3. Dezember 2006

Der Weihbischof droht

"Was ich mir konkret von der Kirche an Erneuerung noch wünsche - da gibt es viele Dinge, die anstehen. Zum Beispiel die Liturgiereform ist längst nicht vorbei. Manche denken ja, wir seien viel zu weit gegangen. Wir sind nicht zu weit gegangen, sondern es müsste viel geschehen, um den Sinn der Liturgiereform zu erfüllen, nämlich die Sprache, die Liturgie in ihrer Zeichenhaftigkeit noch viel verständlicher für den modernen Menschen, vor allem für die Jugend zu machen. Und da ist viel zu tun."
So der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl an seinem 75. Geburtstag (zitiert in Gottesdienst 2006, 40(22): 173).

Das klingt für mich wie eine Drohung: Verständlich bis zur Banalität. Verständlich bis zur Langeweile. Verständlich bis zur Reizlosigkeit. Verständlich bis zum vollständigen Durchschauthaben.

Drei Seiten weiter in der gleichen Ausgabe von Gottesdienst zitiert der Präsident des "Allgemeinen Cäcilienverbandes für Deutschland" den Maler Arnulf Rainer:
"Mit meinen Übermalungen will ich den Bildern das zurückgeben, was sie verloren haben: das Geheimnis. Aus der Lösung ein Rätsel machen -, das im Hintergrund die Worte Heimat, Daheim-Sein bei Gott buchstabiert."
Die Künstler verstehen anscheinend noch, was der Herr Weihbischof in seiner Naivität vergessen hat: Daß es Dinge gibt, die nicht ins Auge springen und die man auch nicht ins Auge springen lassen kann. Daß das Schmucklose leicht, ganz leicht zum Banalen, das Vereinfachte zum Fastfood, das Angepasste zum Unwahren wird.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich bin deshalb auch für Predigten und Katechesen auf Hebräisch.


Sorry, der Dämon der Ironie hat sich grad meiner bemächtigt, aber ich kann zwar verstehen, daß man die Liturgie nicht der Banalität anheim fallen lassen will - das will ich auch nicht - aber gegen Verständlichkeit was zu haben, wundert mich schon. Allein schon, weil das beides nichts miteinander zu tun hat. Ich brauche nicht die Originaltexte der Psalmen zu lesen (und nicht zu verstehen), um vollkommen fasziniert zu sein. Und mehr noch: Die Musik von Bach hat sich mir erst erschlossen, als ich mich ein wenig mit den Partituren auseinadersetzte, die Krebse, B-A-C-H etc. verfolgte... erst das Verständins machte mich bereit, etwas von der Faszination zu erfahren. Oder die Lieder-Edda von Snorri Storlutson brauchte ich nicht im Original zu lesen - ich hätte sie auch nicht verstanden - um von der Bildgewaltigkeit speziell der Völuspa inzwischen seit fünfzehn Jahren angetan zu sein.

Kurz und gut: Verständins und Banalität, scipio, ca fait deux.

FingO hat gesagt…

Upsi, das war mein zweit-account :) den hab ich mal angelegt, um blogger-beta auszuprobieren (lohnt sich btw. nicht wirklich)

Anonym hat gesagt…

Kommentar aus Wien:

Keine Angst vor WB Krätzl: er hat eigentlich keine Aufgabe mehr, weder in der Diözese noch in der Bischofskonferenz und sein Fankreis stirbt ihm aus Altersgründen beständig weg.
Er ist ja lieb und nett, aber halt leider nie über die persönliche niederlage hinweggekommen, nicht Erzbischof von Wien geworden zu sein, obwohl ihm Kardinal König doch den Weg mehr als deutlich gebahnt hatte...
Auf diesem Hintergrund werden so manche seiner frustrierten Sager verständlicher und harmloser....

Scipio hat gesagt…

Leider bin ich mir nicht so sicher, daß ihn das deutsche Liturgische Institut in Trier ironisch zitiert...

Aber danke für die Relativierung.

FingO: Wäre Bach ein deutscher Liturgiemacher, dann würde er bestimmt keine Krebse komponieren, sondern Kinderlieder und Schlager. Die Psalmen wären zu lang, voller Wiederholungen und lebten aus einer uns unverständlichen Welt - und dazu die Fluchpsalmen - meiomei.

FingO hat gesagt…

scipio, das ist ähnlich qualifiziert wie mein erster Satz...


