Kirchenvater Bonhoeffer über eine bestimmte Art von Undankbarkeit, als geistliche Lesung für den Tag genommen aus "Gemeinsames Leben" (28. Aufl.- Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2006, S. 25f):
"Es geht in der christlichen Gemeinschaft mit dem Danken, wie sonst im christlichen Leben. Nur wer für das Geringe dankt, empfängt auch das Große. Wir hindern Gott, uns die großen geistlichen Gaben, die er für uns bereit hat, zu schenken, weil wir für die täglichen Gaben nicht danken. Wir meinen, wir dürften uns mit dem kleinen Maß uns geschenkter geistlicher Erkenntnis, Erfahrung, Liebe nicht zufrieden geben und hätten immer nur begehrlich nach den großen Gaben auszuschauen. Wir beklagen uns dann darüber, daß es uns an der großen Gewißheit, an dem starken Glauben, an der reichen Erfahrung fehle, die Gott doch andern Christen geschenkt habe, wir halten diese Beschwerden für fromm. Wir beten um die großen Dinge und vergessen, für die täglichen, kleinen (und doch wahrhaftig nicht kleinen!) Gaben zu danken. Wie kann Gott dem Großes anvertrauen, der das Geringe nicht dankbar aus seiner Hand nehmen will? Danken wir nicht täglich für die christliche Gemeinschaft, in die wir gestellt sind, auch dort, wo keine große Erfahrung, kein spürbarer Reichtum, sondern wo viel Schwäche, Kleinglauben, Schwierigkeit ist, beklagen wir uns vielmehr bei Gott immer nur darüber, daß alles noch so armselig, so gering ist, so gar nicht dem entspricht, was wir erwartet haben, so hindern wir Gott, unsere Gemeinschaft wachsen zu lassen nach dem Maß und Reichtum, der in Jesus Christus für uns alle bereit liegt. Das gilt in besonderer Weise auch für die oft gehörte Klage von Pastoren und eifrigen Gemeindegliedern über ihre Gemeinden. Ein Pastor soll nicht über seine Gemeinde klagen, schon gar nicht vor Menschen, aber auch nicht vor Gott; nicht dazu ist ihm eine Gemeinde anvertraut, daß er vor Gott und Menschen zu ihrem Verkläger werde. Wer an einer christlichen Gemeinschaft, in die er gestellt ist, irre wird und Anklage gegen sie erhebt, der prüfe sich zuerst, ob es nicht eben nur sein Wunschbild ist, das ihm hier von Gott zerschlagen werden soll, und findet er es so, dann danke er Gott, der ihn in diese Not geführt hat. Findet er es aber anders, dann hüte er sich doch, jemals zum Verkläger der Gemeinde Gottes zu werden; sondern er klage viel mehr sich selbst seines Unglaubens an, der bitte Gott um Erkenntnis seines eigenen Versagens und seiner besonderen Sünde, der bete darum, daß nicht schuldig werde an seinen Brüdern, der tue in der Erkenntnis eigener Schuld Fürbitte für seine Brüder, der tue, was ihm aufgetragen ist und danke Gott.
Es ist mit der christlichen Gemeinschaft wie mit der Heiligung der Christen. Sie ist ein Geschenk Gottes, auf das wir keinen Anspruch haben. Wie es um unsere Gemeinschaft, wie es um unsere Heiligung wirklich bestellt ist, das weiß allein Gott. Was uns schwach und gering erscheint, das kann bei Gott groß und herrlich sein. Wie der Christ sich nicht dauernd den Puls seines geistlichen Lebens fühlen soll, so ist uns auch die christliche Gemeinschaft von Gott nicht dazu geschenkt, daß wir fortgesetzt ihre Temperatur messen. Je dankbarer wir täglich empfangen, was uns gegeben ist, desto gewisser und gleichmäßiger wird die Gemeinschaft von Tag zu Tag zunehmen und wachsen nach Gottes Wohlgefallen.
Christliche Bruderschaft ist nicht ein Ideal, das wir zu verwirklichen hätten, sondern es ist eine von Gott in Christus geschaffene Wirklichkeit, an der wir teilhaben dürfen. Je klarer wir den Grund und die Kraft und die Verheißung aller unserer Gemeinschaft allein an Jesus Christus erkennen lernen, desto ruhiger lernen wir auch über unsere Gemeinschaft denken und für sie beten und hoffen."
(Das Schöne, das wirklich Schöne an solchen Passagen ist, daß keiner sie ungestraft instrumentalisieren kann - weil sie sich an ausnahmslos alle wenden, die sich als der Gemeinde oder einer der Gemeinden zugehörig sehen. Jeder liest und versteht sie also nur richtig, wenn er sie auf sich bezieht. Und zwar jeweils jetzt und hier.)
11. April 2010
Väterlesung
10. April 2010
So wahr, daß schon banal
Horaz in einem Brief:
"Iliacos intra muros peccatur et extra. -
Innerhalb der trojanischen Mauern wird gesündigt und außerhalb."
Gut, wenn man's weder drinnen noch draußen vergisst...
Nachtrag am 11.4.2010: Horaz vergaß hinzuzufügen, daß "Homerus etiam peccator", daß auch Homer ein Sünder ist.
9. April 2010
Licht, mehr Licht und das, was bleibt
Zu mehr als einem Gedicht aus dem Writer's Almanac reicht es nicht:
Kate DiCamillo: Horses
Lux desiderium
universitatis:
light is the desire
of the universe; tonight
the moon
is on its side, partially lit,
and patiently waiting
for more light, while
Lucinda sings
that if wishes
were horses
she'd have a ranch; and
in an old storefront on 38th
the windows are bright
with the people inside
learning
to dance; the
street lamps shine on
November's last
stubborn leaves.
The dancers
are moving their mouths,
counting,
counting and wishing,
with each breath for
I don't know
what
horses, maybe,
or more light,
or something
gold
that will stay.
7. April 2010
Let's talk about Sex , aber wie!
Wäre die deutsche Kirche nicht vor allem damit beschäftigt, sich den Verfehlungen und Verbrechen einiger ihrer geweihten Vertreter zu stellen nach einer langen-allzu-langen Zeit des Ausweichens, dann könnte sie sich stattdessen den sexualpädagogischen Vorstellungen, Übungen, Anleitungen der KjG zuwenden, wie sie uns und vor allem natürlich den Multiplikatoren in deutschen Landen mit der neu erschienenen sexualpädagogischen Arbeitshilfe (hier als pdf) zugänglich gemacht werden.
Dort kann man z.B. schön sehen, wie man die kirchliche Lehre zur Sexualität in aller gebotenen Kürze und Neutralität abhandeln kann:
"Unsere Basis ist das christliche Menschenbild: Jeder Mensch ist als Ebenbild Gottes geschaffen und gewollt, und Gott hat den Menschen mit Freiheit und Vernunft begabt. Menschen sind daher in der Lage, Dinge zu hinterfragen, freie Entscheidungen zu treffen und müssen dafür auch Verantwortung übernehmen. Sexualität hat viel mit Verantwortung zu tun. Auf Fragen der Sexualität gibt es oft keine einfachen Antworten. Das Lehramt der Kirche gibt mit seiner Sexuallehre eine Möglichkeit vor, wie Sexualität verantwortungsvoll gelebt werden kann. Es reicht aber nicht aus, einfach nur einem Regelwerk zu folgen; kein Regelwerk kann so komplex sein wie das Leben."
Oder man bekommt Anregungen für nette Gruppenspiele wie den Sex-Salat, der noch vorhandene Hemmungen aus dem Gruppenzimmer entfernt (S. 21) und das "Wer bin ich denn?" (mit Vorschlägen für zu erratende Rollen wie "Ehemann, Ehefrau, Schwuler, Lesbe, Prostituierte, Transvestit, Freier, Nonne" (S. 83)), und lernt, seine Grüpplinge mittels des Malens von Riesenmandalas anzuleiten, sich "in unterschiedliche sexuelle Orientierungen" zu versetzen.(S. 74) Achtung: Intensitätsstufe Hoch!
