8. September 2009

Versuch, einem Geruch auf die Spur zu kommen

Br. Lukas fragt ganz richtig, "wo der Fisch zuerst stinkt". Selber traue ich mir nicht zu sagen: Es sind die 68er Weihbischöfe, die 78er Dogmatikprofs oder die 88er Diplomtheologen oder sonst wer.

Ich sehe aber, wie und wo bestimmte Geisteshaltungen oder sagen wir besser gleich: Ideologien einsickern in den pfarrlichen Alltag. Nehmen wir doch zwei Fortbildungsveranstaltungen, die eine kirchliche Stelle in meiner Nähe "für LektorInnen, Gottesdienstbeauftragte, KommunionspenderInnen, KatechetInnen und Pfarrgemeinderäte" anbietet, den engagierten Laien also, und jeweils mit zwei promovierten TheologInnen als ReferentInnen:

Da gibt es einmal diese hier:

"Eucharistie und gemeinsames Essen

Jesus hat sich gerne zum Essen eingeladen. Immer wie­der brachte er dabei auch Menschen mit, die den Gast­gebern nicht allzu sympathisch waren. Pharisäer und Zöllner, Vornehme und Sünder, Arme und Reiche brachte er dazu, sich miteinander zum Essen zu treffen.

Aus dieser Erfahrung des gemeinsamen Essens erwächst auch sein 'Letztes Abendmahl', das Vorbild unserer Eu­charistiefeiern. An diesem Abend werden wir anhand von biblischen Geschichten Jesu Praxis des gemeinsamen Essens besser kennenlernen und dadurch unser Verständnis von der Eucharistie vertiefen."

und eine zweite, die im Aschaffenburger Pompejanum stattfindet:

"Gemeinsam an einem Tisch!? - Eucharistie im frühen Christentum

Dass zu einem festlichen Essen auch ein gewisser Rahmen dazu gehört, ist eigentlich selbstverständlich; das gilt gerade auch für die Feier des "Herrenmahls", der Eucharistie. Wie aber sahen eigentlich diese Rahmenbe­dingungen in den Versammlungen der ersten christlichen Gemeinden aus? In welchen Räumen traf man sich, wie lief eine Mahlzeit damals ab, wie und von wem wurde das Essen serviert? Kenntnisse über das Alltagsleben der Menschen damals helfen uns oft, auch die biblischen Texte besser zu verstehen und geben auch neue Impulse für unsere Praxis heute.
Daher laden wir Sie zu diesem Fortbildungsabend in das Pompejanum in Aschaffenburg ein. Dieser Nachbau eines römischen Privathauses bietet uns die Möglichkeit, ganz real etwas über das Wohnen, Leben und Essen in neu­testamentlicher Zeit zu erfahren und in Beziehung zur Bi­bel zu setzen."


Richtige Exegeten würden wohl hinter so manche Aspekte der hier vorausgesetzten Exegese fette Fragezeichen machen, denke ich mir. Gar so einfach ist die Linie von den vorösterlichen Sündermählern zum Paschamahl Jesu am Vorabend seines Todes zu den nachösterlichen Herrenmählern nicht zu ziehen. Die früh einsetzende Ritualisierung oder die Bedeutung des Tempelkultes in frühchristlicher Liturgietheologie - so etwas passt nicht ins Programm und bleibt außen vor.

Das Programm, das praktisch-theologische Programm, das hier betrieben wird, besteht letztlich in einer Trivialisierung der Eucharistie, in einer Nivellierung, die sie handhabbar machen soll für den Pfarreialltag - und die sie so passgenau in die bürgerliche Existenz einfügt, daß das Fremde, das Sperrige, das Unverständliche, das Unverfügbare, und damit auch: das Heilige und Gnadenhafte draußen bleiben muß. Was nicht passt, wird passend gemacht. Und passend heißt erst einmal: kleiner. Durch Verschweigen, durch Weglassen verkleinert.

Das Ganze läuft unter offiziellem Schirm und Label. Da tut sich jeder Gemeindepfarrer schwer, wenn der/die Lektor/Kommunionspenderin argumentiert: "Aber der Herr Dr. X hat gesagt, wir sollten das ganze mittelalterliche Brimborium sein lassen. Die Monstranz ist doch voll die Schaufrömmigkeit. Ja, und sie haben mich doch selber hingeschickt..."

Ach ja, und falls einer fragt: "Hast Du das denn auch weiter oben angesprochen?": Das hatte ich beim letzten Mal schon. Geändert hat sich offensichtlich wenig. Stattdessen dürfen die engagierten Laien das tatsächlich sehenswerte Pompejanum besichtigen - ist ja auch attraktiver als, sagen wir, eine Stunde stiller Anbetung vor dem ausgesetzen Sanctissimus. Oder auch ein Weihnachtsessen für Alte, Obdachlose und Arme.