Wäre Bach ein Liturigemacher nach Deinem Geschmack, würde er ALLE Texte auf Hebräisch RÜCKWÄRTS singen lassen, dazu eine krude Mischung aus Free Jazz, Modaler Musik und Zeuhl komponieren, von der man nur "beeindruckt" sein kann. Denn dann ist sie ja nicht durchschaubar...

Und die Messen würden, damit man sich länger an ihrem Mysterium weiden kann, ca. fünf Tage dauern.

Und eigentlich jedes Lied würde über die Hölle gehen, denn es geht ja nicht an, daß niemand mehr davon weiß.

FingO hat gesagt…

Ich hoffe, jedem Leser ist klar, daß ich obigen Beitrag zynisch gemeint habe...

Aber trotzdem: Andy Warhol hat sehr wohl gezeigt, daß im "Banalen", "durchschaubaren" wahre Kunst ,etwas wirklich verborgenes liegen kann. Ich bin immer wieder von der Schlichtheit seiner Kunst beeindruckt.

FingO hat gesagt…

Und ganz nebenbei frage ich mich immer wieder, wo bei Sätzen wie "der Herr Weihbischof in seiner Naivität..." der Respekt vor dem Bischofsamt bleibt. Von einem Küng, einer Frauen"priesterin" etc. erwarte ich keinen, aber von jmd, der sich als katholisch und mit der Tradition verbunden sieht, kann man da doch etwas mehr erwarten.

Scipio hat gesagt…

Hallo, FingO,

das war mir nach drei Sekunden dann schon klar :-) Aber wie gesagt: ich befürchte, daß die Verständlichkeit, die ein WB Krätzl und seine Gefolgsleute meinen, und die, die Du und ich meinen, eine andere ist: Sie meinen, das man auf alles verzichten sollte, was dem "modernen Menschen" nicht unmittelbar völlig verständlich ist, verzichten sollte - während wir beide trotz aller Unterschiede dahin tendieren, daß es verschiedene Ebenen gibt, die nicht simultan und gleichermaßen einfach verstanden werden, die durch Einleben, Einhören, Einfügen verstanden werden und die down here, diesseits des Jordans, auch gar nicht alle und gar nicht ganz verstanden werden können. Das ist imho etwas Anderes als eine rein intellektuelle Faszination oder Lust an Doppel- und Mehrsinnigkeit, sondern die Realisierung der schlichten und ausschöpflichen Tatsache, daß das, was auf dem Altar (und vorher zwischen dem Donnerstag und Sonntag in Jerusalem) passiert, das ist, was allem anderen Bedeutung verleiht und das zu "verstehen", eine Lebensaufgabe ist.

Das "muß" dann auch mit sprachlichen Mitteln dargestellt werden: eine Entsprechung zwischen Tonfall, grammatischer Struktur, Wortwahl, Stilmitteln und "Inhalt". Sag ich jetzt mal so in aller Kürze.

Scipio hat gesagt…

Danke, FingO, für die correctio fraterna!

Confiteor.

FingO hat gesagt…

Ok, das kann ich unterschreiben :) Vllt. bin ich in Bln auch nur etwas verwöhnter, weil hier die schlimmsten Liturgiemißbräuche ein "Können die Kinder sich um den Altar versammeln" kaum überbieten.

str hat gesagt…

Also Fingo,

ich glaube Du interpretierst hier Sachen in Scipios Posting hinein, die er nicht vertritt. Ich kann nämlich nicht erkennen, wo er für Unverständlichkeit und gegen Verständlichkeit gesprochen hat. Wohl aber gegen Banalität und das Klarlegung auch noch des letztes Mysteriösen. Der Weihbischof hat ja auch gesagt: "noch viel verständlicher für den modernen Menschen, vor allem für die Jugend zu machen." (Hervorhebung von mir)

Deshalb würde Scipio auch nicht Bach rückwärts und hebräisch komponieren lassen. Zumindest habe ich keinen Grund zu der Annahme, daß er das denkt.

"...obwohl ihm Kardinal König doch den Weg mehr als deutlich gebahnt hatte..."

Wie gut, daß im allgemeinen Weihbischöfe nicht auf den Stuhl des Bistums nachfolgen, wo sie ihren Dienst versehen. Das verhindert schon eine gewisse Mauschelei.

Übrigens, auch gegenüber dem Priester Hans Küng sollte der mit dem Amt verbundene Respekt gelten, solange er denn dieses Amt hat (warum er es noch hat, ist eine andere Frage. Andererseits ist der zwölfte Apostel ja auch erst durch seinen Tod aus dem Amt geschieden.)

Ob es gegen den Respekt ist, einem Bischof Naivität vorzuwerden, ist eine andere Frage.