Aber wie gesagt: Darüber schweigt man momentan besser.
Uns anderen wird ganz nebenbei vorgeführt, wo unsere Kirchensteuern eben auch einmal hinfließen können.
Ich sehe was, was du auch sehen kannst...
Was Youtube so alles hat...
Hier kommt der von mir heiß geliebte E. C. Ball mit seiner Frau Orna und einem fast ignatianischen Lied über das Sehen und Suchen und Finden.
Das alljährliche Cummings'sche Frühlings-Liebes-Gedicht
who knows if the moon's
a balloon,coming out of a keen city
in the sky-filled with pretty people?
(and if you and i should
get into it,if they
should take me and take you into their balloon,
why then
we'd go up higher with all the pretty people
than houses and steeples and clouds:
go sailing
away and away sailing into a keen
city which nobody's ever visited,where
always
______it's
________Spring)and everyone's
in love and flowers pick themselves
(ed. Firmage, p. 202)
6. April 2010
Gut, daß es den Tänzler gibt!
Dirk Tänzler ist 41 Jahre alt und quasi von Berufs wegen Dauerjugendlicher.
Dirk Tänzler ist keiner, der je "Benedetto" rief, weder 2005 noch jetzt. Er ist nämlich "generell eher zurückhaltend" (Tänzler). Das macht aber nichts. Macht ihn höchstens sympathischer, noch sympathischer. Ein bedächtiger, stiller, leiser Typ ist er, der Tänzler.
Und weil Dirk Tänzler als "Chef der Katholischen Jugend" (S_____L) nicht ausgelastet ist, sucht er eine Mission. Dolmetscher wäre was, das hat er erkannt. Da gibt es Bedarf. Weil es nämlich so viele Mißverständnisse gibt.
Nehmen wir den Papst zum Beispiel. Den mag der Herr Tänzler zwar nicht so richtig und muß im Interview ein paar Mal über seinen breiten Schatten springen, um sich ein paar "leise kleine" (Tänzler) Lobeswörtchen abzuringen. Aber wo Not am Mann ist, wo zum Beispiel ein Intellektueller wie Benedetto nicht recht verstanden wird, ist ein Tänzler nicht weit: "Da braucht es wie in anderen Dingen immer wieder Übersetzer, die sagen: Was meint denn überhaupt der Papst? Da können und wollen wir uns anbieten."
Dirk Tänzler ist, und das qualifiziert ihn irgendwie schon auch als Übersetzer, ein Mann mit Geschmack fürs Banale. Banal - so wie in "ich weiß, dass sich nicht alle katholischen Jugendlichen den Papst zum Vorbild genommen haben." Oder auch wie in "Er hat gute Akzente gesetzt, die aber zum Teil ganz anders angekommen sind." Anders angekommen freilich nicht bei Tänzler, i wo. Denn sonst könnte er ja nicht übersetzen. Oder?
Freilich: Loyal muß ein Übersetzer schon sein. Und Tänzler ist es. Hat er doch nie mit dem Gedanken gespielt, die Kirche zu verlassen. Nicht in den letzten Wochen. Im Gegenteil: "Ich habe nie mit dem Gedanken gespielt, weil ich überzeugt bin, dass Kirche und Glaube für die Gesellschaft gut sind. Und weil man die Kirche auch verändern und weiterentwickeln muss, und das kann man nur von innen."
Ach ja, der zurückhaltende Herr Tänzler. Er sagt wie immer nicht alles, sagt vorsichtshalber nur das, was die liebe Tante vom S_____L hören will. Natürlich ist er überzeugt, daß Jesus Christus die Kirche gestiftet hat, daß ER seine Kirche liebt als seine Braut. Natürlich glaubt er, daß die Kirche Hüterin der Wahrheit ist, Heimat der Heiligen und Tempel des Gegenwärtigen. Natürlich glaubt er, daß vor aller Kirchenreform erst die Tänzler-Reform kommen muß, so wie ich glaube, daß sich Scipio dringend und grundlegend reformieren muß. Aber wieso die Journalistin und die vielen Leser/inn/en vor den Kopf stoßen? Dann lieber bescheiden tun und allein die gesellschaftliche Relevanz des Glaubens und die sempiterna reformatio erwähnen.
Denn wenn ein Tänzler in der falschen Ecke steht, hat keiner was davon: Dann weiß der S_____L nicht mehr, welchen Katholiken er guten Gewissens interviewen kann. Dann fehlt der Katholischen Jugend der Chef und sie wird am Ende wieder monarchistisch. Dann verstehen wir alle nicht, was der Papst eigentlich meint. Das kann keiner wollen.
Deshalb brauchen wir ihn. Und wünschen uns noch mehr von seinem Schlag. Schafft zwei, drei, viele Tänzlers!
Mehr Dirk Tänzler gibt es hier, beim S_____L.
4. April 2010
Keine Geographie der Sintflut ...
... sondern sozusagen die Weltkarte für Bischof Mixa und seine Gegner:
Hier der Link zu einer Weltkarte, die nur jene Länder zeigt, in denen das Schlagen von Kindern verboten ist. 23 sind es laut Zählung des Bloggers von Strange Maps, vor allem in Europa, dazu kommen Israel, Neuseeland und vier lateinamerikanische Staaten.
Fürchtet euch nicht, ich bin es!
Den Klassiker der Stanley-Brothers singen hier die Jungs von Newfound Road.
"They pierced me in the side
I am the Man
I died on the cross, Thomas
I am the Man
I am the Man, Thomas
I am the Man
Look at these nails scars
Here in my hand
They buried me in the tomb, Thomas
I am the Man
In three days I rose, Thomas
I am the Man
I am the Man, Thomas
I am the Man
Look at these nails scars
Here in my hand"
(Quelle)
Geschmarre
"Grün ist die Farbe des Lebens, und damit ist es auch die Farbe des Osterfestes, an dem Christen die Auferstehung Christi und wir alle den Frühling feiern." - Meine Lokalzeitung, mal wieder. Im ersten Satz des Aufmachers der Osterausgabe.
"Wir alle" und heute den "Frühling feiern"? - Mit Chuck Berry: "Must have been some other body, but oh oh son, wasn't me!"
Wünsche zum Ersten Tag
"Am ersten Wochentag aber, früh - noch dunkel war es..." (Joh 20, 1)
Am Ende der Nacht: ein Kommen und Gehen. Statt Grabesruhe beunruhigtes Fragen. Der Zweifel kommt vor der Überraschung, und nicht jeder, der ins leere Grab schaut, kommt auch gleich zum Glauben. Geliebt-Liebende sehen mehr, wagen zu glauben, bevor sie IHn sehen.
Euch allen ein frohes Osterfest! Urbi et orbi aller Segen und alle Nähe des auferstandenen HErrn!
3. April 2010
«Poetry is praise - Dichtung ist Lobpreis»
"Gedichte schreiben ist wie Gras, da kann man mit noch so vielen schlechten Romanen die Erde pflastern, irgendwo gibt es so einen Grashalm, der zersprengt alles. Und plötzlich sieht man einen Grasbüschel vor sich, der leuchtet." - So der Hanser-Verleger Michael Krüger in der Neuen Osnabrücker Zeitung.
Man könnte meinen, er spreche von Gerard Manley Hopkins und dessen "Wortkaskaden von lauterer Schönheit". Die Neue Zürcher hat die Neuübersetzung der Hopkins-Gedichte von Dorothea Grünzweig heute rezensiert.
Zweimal Wittgenstein
"Was neigt auch mich zu dem Glauben an die Auferstehung Christi hin? Ich spiele gleichsam mit dem Gedanken. - Ist er nicht auferstanden, so ist er im Grab verwest, wie jeder Mensch. Er ist tot und verwest. Dann ist er ein Lehrer, wie jeder andere und kann nicht mehr helfen; und wir sind wieder verwaist und allein."
"Es ist die Liebe, was die Auferstehung glaubt." - Sehende Liebe, füge ich hinzu.