Kommentare:

Elsa hat gesagt…

Ich war, als ich noch in Marokko lebte, in einem muslimischen Haushalt zum Weihnachtsfestessen eingeladen. Traditionell praktizieren wohlhabende Muslime das, was für engagierte christliche Laien in der Theorie so herrlich wohlklingend (in der Praxis dann aber doch schwerer umzusetzen ist, wie der Link zeigt), und sie machen überhaupt kein Gewese darum. Warum nicht? Weil es für sie selbstverständlich ist, ärmere Leute aus anderen sozialen Schichten zu einem Festessen einzuladen. Es gehört zu einem muslimischen Festessen einfach dazu.
Deshalb entzieht es sich mir, aufgrund dieser Erfahrung, vollständig, was das alles eigentlich mit Eucharistie zu tun haben soll. Eucharistie ist eben nicht gemeinsames Festessen der diversen sozialen Schichten, wenn man mal auf den Charakter des Passah schauen würde, wäre das auch überdeutlich. Natürlich war es auch NEU, dass Jesus eben alle eingeladen hat, an einem Tisch zu sitzen. Wenn das aber schon alles war, was er uns vermitteln wollte, dann klappt das bei den Muslimen, die ich kenne, wesentlich besser.
Und bei der Einsetzung selbst saßen auch nur die Apostel zu Tische. (Ich konstatiere das lediglich mal so nebenher.)

Du bist übrigens mal wieder in Höchstform. Ich lösche mein Blog.
:-)
(Nee mach ich natürlich nicht).

bee hat gesagt…

See, daher mag ich das Netz so. So viele Filter kömmen die bei google und co. gar nicht programmieren, wie manch offizieller Fortbilder vor die Information schaltet.

Tiberius hat gesagt…

Zustimmung und Verwunderung! Hast Du Dir die Veranstaltungen ausgedacht oder gab es die wirklich?

Scipio hat gesagt…

@ Tiberius: Die wird es demnächst geben; vorgestern kam der Prospekt.

@ bee: Die Filtern nicht, die erziehen das pilgernde Gottesvolk und bringen es auf die Höhe der Zeit.

@ Elsa: Die bringst mir gerade eine Idee für eine neue Fortbildungsveranstaltung. (Und überhaupt: Mach weiter. Demnächst gehe ich in eine längere Pause, und da wirst Du gebraucht. ;-) )

Resident hat gesagt…

Man kann die Eucharistie schon als Festmahl ansehen - aber jenes Festmahl von dem Jesus in den Gleichnissen so oft spricht und nicht sein Sichselbsteinladen bei Pharisäern oder Sündern.

Das letzte Abendmahl wurde ja auch wohlgemerkt im kleinen Kreis gefeiert.

Wie das Pompeijanum hier helfen soll, weiß ich nicht - solche Bauwerke sollten doch grade in Judäa eher selten gewesen sein.

Scipio hat gesagt…

Wenn es aber solche Gebäude in Judäa oder Galiläa oder der Dekapolis oder... gegeben hätte, dann hätte Jesus sich bestimmt dort eingeladen und dann kann man sich ja auch wissenschaftlich fundiert vorstellen, wie das gewesen wäre und ob wir nicht auch in unseren Gemeinden etc. etc. Vielleicht sollte die Innenstadt einmal im Jahr einen Sonntagsgottesdienst im Pompejanum feiern...

Stanislaus hat gesagt…

Was wäre, wenn mal mehrere Blogger an einer solchen Veranstaltung teilnähmen und diese regelrecht sprengten?

Braut des Lammes hat gesagt…

Stanislaus, das wäre eine klasse Idee. O, diese Fortbildungsveranstaltungen. Im Frühjahr nahm ich an einer Küsterschulung teil, bei dem eine TeilnehmerIn kundtat, sie lese vor der Lesung immer den "Vorspann" aus dem Schott mit, man könnte dem Gläubigen nicht zumuten, die Lesung "einfach so" zu verstehen. (Ja, warum eigentlich nicht?) Ob der Pfarrer vor Ort das auch so sehe? "Da frag ich erst gar nicht!" Mit der Ansicht, es könne nicht jeder einfach Zeugs vortragen, ohne sich mit dem Zelebranten darüber zu besprechen, kam ich mir schon reichlich exotisch vor.

Stanislaus hat gesagt…

Liebe Braut, ich habe es mal umgekehrt erlebt: Da wollte der Zelebrant von mir verlangen, etwas anderes als die Lesung vorzutragen, weil man den Gläubigen nicht zumuten könne, den Text aus der Hl. Schrift zu verstehen.

Laurentius Rhenanius hat gesagt…

Respekt!
Auch erwäge die Löschung meines Blogs!
;-)
Zum Thema:
Für mich ist das eine Art Fortzsetzung der liturgischen Bewegung.
Hieß es dort zuerst "Weg mit den barocken Formen und hin zu einer Feier gemäß der urchristlichen Überlieferung!" wird jetzt der Archäologismus noch weiter auf die Spitze getrieben. Wie weit ist dieses Denken doch von der Eucharistielehre der irchlichen Tradition entfernt ist. Es geht doch nicht um das Nachspielen von Mahlgemeinschaften, seien sie nun, jüdischer, griechischer oder römischer Herkunft. Was soll das alles? Keiner würde ernstahft behaupten wollen, die 40 Tage, die der Herr laut Evangelium in der Wüste verbracht hat, wären erst dann in ihrer Tiefe nachvollziehbar, wenn ich etwas über das dabei getragene Schuhwerk weiß...oder?
Wie wenig sind diese Fortbilder und sich Fortbildende in der Eucharistie dem Herrn begegnet, daß sie sich mit solchen Planspielchen abgeben, die meines Wissens auch noch wenig mit den histor. Befunden zu tun haben.
Peinlich, einfach nur noch peinlich!