zeigt, ist kein Spiegel mehr; ein Fenster, das nicht den Blick ins Weite freigibt, sondern sich dazwischenstellt, hat seinen Sinn verloren." (ebd., S. 135)

Ich kann mir denken, daß dieser Theologenpapst vielleicht sogar Karl Rahner posthum glücklich machen wird, indem er die bislang vermißte Enzyklika über den Atheismus schreibt...
Gaudium maximum

Aus gutem Anlaß: I'm gonna get personal.

Da saß ich in einem Vorstadtstau fest und höre im Radio Kardinal Medina Estevez den "dominum Josephum" nennen. Ich habe gleichzeitig den Kopf geschüttelt, gelacht und geweint. Nein, ich hätte es nicht gedacht. Nie im Leben. Trotz des Geredes von den "50 Stimmen", die er schon im Vorfeld gesammelt habe. Als Favorit rein, als Papst raus. Ein Deutscher, ein Bayer noch dazu. Ein weltbekannter Intellektueller, ein Kontrapol zu JPII. Einer, bei dem es mir leicht fällt, auch weiterhin an der pästlichen Unfehlbarkeit festzuhalten. Ein Vielschreiber und Vielverleumdeter. Lover and Fighter. Ein geistlicher Mensch und einer, der ganz gewiß nicht umsonst den Namen Benedikt gewählt hat. (Immerhin hat der österreichische Standard schon den 15. Benedikt entdeckt... Kompliment!)

Gott segne ihn, den Benedikt, den Gesegneten! Ihn und die "ganze heilige Kirche" und all die, denen er begegnen wird!

"Liebe Brüder und Schwestern, nach dem großen Papst Johannes Paul II. haben die Kardinäle mich, einen einfachen und schlichten Arbeiter im Weinberg des Herrn, erwählt. Mich tröstet, dass Gott durch unzureichende Werkzeuge zu arbeiten weiß, und ich vertraue mich eurem Gebet an. In der Freude des Herrn und mit seiner beständigen Hilfe, arbeiten wir mit Maria, seiner Mutter, die an unserer Seite ist."
Es gibt sie noch, die echten Protestanten...



Aus dem amerikanischen Heartland: Controversy continues over pope reference on church sign.
Ein Romtagebuch

- diesmal von Richard John Neuhaus.
"Möglicherweise gab es dafür schon Anzeichen - in den beiden weiteren Wahlgängen heute vormittag"

Wortwahl der armen Teufel, die etwas sagen müssen, ohne etwas sagen zu können:

"die Unterschiede ... waren wohl zu groß", "Bis zuletzt war unklar gewesen", "wird spekuliert", "Dort geht man davon aus", "in dem Ratzingers Anhänger erst mal ihre Stimmen in die Waagschale geworfen hätten", "Damit hätten sie die absolute Mehrheit zumindest gestreift", "Das könnte die zögerlichen Kandidaten überzeugen", "denn aktuelle oder bestätigte Informationen gibt es keine" (tagesschau.de)
"Dauerbrenner auf niedrigem Niveau"

"Sie werden lachen - die Bibel." (B. Brecht)

Ich würde nicht sagen, daß mich das wundert.

"Zeitgemäßer ist für viele Menschen jedoch religiöse Literatur, die sich konkret auf ihre Lebensphase und Probleme bezieht." (Wolfgang Neumann, Lembeck-Verlag)

Aha: zeitgemäßer; konkret; Lebensphase; Probleme. Um den 1968 33jährigen Theologieprofessor sinngemäß zu zitieren, der weiter unten schon einmal zu Wort kam: Gottes Wort ist nicht die Antwort auf alle Fragen, sondern die Frage hinter allen Antworten.

18. April 2005

Reformgegner

"Die wirklich Glaubenden messen dem Kampf um die Reorganisation kirchlicher Formen kein allzu großes Gewicht bei. Sie leben von dem, was die Kirche immer ist. Und wenn man wissen will, was Kirche eigentlich sei, muß man zu ihnen gehen. Denn die Kirche ist am meisten nicht dort, wo organisiert, reformiert, regiert wird, sondern in denen, die einfach glauben und in ihr das Geschenk des Glaubens empfangen, das ihnen zum Leben wird.

Nur wer erfahren hat, wie über den Wechsel ihrer Diener und ihrer Formen hinweg Kirche die Menschen aufrichtet, ihnen Heimat und Hoffnung gibt, eine Heimat, die Hoffnung ist: Weg zum ewigen Leben - nur wer dies erfahren hat, weiß, was Kirche ist, damals und heute."

So Joseph Ratzinger in der "Einführung in das Christentum" (München: dtv, 1977, S. 254)

[Um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich halte Kardinal JR nicht für einen Reformgegner, sondern wollte das Bild, das unsere Öffentlichkeit von ihm hat, mit einem Originalzitat korrigieren, das ihn als "Reformskeptiker" ausweist, und zwar als einen mit sehr guten Gründen...; sc/19.4.]
Was bleibt

Ganz und gar nicht panzerkardinale Sätze aus der heutigen "Missa pro eligendo papa":

"Alle Menschen wollen eine Spur hinterlassen, die bleibt. Aber was bleibt? Das Geld nicht. Auch die Gebäude bleiben nicht; ebenso wenig die Bücher. Nach einer gewissen, mehr oder weniger langen Zeit verschwinden all diese Dinge.

Das einzige, was ewig bleibt, ist die menschliche Seele, der von Gott für die Ewigkeit erschaffene Mensch. Die Frucht, die bleibt, ist deshalb diejenige, die wir in den menschlichen Seelen gesät haben - die Liebe, die Erkenntnis; die Geste, die es schafft, das Herz zu berühren; das Wort, das die Seele öffnet, hin zur Freude des Herrn. (...) Nur so wird sich die Erde vom Tal der Tränen in den Garten Gottes verwandeln." (Quelle)

17. April 2005

Sixtina

"'Alles ist vor den Augen Gottes nackt und offen!' hat ihnen Johannes Paul II. vor zwei Jahren eigens zu dieser Stunde geschrieben. Die Wahl seines Nachfolgers ist nicht nur urdemokratisch; es ist vor allem ein liturgischer Akt: ein Gottesdienst." (Paul Badde)
Wir haben etwas mitzuteilen

„Wir wollen kein Reich der Macht gründen, aber wir haben etwas mitzuteilen, dem eine Erwartung unserer Vernunft begegnet. Es ist mitteilbar, weil es zu unserer gemeinsamen menschlichen Natur gehört, und es gibt die Pflicht der Mitteilung für den, der einen Schatz der Wahrheit und der Liebe gefunden hat. Die Vernünftigkeit war also Postulat und Bedingung des Christentums, und es bleibt ein europäisches Erbe, mit dem wir uns friedlich und positiv sowohl mit dem Islam als auch mit den großen asiatischen Religionen konfrontieren. Diese Vernünftigkeit wird gefährlich und zerstörend für den Menschen, wenn sie positivistisch wird und die großen Werte unseres Seins auf die Subjektivität reduziert. Sie wird so zu einer Amputation des Menschen.“ „Ich will betonen“, fuhr Ratzinger fort, „Europa muss die Vernünftigkeit verteidigen. An diesem Punkt müssen auch wir Gläubigen dem Beitrag der säkularen Gesellschaft, der Aufklärung dankbar sein. Sie muss ein Dorn in unserem Fleisch bleiben. Aber auch die säkulare Gesellschaft muss den Dorn in ihrem Fleisch akzeptieren, das heißt die gründende Kraft der christlichen Religion für Europa.“ (Tagespost )