Am Karfreitag mittag
In der gestrigen Liturgie hatte ich - weil direkt unter der mit Heiligenfiguren bestückten Kanzel sitzend - die ganze Zeit den hl. Andreas vor der Nase. Der hat dort zwischen sich und dem geöffneten Evangelium, das er dem Betrachter hinhält, ein Andreaskreuz, zwei zum X gebundene Holzstangen stehen. Nach einer Weile dachte ich mir: Martyrium hin oder her, als völlig Unschuldiger, als einzig schuldloses Lamm ist wirklich nur der Eine am Kreuz gestorben. Also Vorsicht, wenn wir uns selber so ohne weiteres Bedenken mit dem HErrn am Kreuz hängen sehen.
Das Allerheiligste ist in der Basilika passenderweise zu jenem Seitenaltar übertragen, der der heiligen Maria Magdalena geweiht ist. Gekommen, um die Sünder zu bekehren, gefällt es IHm bei der großen Liebenden besonders gut, denke ich mir.
Wenigstens 5 Minuten hatte ich Matthias Grünewalds "Beweinung Christi" für mich, während sich die Gemeinde trollte.
Daß in der Fußgängerzone gar viele auf den Tod und die Auferstehung Christi getaufte Christen die Sonne und die Schaufenster genossen, vermutlich ohne großes Passionsgedenken - was soll's? Das war in Jerusalem auch nicht anders. Da ging auch jeder seinen kleinen Privatopfern nach und diente seinen Privatgöttern*. Auch auf Golgata ließ es sich unbemerkt sterben.
* Nebenbei: Privatgötter lassen sich gerne beim Namen des EInen nennen. Die kennen keine Skrupel und finden das ganz natürlich.
2. April 2010
Das "Für mich"
"... um Christus zu erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft an seinen Leiden, mich gleichgestaltend seinem Tod. Vielleicht gelange ich so heraus - zur Auferstehung von den Toten." (Phil 3, 10)
1. April 2010
Huhn-Ei-Frage
Was war zuerst?
Das Volk, das journalistische Drecksarbeit - nicht erst seit B__D und S_____L - ohne Aufmucken verschlingt? Oder jene Journaille, die sich - als selbstverständlich völlig unabhängige und nur vom Geldbeutel der Konsumenten immer wieder bestätigte Fünfte Gewalt - ihre Leserschaft schafft, nach eigenem Bild und Gleichnis?
30. März 2010
Herdentiere
Wenn Journalisten wirklich Herdentiere sind, wie die ZEIT am Wochenende den FR-Journalisten zitierte, der vor Jahren den Missbrauch an der Odenwald-Schule aufdeckte und von seinen Kollegen nur Schweigen erntete, dann sollte man vielleicht statt von "Kampagnen" besser von "Stampede" sprechen.
Und vielleicht meinte unser HErr gar eine bestimmte Berufsgruppe, wenn er von Schafen spricht, die keinen Hirten haben.
(Der Ehrlichkeit halber sollte man auch sagen, dass es doch einige Journalisten gibt, die momentan einen guten Job machen - und zwar ohne an Biss zu verlieren.)
28. März 2010
Die Uninteressierten
"Ist es mangelndes Interesse", daß die "Missbrauch-Enthüllungen" bei den "jungen Katholiken" am bayerischen Untermain kein Thema sind? - So fragte die Lokalredaktion der hiesigen "Unabhängigen Tageszeitung".
Wer von "mangelnd" statt von "nicht vorhanden" spricht, der hat nun wirklich noch ein weites Feld für seine Evangelisation vor sich: Nicht nur über die schrecklichen Dinge schreiben, sondern auch noch den Leuten beibringen, daß sie sich gefälligst dafür interessieren sollen. Sich die Leser schaffen, die man sich wünscht.
Das hat irgendwie einen kleinen, zarten Hauch von Brecht.
27. März 2010
Was das Konzil wirklich sagte ...
... und was wir demnächst, wie jeden Sonntag, ja, wie eigentlich alle Tage, wieder feiern, auch wenn wir und unsere Liturgievorsteher und -vorbeter uns selten daran erinnern:
"Dieses Werk der Erlösung der Menschen und der vollendeten Verherrlichung Gottes, dessen Vorspiel die göttlichen Machterweise am Volk des Alten Bundes waren, hat Christus, der Herr, erfüllt, besonders durch das Pascha-Mysterium: sein seliges Leiden, seine Auferstehung von den Toten und seine glorreiche Himmelfahrt. In diesem Mysterium 'hat er durch sein Sterben unseren Tod vernichtet und durch sein Auferstehen das Leben neugeschaffen'. Denn aus der Seite des am Kreuz entschlafenen Christus ist das wunderbare Geheimnis der ganzen Kirche hervorgegangen." (Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium, Nr. 5)
Mainstream-Medien bei der Arbeit
Elsa schreibt bei Sende-Zeit, dem Blog der Medienpastoral im Erzbistum Freiburg.
Portionsgrößen beim Abendmahl
Passend zum Stand des Kirchenjahrs: Im International Journal of Obesity (ePub ahead of print; 2010-3-23) veröffentlichten B. Wansink et al ihre Untersuchung über die Veränderungen der Portions- und Tellergrößen in Darstellungen des Letzten Abendmahls aus dem letzten Jahrtausend:
The largest Last Supper: depictions of food portions and plate size increased over the millennium
Jetzt und in der Stunde
Aus der Kategorie: "Was verloren ginge":
"I once read an interview with Garrison Keillor in which he recounted going to a funeral. During the final prayers, the minister prayed for the deceased -- 'and for the next person here who is going to die.' He said that most of the guests were outraged and offended, but that he was moved and appreciative. He liked the fact that the Christian tradition does not candy coat things with Pepsi Generation promises of perpetual youth and vitality. The fact is, nobody's getting out of here alive. You are going to die, and your body is going to rot and be eaten by worms. Face it."
Das ganze Stück von Mark Shea auf InsideCatholic.
Strizz über das M
Nachdem ich heute morgen den Satz von Christopher Fry gelesen habe:
"Comedy is an escape, not from truth but from despair; a narrow escape into faith."
["Die Komödie ist eine Flucht, nicht vor der Wahrheit, sondern vor der Verzweiflung; ein knappes Entrinnen in den Glauben."],
bin ich ja fast gezwungen, den Link zum neuesten Strizz zu posten: "M wie Mißbrauch".
26. März 2010
Nächste Woche in Frankfurt/Main
Aus einer Gottesdienstordnung:
"Tischabendmahl zum Gründonnerstag mit grüner Soße im Kirchsaal"
Die europäische Tugend der Grantigkeit
Aus der FAZ-Besprechung von "Deep Search", eines Sammelbandes über die große Datensammelkrake, die auch diesen Blog hostet:
"Originell liest sich immerhin das Plädoyer Geert Lovinks, der den Ausweg aus der unmündigen, suchmaschinengesteuerten Konsumentenhaltung nicht im wiederum Technischen, sondern in der europäischen Tugend der Grantigkeit sieht und anstelle der Frage 'Was können wir wissen?' die Variante 'Was wollte ich wissen?' als regulative Idee jedes Suchvorgangs vorgibt."
25. März 2010
25. März -
- der Tag , als der HErr begann, eigene Wege zu gehen und den Theologen das Leben schwer zu machen.
- der Tag, als ER sich in die Freiheit menschlicher Hände begab.
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Und wir nahmen es nicht auf, sondern kreuzigten es vor den Augen SEiner Mutter. Κυριε ελεησον.
24. März 2010
Ein Lied, diesmal nicht für Hans K.
Und die Erinnerung eilt über die Jahrzehnte hinweg in jene Zeit, als Linda Ronstadt und ich noch jünger waren.
23. März 2010
Eine feste Stelle
"Once, in Chelm, the mystical village of the East European Jews, a man was appointed to sit at the village gate and wait for the Messiah. He complained to the village elders that his pay was too low. "You are right," they said to him. "The pay is low. But consider: The work is steady." (Aus dem Eröffnungseditorial von "First Things", März 1990)
("Einst, in Chelm, dem mystischen Dorf der osteuropäischen Juden, bestimmte man einen Mann dazu, am Eingang des Dorfes zu sitzen und den Messias zu erwarten. Er beklagte sich bei den Dorfältesten über seinen niedrigen Lohn. "Recht hast du," sagten sie zu ihm. "Aber überleg' doch: Du hast einen festen Arbeitsplatz.")
