21. November 2005

Auf anderes aufmerksam als auf sich selbst

Bedenkenswertes, unterwegs gelesen:

"Die Fixierung auf das eigene Heil, der die Kirche zur 'Heilsanstalt' wird, ist ... blind für die Einzigkeit Gottes und seiner rückhaltlosen Selbstzusage.

Gott geht es um uns. Aber hätte es daraufhin auch uns zuerst um uns zu gehen?

Als Philosoph gebe ich Sokrates das Wort - zwei Worte. Das erste nennt 'die ständige Sorge um die Gesundheit (das Heil) auch eine Krankheit'. Das bedarf jetzt keiner weiteren Erklärung.

Das zweite Wort stellt klar, das Gute sei 'anderes als retten und gerettet werden'. - Durch die ego-zentrierende Macht von Unheil und Krankheit ist das kranke bzw. 'unglückliche' Bewußtsein vor allem ein 'falsches'. Als stimmen auch seine Vorstellungen und Hoffnungsbilder von Heil und Gesundheit nicht. - 'Wer Zahnweh hat, hält jeden, desen Zähne gesund sind, für glücklich'.

(...)

Dann aber bestünde wahre Heilung nicht zuletzt darin, auch vom Gedanken an Heilung zu heilen? Heilung wäre dann zwar nicht - wie eben - unerwünscht; aber sie würde unthematisch? Hier strahlt die 'Selbst-Verständlichkeit' des Guten auf. (Im Gegensatz zum Zahnweh melden sich gesunde Zähne nicht).

Im Gedanken an Rettung kreist der Hoffende noch um sich. Wer lieben wollte, um glücklich zu werden oder auch nur, um der Einsamkeit zu entgehen, der liebte so gerade nicht. Darum gibt es zu denken, daß in der Nachfolge Kants ein heutiges Denken von Religion - bei Philosophen wie Theologen - fast gänzlich unter den Programmworten Sinn und Heil steht.

Das Problem allen Heilungsbemühens (und darum auch einer 'therapeutischen' Sicht der Offenbarung) sehe ich in der folgenden Paradoxie: Aus der gemeinsamen Sorge um den Erkrankten, aus der gesammelten Aufmerksamkeit auf sein Ich, soll gerade dies hervorgehen, daß er auf andere(s) aufmerksam wird als auf sich selbst. Daß dies paradox ist, heißt nicht, es sei unmöglich, aber wem diese Paradoxie nicht einmal bewußt ist, der scheitert gewiß." (Jörg Splett: ...subsistit in ecclesia catholica.- Int Kath Zeitschr Communio 2005; 34(5): 536f)

Kommentare:

Ralf hat gesagt…

Ah, noch ein COMMUNIO-Leser! Na gut, angesichts der gemeinsamen Vorliebe für HUvB keine Überraschung

Scipio hat gesagt…

Du auch? Das freut mich!
Früher habe ich jedes Heft von vorne bis hinten verschlungen, inzwischen bin ich aus Zeit- und Konzentrationsmangel ein bißchen wählerischer geworden und überspringe den einen oder anderen Autoren.

Seit einiger Zeit ist die COMMUNIO wieder "bunter" geworden, würde ich sagen... Ein bißchen vermisse ich aber die Artikel aus den anderen, internationalen Ausgaben - anscheinend wurde die "alte" Vereinbarung aufgehoben, daß jedes Heft mindestens einen Artikel aus einer anderen Ausgabe enthält.