Vision
Was die Letzten Dinge angeht, liege ich traditionell auf der Linie des Hans Urs von Balthasar:
"Für alle hoffen - um mich fürchten".
So stelle ich mir dieser Tage immer mal wieder den Großen Runden Tisch vor, jenen, an dem hoffentlich alle, doch keiner untransformiert und -figuriert, sitzen werden: B16 und Frau SLS, mißbrauchte Klosterschüler und ex-paedophile Jesuiten, Spiegel-Redakteure und Facebook-Katholiken,die die Pressefreiheit abschaffen wollen und und ...
Und eschatologisch will vielleicht gar jeder neben jedem gesessen haben.
Selig, die zum Runden Tisch des Lammes geladen sind...
21. März 2010
Nur damit das Wesentliche mal wieder gesagt ist:
Ceci est un dieu.
(Es handelt sich um den Umschlag eines Dialogs in Buchform zwischen Slavoj Žižek und John Milbank.)
20. März 2010
Kratzgeräusche in der Todeszelle
Sogar der Papier-"Spiegel" gewährte Julian Barnes in seiner letzten Ausgabe zwei Seiten, wo er seine agnostische Sehnsucht nach GOtt beschreiben durfte. Ich habe den Artikel nur kurz quergelesen und mich dabei gefreut, daß Barnes immerhin einiges verstanden hat von dem GOtt, an den er nicht glaubt.
Hier sind ein paar Passagen aus seinem Buch "Nichts, was man fürchten müsste", die die Welt in ihrer Rezension zitiert:
"Bei Umfragen zur religiösen Einstellung lautet eine verbreitete Antwort etwa so: 'Ich gehe nicht zur Kirche, aber ich habe meine eigene Vorstellung von Gott.' Auf solche Aussagen reagiere ich nun wie ein Philosoph: Sentimentaler Quatsch, rufe ich. Du hast vielleicht eine eigene Vorstellung von Gott, aber hat Gott eine eigene Vorstellung von dir? Das ist nämlich der springende Punkt."
"Auch der große Triumph der Kunst über den Tod ist lächerlich temporär ... in Wirklichkeit ist das nur ein Kratzen an der Wand der Todeszelle. Damit wollen wir sagen: Ich war auch hier."
Liturgischer Rat eines "Missionary Baptist"
Selten genug, daß übers ökumenische Flachwasser klare Bitten kommen wie hier von Del McCoury (der seine ersten musikalischen Auftritte in einer Kirchenband der "Missionary Baptists" hatte)und Vince Gill: Nicht irgendwas sollt ihr rufen nach der Präfation, sondern: "Holy", "Heilig", "Sanctus", "Άγιος".
Hier ist sein gut verpackter Ratschlag, der ursprünglich von Bill Monroe stammt:
19. März 2010
To Whomever It May Concern
Top Country Albums Even Country Haters Should Own.
Für Nr. 2, 5 und 7 lege ich meine Hand ebenfalls ins Feuer. Und mit Nr. 1, dem Herrn Cash, macht sowieso keiner was falsch.
Die übelste Versuchung, seit es Justizminister gibt
Angesichts unserer derzeitigen Justizministerin konnte ich noch nie mehr als den allernötigsten Respekt empfinden. Das war schon früher so, und hat sich nach ihrer Oppositionszeit nicht geändert. Es gibt halt in jedem Leben Menschen, mit denen man absolut nichts anfangen kann außer dafür zu danken, daß man sie nicht in der eigenen Verwandtschaft hat. Ein geistlicher Challenge also, oder in traditioneller Sprache: eine chronische Versuchung.
Angesichts des freien Falls der Frau Leutheusser-Schnarrenberger in die völlige Pein- und Unsäglichkeit wird mir selber vor lauter Versuchung zu geistlichem Hochmut immer schwindliger. Eigentlich sollte man ganz still werden und versuchen, selbstlos und aufopfernd für sie zu beten, denn das ist das Beste, was man tun kann, wenn jemand über den Splitter im Auge eines Bruders meckert und selber einen Balken vor der Stirn hat. Damit einem nicht auch so einer dortselbst wächst.
Bevor ich mich in dieses Schweigen begebe und kein Wort mehr über die Ministerin verliere, will ich aber doch noch schnell auf Lorenz Jägers Kommentar "Unter Humanisten" hinweisen.
16. März 2010
Postzölibatärer Albtraum
Stell Dir vor, der Pflichtzölibat ist abgeschafft und der normale Weltpriester darf heiraten.
Gehen dann nicht all jene, die aktuell, so will es die Nachrede, mit einer unausgereiften Sexualität und entsprechenden Folgeschäden und -gefahren in den Diözesanklerus strömen, nicht in die Orden, wo der Zölibat bzw. das Gelübde der Jungfräulichkeit doch wohl nicht abgeschafft werden wird? Zu den Benediktinern und Jesuiten zum Beispiel? Wie gefährlich würden dann erst Ettal und Canisiuskolleg?
Oder denke ich zu kurz, wo zum Glück der Alois und seine Mannen weiter denken?
Brücke zwischen den Generationen und Nähe als Lebensmittel
Die Augen schließen und sich vorstellen, Martin Mosebach hätte die apologia für einen des Mißbrauchs bezichtigten Priester geschrieben.
Er hat nicht. Deo gratias.
Die Augen öffnen und Adolf Muschg lesen. Im Tagesspiegel.
Anschließend kotzen.
Die San-Andreas-Spalte im modernen Geist
I'm on the road again - als Überbrückung ein Hinweis auf die Jefferson Lecture von Walker Percy, gehalten im Mai 1989, ein Jahr vor seinem Tod, und nun anschau- und -hörbar auf C-Span:
"The San Andreas Fault in the Modern Mind"
15. März 2010
Mißbrauchte 68er
Der Dany sagt es uns - und wohl vor allem sich und seinem Gewissen:
Die 68er sind jedenfalls nicht schuld, ihre Fehler aus jugendlichem Überschwang sind nicht schuld, die libertäre Sexualmoral ist nicht schuld. Mißbraucht wurden sie, die Unschuldigen, die Menschheitsbefreier, die naiven Provokateure. Nie, nie, nie haben sie sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen verharmlost, allerhöchstens schlechte Literatur geschrieben, die langhaarigen Pilchers ihrer Generation.
Rätsele weiter, guter Dany, "wie eine emanzipatorische Ideologie sich bei einigen ins Umgekehrte wenden kann". Denke nach, solange du noch darfst und nicht zurückgepfiffen wirst. Ja, die Geister und Ungeister, die du, auch du aus ihrer Giftflasche entweichen ließest - sie sind herrenlos und lassen sich gerne für Ausreden benutzen. Auch von pädophilen Priestern, wenn es sein muß. (Denken wir nur an den unseligen Reverend Paul Shanley und seine Beziehung zur NAMBLA...)
Es gibt sie noch, die guten klaren Hierarchien
Zitat aus meinem örtlichen Zeitungsblättchen:
"Mit diesem Vorstoß zur bisher vorgeschriebenen Ehelosigkeit der Priester setzt sich der oberste Vertreter der katholischen Laien..."
Oberster Vertreter - gut, daß es noch klare Hierarchien gibt, wenn man sie braucht...
Nicht um unseretwillen
Alexander Kissler in seinem Tagebuch:
"Es liegt nun an den Christen selbst, ob sie diese Angriffe im Gewand des Heilens und Helfens ebenso mutig wie selbstkritisch parieren. Sonst gibt es eine Alternative weniger zu den Dogmen der Diesseitigkeit und den Gelübden der Selbstverdummung."
13. März 2010
Laetare mit Doc Watson
"What a friend we have in Jesus for our sins and grief to bear!"
oder in der Sprache der Liturgie:
"Herr, unser Gott,
dein Sohn hat sich aus Liebe zur Welt dem Tod überliefert.
Lass uns in seiner Liebe bleiben und mit deiner Gnade aus ihr leben.
Darum bitten wir denselben Jesus Christus, unsern Herrn und Gott, der in der Einheit des Heiligen Geistes mit dir lebt und herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit."
Sündigender Bock
Daniel Deckers: "Was wäre die Gesellschaft ohne den Sündenbock Kirche?"
Aber zugleich, vergessen wir es nicht: Wie viele Kinder und Jugendliche wurden mißhandelt, verletzt, geschändet! Wie viel mißbrauchtes Vertrauen, wie viel Erniedrigung, wie viel Entwürdigung!
12. März 2010
Menschen am Freitag abend
Am Gare de l'Est der junge Mann, der in die Arme seiner Freundin läuft. Ein langer Kuß zur Begrüßung, als sei es der erste. Lächelnde Worte, ich höre sie nicht durch die Scheibe des Waggons. Hand in Hand ins Wochenende.
Das alte Ehepaar auf der anderen Seite des Ganges, ununterbrochen parlierend. War es Hebräisch? Hätte ich nur gefragt! Die beiden sprangen von Thema zu Thema, wechselten zu Deutsch, zu Französisch und Englisch, Jiddisch meinte ich auch herauszuhören. Immer aber war es ihre gemeinsame Sprache, der ich noch länger hätte zuhören können als nur die vier Stunden zwischen Paris und Frankfurt.
Der Manager, der sich am Zielbahnhof abholen ließ und dem Fahrer wie selbstverständlich seinen kleinen Trolley in die Hand drückte. Erschöpft sah er aus mit seinen 60 Jahren, nicht wie einer, der sich auf zwei freie Tage freut.
Gott segne euch alle in dieser Nacht.
Unsere schmerzliche Liebe
Georges Bernanos spricht:
"Ich liebe die Kirche schmerzlich, so lautet die Wahrheit, ich liebe sie wie das schmerzliche Leben selber, ich bejahe sie, so wie sie ist; so wie sie ist, versuche ich sie anzunehmen; und es will mir scheinen, daß ich am Ende dieses Jaworts, wenn ich dessen je würdig sein könnte, meinen bescheidenen Anteil erhalten dürfte an der ungeheuren Anstrengung ihres Aufstiegs."
9. März 2010
Bitte um Nachsicht
Das reale Leben quetscht sich dieser Tage wieder zwischen mich und den Blog. Hier wird es wohl erst einmal ruhig bleiben.
7. März 2010
Das Cummings-Gedicht für den Tag (und für den Rest des Leben)
i thank You God for most this amazing
day:for the leaping greenly spirits of trees
and a blue true dream of sky;and for everything
which is natural which is infinite which is yes
(i who have died am alive again today,
and this is the sun's birthday;this is the birth
day of life and love and wings:and of the gay
great happening illimitably earth)
how should tasting touching hearing seeing
breathing any-lifted from the no
of all nothing-human merely being
doubt unimaginable You?
(now the ears of my ears awake and
now the eyes of my eyes are opened)
(E. E. Cummings)
6. März 2010
5. März 2010
"What is the soul of a man?
- He's gotta reach out his hand."
Eine kleine 6 min-Meditation über den homo viator. Man kann natürlich auch nur die Musik genießen.
(Den Text gibt es z.B. hier.)
Augenkrank in Eden
"Most probably we are in Eden still. It is only our eyes that have changed.
Aller Wahrscheinlichkieit nach sind wir noch in Eden. Nur unsere Augen haben sich verändert." (Gilbert Keith Chesterton)
GKC übertreibt, wie üblich. Aber unrecht hat er, wie üblich, auch nicht.
4. März 2010
Kleine Spekulation über eine Predigt des heiligen Apostels Paulus an die Österreicher
Paul Maria Zulehner sagt:
"Die Pfarrgemeinderäte sind hoch motiviert mitzuarbeiten - aber nicht um jeden Preis. Sie haben fünf Megasorgen: keine Kirchgänger, keine Kinder und Jugendliche, keine Ehrenamtliche, keine Priester am Ort, keine eigene Pfarrgemeinde. Überschrift darüber wäre: Keine Zukunft."
Sein Namenspatron vor 2000 Jahren startete ziemlich ähnlich: Ebenfalls bei Null oder wenig darüber. Die Überschrift war sicher nicht: "Keine Zukunft".
Einer der Unterschiede von damals zu heute war sicher, daß seiner Gemeinde nicht "synodale Elemente" wichtig waren, die Verwirklichung eigener Ideen, die schmerzlose Bekehrung oder gar eine gesellschaftlich akzeptable Berufung in die besondere Nachfolge Jesu in Armut, Gehorsam, Keuschheit oder ins Amt des Vorstehers. Vermutlich hätten seine Gemeindeältesten nicht von "hoher Motivation zur Mitarbeit" bei sich selbst geredet. Eher mit ihrem Apostel von dem Zwang, der auf ihnen liegt: von der Begegnung mit dem Gegenwärtigen Auferstandenen, die sie nicht mehr loslässt.
Ganz und gar sicher bin ich mir auch, daß der heilige Paulus Christusgläubige, die aus irgendwelchen Gründen mit leisem oder lautem Kirchenaustritt drohen, keinesfalls als die "Treuesten der Treuen" bezeichnet hättte.
"Ihr wollt mit Paulus Maria euren Weg gehen, der euch vom Leib Christi wegführt? Ist Christus für euch gestorben und wird für euch gegenwärtig in seiner Kirche - oder habt ihr gelitten für die Kirche, habt sie erlöst mit eurem Blut? Brüder, seht doch ein: Aus seiner Gnade lebt ihr, und ihr werdet sie nicht finden außerhalb der Versammlung der Glaubenden. Wer seid ihr, daß ihr nicht danken müsstet für das, was ihr empfangen habt? Und wie seid ihr so weit gekommen, daß ihr Bedingungen stellen könntet und von eurer eigenen kleinen Kirche träumt, nach eurem Maß - statt zu empfangen und zu danken, statt euch hineingestalten zu lassen in den Leib Christi, in die Kirche, die er so liebte, daß er aus Liebe bis ans Ende ging?"
So oder so ähnlich hätte Paulus an die Österreicher geschrieben. Und den Bruder Paul Maria bestimmt nicht ausgespart aus seinen Predigten. Dem hätten die Ohren geglüht.
2. März 2010
Hinwendung zu den Opfern
Godehard Brüntrup sj tut einen Blick in die Dunkelheit, um der Opfer willen:
"Der liberale Katholik wird geneigt sein, den Zölibat und die kirchliche Sexualethik als Ursachen zu sehen, der konservative Katholik wird hingegen die permissive Gesellschaft als Schuldigen entdecken, deren giftige Dämpfe durch die nach dem Konzil geöffneten Fenster der Priesterseminare zogen. Solche Abstraktionen treffen kaum die konkrete Realität der Täter, sondern dienen hauptsächlich der intellektuellen Selbstvergewisserung ihrer jeweiligen Autoren. Wenn man nur einmal die beiden angeklagten ehemaligen Jesuiten im Canisiuskolleg heranzieht, so erkennt man bereits, dass die Psychopathologie ihres Missbrauchs so unterschiedlich ist, dass man sie unmöglich auf eine gemeinsame gesellschaftliche oder kirchliche Ursache zurückführen kann. Die Banalität des Bösen liegt auch und gerade in seiner unableitbaren Individualität, dem zusammengewachsenen Geflecht einer ganz individuellen Biographie, insbesondere einer ganz individuellen Kindheit. Es ist interessant, dass gerade die aufgeklärten Kreise unserer Gesellschaft diese Lektion Freuds anscheinend nicht gelernt haben. Theologisch gesprochen liegt die Banalität des Bösen auch in seiner alle Menschen durchdringenden Präsenz. Fast jeder ist unter geeigneten Umständen potenziell ein Gewalttäter, auch gegen Kinder. Es gibt daher keine simplen, verallgemeinernden Erklärungen." (Tagespost vom 2. März 2010 / Zenit)
28. Februar 2010
Eyesight to the Blind
Als kleine Synthese meiner letzten beiden Postings, als Wunsch für katholische Journalisten aus der Lokalpresse und als Dienst eines Fundi-Katholen an guter Musik, dürfen B.B. King und David Gilmour von der Wirkung geschlechtlicher Liebe auf verlorenes Augenlicht singen und spielen:
Si tacuisses, o Vertreter der Vierten Gewalt!
Ganz besonders sind dieser Tage unsere Medien gefordert, jene Exekutoren der "Vierte[n] Gewalt", die, "zu einem unverzichtbaren Bestandteil demokratischer Gemeinwesen geworden", "die Aufgabe einer schnellen kritischen Kommentierung auf eine Weise wahr [nimmt], wie sie weder dem Parlament noch der Justiz mit ihren zeitraubenden Verfahren möglich ist" (Hans-Ulrich Wehler).
Ist es schon für die großen Redaktionen schwer, ihrer Verantwortung gerecht zu werden, um wieviel mehr dann für die kleinen oder mittelgroßen Redaktionen, die Journalisten in den deutschen Provinzstädten, die nicht einfach vorgefertigte Kommentare von der dpa übernehmen wollen!
Gut, wenn man dann, wie das "Main-Echo", meine geliebte Lokalzeitung, einen Experten im Team hat, der, mit der Materie vertraut, klare und fundierte Urteile wagt. Einen wie Martin Flenner, nicht nur leitender Redakteur im Ressort Politik und Wirtschaft, sondern auch Unterzeichner der einschlägigen Petition "Für die uneingeschränkte Anerkennung der Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils". Einen bessern kannst nicht finden, würde Wolf Haas da sagen.
Dieser Herr Flenner durfte also in der letzten Woche "Zollitschs Entschuldigung" kommentieren und forderte: "Jetzt müssen Taten folgen!" Taten wie ein klares Plädoyer für die Aufhebung der Verjährung von Mißbrauchsdelikten oder die Bestellung "kirchenunabhängiger" Personen als Bistumsbeauftragte für Mißbrauchsfälle.
Aber auch folgendes fordert Martin Flenner in einer völlig überraschenden Volte:
"Und: Die deutschen Bischöfe sollten klar machen, dass Sexualität ein wunderbares Geschenk Gottes an den Menschen ist, das die Kirche grundsätzlich bejaht. Papst Johannes Paul II. hat mit seiner Theologie des Leibes hier einen guten Anfang gemacht. Leider ist das bis jetzt viel zu wenig beachtet worden - auch innerhalb der katholischen Kirche."
Nun kann man von einem Qualitätsjournalisten wie Martin Flenner nicht erwarten, daß er schnell die relevante Literatur nachschlägt, im Internet vielleicht, wenn schon nicht im eigenen Bücherregal, und dort auf einen Satz stößt wie:
"Im Glauben an Gott begreifen wir die menschliche Geschlechtlichkeit als Geschenk und Gabe der Liebe Gottes." (KEK Bad II, S. 346)
Oder auf diese Kurzdarstellung der biblischen Sicht:
"Bibel spricht von diesen Weisen der Begegnung zwischen Mann und Frau an vielen Stellen. In der Genesis erzählt sie vom Jubelruf des Mannes, als er der Frau ansichtig wird, die Gott "als sein Gegenüber" geschaffen hat (Gen 2,23). - Die Erzählung von Jakob und Rahel (Gen 29,20), von Elkana und Hanna (1 Sam 1,5) und besonders das "Hohelied" zeigen, daß in der Geschichte des Gottesvolkes die Liebe aufs höchste gefeiert und unbefangen vom beglückenden Ereignis der Liebesvereinigung von Mann und Frau gesprochen wird (vgl. Spr 5,18-20; Koh 9,9)." (KEK Bd, II, S. 348)
Da muß es reichen, den Joker Johannes Paul II. gegen die deutschen Bischöfe auszuspielen!
Es wird schon keiner merken, daß das, was er da als "guten Anfang" vorstellt, so ganz und gar nicht zur Zeit passt, ja der vermeintlich aufgeklärten und entspannten, tatsächlich aber verspießerten Sexual-, Beziehungs- und Ehemoral deutscher Zeitgenossen des Jahres 2010 wesentlich und radikal widerspricht. Martin Flenner, steht zu befürchten, schon mal gar nicht.
Abneigung macht blind.
(Selbstverständlich kann man Flenner nur recht geben, daß " das bis jetzt [leider] viel zu wenig beachtet worden [ist]- auch innerhalb der katholischen Kirche." In seiner und meiner eigenen Diözese ist das genauso wenig der Fall wie in den anderen. Vielleicht kann er dazu mal eine Glosse schreiben: Wo die Theologie des Leibes - als Offenbarung des Schöpfungssinnes und als Werkzeug sakramentaler Vereinigung von Mann und Frau, so wie GOtt SEine Schöpfung und Jesus SEine Kirche liebt - in den Bildungsangeboten des Bistums, der Pfarrgemeinden, der Bildungshäuser und Kirchenläden bleibt...)
27. Februar 2010
Fundi-Musik
Fundi-Katholiken ärgern Merkel, bringen nicht einmal Lippenbekenntnisse für Käßmann auf, bilden den Nährboden für Kindesmißbrauch, sind uneinsichtig, psychisch mißgebildet und überhaupt überflüssig. Stimmt zwar nicht, ist aber so für viele Landsleute.
Aber, Ihr Lieben da draußen, wir bloggen die bessere Musik.
Heute und hier zum Beispiel den Delta-Blues-Musikanten Tommy McClennan mit dem "Whiskey Headed Man Blues". Lautsprecher aufdrehen und anklicken.
26. Februar 2010
Grüße nach Rosenheim!
Am Lichtmesstag geboren, ist Elias nun schon paar Wochen alt. Gelesen habe ich es erst heute, aber meine Wünsche für ihn, seine Brüder und seine Eltern kommen bestimmt nicht zu spät: Alles Gute, Gottes Segen und SEine Nähe, viele frohe und glückliche Momente und ein Herz voll Dankbarkeit!
Das Beste draus machen
Wenn ich wieder einmal den letzten Flug in die Heimat verpasse und die Nacht auf dem Flughafen verbringen darf, weiß ich jetzt mindestens, was ich zu tun habe:
(via The Anchoress)
Nun aber Schluß mit lustig und ab ins Bett.
25. Februar 2010
Standards
Wenn eine Predigt mit dem Satz beginnt: "Matthias is unremarkable", dann finde wenigstens ich das bemerkenswert.
Aber wo Lutheraner - diesmal Reverend Paul T. McCain aus der "Lutheran Church - Missouri Synod" - recht haben, haben sie recht. Definitiv.
"Not all of the men whom God chooses to preach, administer sacraments, and shepherd the church are remarkable. Most are pretty ordinary. Don’t be disappointed if your pastor is not the most dynamic or charismatic leader. Don’t be disappointed if he doesn’t have the business sense to manage a small corporation. Hold him to the qualifications set forth by Scripture. For the call of Matthias, what was important was that he have been a companion of Jesus and the Twelve from beginning to end, and that he be a witness of the resurrected Lord Jesus. For pastors today, their qualifications and duties are set forth in sufficient detail in Paul’s letters to Timothy and Titus. For that matter, we should learn from this to measure anyone in any God-given office by God’s standards in Scripture, not by whatever our emotions, eyes, or reason would require. Hold all church workers to the standards set forth in Scripture."
Meine 5 min Fröhlichkeit inmitten harter Tage
Als Käßmann-Kritiker der letzten Jahre habe ich mir standhaft jeden Kommentar versagt und tue es auch jetzt noch, auch wenn ich unheimlich gerne die Chance genutzt hätte, zum Thema das eine oder andere Youtube-Video eines alten weisen Mannes zu bloggen.
Dafür nehme ich mir die ökumenische Freiheit, einen Ausschnitt aus einem Brief wiederzugeben, der mich heute mittag in einem dieser neumodischen Kaffees mit grünem Logo und kostenlosem WLan so sehr zum Lachen brachte, daß es den Umsitzenden beinahe auffiel. Aber die Zeiten sind hart und anstrengend, da freut man sich über jeden Moment unbeschwerten Glücks...
Der Brief ist über 60 Jahre alt und stammt von Helene Hanff. Sie, die damals junge amerikanischen Drehbuchautorin schrieb ihn 1949 an den Angestellten eines Londoner Antiquariates, der ihr eine lateinische Bibelausgabe beschafft hatte. Ich fand ihn, wie gesagt, köstlich:
"WAS UM ALLES IN DER WELT FÜR EINE SCHLECHTE PROTESTANTISCHE BIBEL IST DENN DAS?!
Wären Sie so freundlich und würden den Verantwortlichen der anglikanischen Kirche Englands mitteilen, dass sie, wer immer ihnen den Auftrag gab, an der Vulgata herumzupfuschen, die schönste Prosa, die je geschrieben wurde, versaut haben? Sie werden dafür in der Hölle braten, das können sie sich merken! Mir macht das, da ich selber Jüdin bin, nichts aus. Aber ich habe eine katholische Schwägerin, eine methodistische Schwägerin, einen ganzen Tross von presbyterianischen Neffen (über meinen Großonkel Abraham, der konvertierte) und eine Tante, die Gesundbeterin bei der Christian Science ist, und ich bin mir sicher, dass keiner, wirklich keiner von ihnen diese anglikanische Latein-Bibel akzeptieren würde, falls sie wüssten, dass es sie gäbe. (Und ehrlich gesagt, wissen sie nicht einmal, dass es Latein gibt.)
Gut, zur Hölle damit, ich habe die Vulgata meines Lateinlehrers benutzt, und ich habe nicht vor, sie zurückzugeben, bis Sie eine eigene für mich gefunden haben."
23. Februar 2010
Zum späteren Gebrauch vorgemerkt ...
... habe ich mir das Adjektiv "klosterbruderisierend".
Stammt von Goethe und tritt bei ihm im Duo mit "sternbaldisierend" auf. Mit diesen sieben Silben dürfte man es schaffen, sich auch aus der Gesellschaft hochkultivierter Menschen nach oben hin wegzubewegen.
Eine halbwegs passende Gelegenheit wird sich wohl irgendwann finden...
Ganz simpel und völlig klar
"Es ist dir gesagt worden, Mensch,
was gut ist und
was der Herr von dir erwartet:
Nichts anderes als dies:
Recht tun,
Güte und Treue lieben,
in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott."
(Micha 6,8)
22. Februar 2010
Loci Theologici
John Milbank: The New Divide: Romantic versus Classical Orthodoxy (Modern Theology 2010; 26 (1): 26):
"Of course, a lot of what goes on in theology today is much the same as a quarter of a century ago. But this is only the case for theological exponents who have not realised that all is now different or who dislike this difference. Some of the shifts were already apparent at that time, but are now far more palpable. The Anglo-Saxon countries and France have displaced Germany as the fulcrum of international theological activity. The debate within Protestant theology has ceased to be the decisive one for all theology, much affecting Catholic theology also. Today, instead, it is the debate within Catholic theology that is the vital one, to such a degree that a definitively Protestant theology is now extinct, even though Protestants are still doing much interesting and important work."
"Natürlich ist viel von dem, was heute in der Theologie geschieht, das gleiche wie vor einem Vierteljahrhundert. Aber das gilt nur nur theologische Leitfiguren, die nicht verstanden haben, daß sich alles verändert hat oder denen der Unterschied nicht passt. Einige der Verschiebungen waren damals schon sichtbar, sind aber jetzt bei weitem konkreter. Die angelsächsischen Länder und Frankreich haben Deutschland als den Brennpunkt internationaler theologischer Aktivität abgelöst. Die Debatte innerhalb der protestantischen Theologie hat aufgehört, entscheidend für die gesamte Theologie zu sein. Stattdessen ist es heute die Debatte innerhalb der katholischen Theologie, die die entscheidende ist - so sehr, daß eine entschieden protestantische Theologie jetzt ausgestorben ist, obwohl Protestanten immer noch viel interessante und wichtige Arbeit leisten."
Wunsch anläßlich Petri Stuhlfeier
Zum Fest der Kathedra Petri gab es bei The Anchoress einen treffenden Festtagswunsch von Ronald Knox:
"Perhaps it would be a good thing if every Christian, certainly if every priest, could dream once in his life that he were pope, and wake from that nightmare in a sweat of agony.
Es wäre vielleicht eine gute Sache, wenn jeder Christ oder wenigstens jeder Priester einmal in seinem Leben davon träumte, Papst zu sein, und aus diesem Albtraum schweißgebadet aufwachte."
21. Februar 2010
Staub bin ich - werd' ich es immer bleiben?
Vor Jahren habe ich über Gillian Welchs und David Rawlings' "Red Clay Halo" schon einmal gebloggt - aber ohne Video. Hier sind die beiden in einem sehr schönen und intensiven Video mit ihrem Lied, das man sehr wohl als Meditation über das "Mensch, Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück" des vergangenen Mittwoch hören und singen kann.
Zum Text geht es hier lang.
Joseph Bernhart in seinen Tagebüchern
"Sakramentalismus vieler Katholiken: Die Hostie ist leichter zu schlucken als das Evangelium."
Drauflosgeschnarre und Verbitterung
Die Justizministerin waltet ihres Amtes und schnarrt drauf los. Dunkle Winkel ausleuchten, den Sumpf trocken legen. Restlos und wohl auch: ein für alle Mal.
I am all for it.
So sehr "all", daß ich - mit Georg Paul Hefty? - denke: Schafft 2, 10, 100 Leutheusser-Schnarrenbergers! Packt das Unmögliche! Klärt unselektiv auf!
Nicht nur die bekannten 15.098 Fälle aus dem Jahre 2008, in denen Kinder von fast 9.000 Tätern mißbraucht oder bedroht wurden. Auch die noch unbekannten Fälle dürfen nicht stillschweigend akzeptiert werden. Zur Not muß auch die deutsche Justiz an einen runden Tisch gezerrt werden, mit Ombudsperson, gestellt von der EU oder der UNO.
Frau Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, endlich erlebe ich Sie als Lebensschützerin. Blieben Sie es nur! Wären Sie es nur auch sonst gewesen! O vergeblicher Wunsch, o eitle Hoffnung.
(Ach, wie schwer fällt's einem dieser Tage, demütig gegen die Verbitterung anzugehen. Nicht immer gelingt's...)
Zum Thema: Selektive Empörung.
20. Februar 2010
Das Buch zu Bob Dylans Theme Time Radio Hour
Und weil wir gerade bei den weniger wichtigen Dingen des Lebens verweilen, verweise ich noch auf ein Projekt von Fred Bals, der den über sechzig Folgen von Bob Dylans Theme Time Radio Hour ein Buch widmen will und dafür noch finanzielle Unterstützung sucht:
Zu Freds Blog "Dreamtime" geht es hier lang.
Gedicht eines Hunde- und Gehsteigsauberhalters
Wollte ein stolzer Hundehalter ein Gedicht schreiben, dann könnte es werden wie dieses von Jason Tandon, das Garrison Keillor in seinem Writer's Almanach kürzlich abdruckte bzw. vorlas:
Cleaning up after the Dog
Besonders schön (und quasi Mr. Bean-mäßig) finde ich die Stelle:
Hold loaded bag high in the air,
assure onlookers that Everything is Okay.
If a cop should cruise by,
his crew cut bristling
in the sun,
hold that bag higher,
so he, too, can salute
your contribution.
19. Februar 2010
Goliarden
Es gibt immer wieder was Neues zu lernen: "Das eitle und müßige Geschwätz, die blasphemischen Reden und der Verlust an Zeit für gute Werke" zeichneten diese Gruppe mittelalterlicher Kleriker aus, sagt die FAZ, und man denkt bei sich: So wirkungsvoll war Bonifaz' VIII. Verbot wohl doch nicht, wenn es diese geistlichen Herren fast 700 Jahre später immer noch gibt.
Sie fahren nicht über Land, führen keine Hütchenspiele vor oder betrügen gar mit Taschenspielertricks einsame Witwen um die Lebensversicherung ihres Gatten. Aber ausgestorben sind sie noch lange nicht, im Gegenteil.
18. Februar 2010
Kleiner Monolog über die rechte Zeitungslektüre
Jetzt denkt man immer: Mann beißt Hund muß in die Zeitung, gleich auf Seite eins. Weil das ist ja ganz ungewöhnlich und will es jeder auch wissen, damit er's vorlesen kann, wenn beim Frühstück die Frau das Hörnchen in den Kaffee tunkt. Passiert so selten, daß man glaubt, jeder Redaktor müsste froh sein, wenn das übern Schirm tickert.
Hast dich aber geschnitten, wenn du's glaubst. Weil die Woche nämlich, da war der Fall "Mann beißt Hund", und auf Seite eins doch wieder nur Winter und Schnee und kein Salz mehr da. Da musstest du bis auf Seite fünf und war dann eine Meldung, so klein, ohne Brille fast nicht zu sehen. Bloß hieß der Mann da Obama und der Hund hieß Atomkraft, und gebissen hat der Obama nicht, aber gesagt, daß er welche aufmachen will, AKWs nämlich, für X Milliarden. Wäre ja eigentlich Sensation: Hat den Nobelpreis für Friedensstiftung, rettet die Welt in Kopenhagen und jetzt das. Riesenenttäuschung eigentlich, und Überraschung, aber was für eine. Könnte ja klar auf Seite eins, in die Mitte, unters Winterbild, daß jeder sieht: Aha, einer hat den Hund gebissen.
Aber klar, ist schwierig für den Redaktor. Wenn der Heilige sündigt, schreibt ja das Kirchenblatt auch nicht auf Seite eins, ganz vorne.
Ich sage aber dann zur Mari: Jetzt schau ich immer auf Seite fünf die Fünfzeiler an. Da jaulen die Hunde und beißen die Männer und sündigen die Heiligen und stürzen vom Podest, die Nobeln. Und keiner siehts, bloß ich. Tunk du nur dein Hörnchen und sei froh, daß du mich hast.
Wieseltier zum zweiten: Orte erster Prinzipien und ein "Wenn schon, denn schon"
Noch einmal aus dem gleichen Buch von Leon Wieseltier - allerdings ohne Seitenangaben, denn sie stammen aus der Rezension von Yizhak Ahren und ich habe mich nicht auf die Suche nach der exakten Stelle gemacht:
"Eine Schul ist nicht nur ein Haus der Religion, sie ist auch ein Haus der Philosophie, weil in ihren Mauern erste Prinzipien und ein Interesse an ersten Prinzipien gefragt sind. Solange es 'Schulen' und Kirchen und Moscheen gibt, wird der Sinn für Philosophie nicht aussterben. Von Universitäten kann man das nicht sagen."
"Wenn ich mich schon entfremden muß, dann wenigstens von der richtigen Religion." - Notiert nach dem Besuch einer progressiven Jüdischen Gemeinde und durchaus auf die Gemeinden des "Neuen Bundes" übertragbar.
Ein Resümee und zwei Betrachtungen
Aus Leon Wieseltiers "Kaddisch":
"Heute war ich unlenksam." (S. 145)- Was für ein passendes Wort auch für manche meiner Tage!
"Zwei Leute betrachten ein Objekt und können es nicht sehen. Der eine sagt: Ich kann es nicht sehen, also kann es nicht da sein. Der andere sagt: Ich kann es nicht sehen, also muß ich blind sein." (S. 264)
Unbegriffen und zum Sündenbock gemacht: Das böse Z
Alexander Kissler über das Missverstaendnis Zoelibat
"Insofern verfehlt es den Kern der Sache, wenn nun immer und immer wieder pragmatisch argumentiert wird. Der Zölibat ist keine pragmatische, sondern eine theologische Einrichtung. Darum wird er missverstanden in einer Zeit, die für jede Frage nur pragmatische Antworten bereithält. Er steht komplett quer zu den Bedingungen, die das 21. Jahrhundert an eine sozial akzeptierte Lebensform stellt. Er ist antibürgerlich, er macht nicht mit beim allgemeinen Ringelpiez und Fleischbeschau, er akzeptiert nicht die Vertröstungen des Diesseits.
Und wenn denn schon pragmatisch argumentiert werden soll: Kein Papst, der bei Sinnen ist, kann die Hand reichen zur Abschaffung des Zölibats. Die Kirche flöge ihm um die Ohren. Austrittsbewegungen und neue Kirchengründungen wären die Folge. Auch deshalb ist das aus Unkenntnis und Desinteresse gespeiste Urteil gegen den Zölibat oft nicht mehr als eine Spukgeschichte: Die Geister, die man nicht begreift, will man vertreiben."
17. Februar 2010
Immer noch am Anfang
"There is a story of an Eastern Orthodox monk who was revered by his brothers for his extraordinarily holy life. On his deathbed, he had a vision of God, angels, heaven—the whole works! After this vision, his brothers, who had been standing around his bed, pleaded with him for a word of wisdom. All he could say was, 'I have only begun to repent.'"
(Mark Galli: Are We Transformed Yet - Christianity Today)
16. Februar 2010
Und Hazel Motes hatte doch recht!
"Wise Blood" war der erste Roman von Flannery O'Connor und ist hierzulande fast unbekannt, obwohl es irgendwann einmal eine deutsche Übersetzung gab. Der Roman spielt im amerikanischen Süden und ist - da Paradebeispiel für das "Southern Gothic"-Genre - voll von grotesken Charakteren.
Held des Buches ist Hazel Motes, Straßenprediger und Gründer der "Kirche Jesu Christi ohne Christus". Seine Predigten klingen etwa so:
"Süßer Jesus Christus am Kreuz... Ich will Euch Leuten etwas sagen. Vielleicht denkt ihr, ihr seid nicht rein, weil ihr nicht glaubt. Ihr seid rein, das sage ich euch. Jeder einzelne von euch ist rein und laßt mich sagen, warum ihr falsch liegt, wenn ihr denkt, es ist wegen Jesus Christus am Kreuz. Ich sage nicht, er wäre nicht gekreuzigt worden. Aber es war nicht für euch. Hört her, ich bin selber ein Prediger und verkünde die Wahrheit (...) Ich predige euch jetzt eine neue Kirche - die Kirche der Wahrheit ohne Jesus Christus, den Gekreuzigten. Kein Pfennig müsst ihr zahlen, wenn ihr zu meiner Kirche gehören wollt. Sie hat noch nicht begonnen, aber sie wird kommen!"
"It's going to be - sie wird kommen." - Und manchmal denke ich, sie ist da.
Ich schlage arglos mein Bistumsblatt auf - o.k., es war die Faschingsausgabe, aber Sie werden sehen, liebe Leser, das tut nichts zur Sache - und mein Blick trifft auf einen Artikel auf der Jugendseite: "Taten statt Worte - Maria Ward-Tag im Dom zur Ordensgründung vor 400 Jahren". Es wird berichtet von einem Wortgottesdienst, der die Botschaft von Mary Ward verheutigen wollte.
Und wie macht man das am besten? Na, was haben wir gelernt in den letzten Jahren und Jahrzehnten? - Ja, genau: Man passt das Fremde dem eigenen Verständnishorizont und dem der jeweiligen Zielgruppe an.
Maria Wards aggiornamentierte Sätze klingen dann so:
"Du hast was drauf. Mach was draus", "Macht was, nehmt euer Leben in die Hand", "Gott will echte, wahre Beziehungen". Und die Heilige selber? Die Predigt - in Kurzzusammenfassung des offiziösen Diözesanorgans - sagt uns: "Als Wegbereiterin sei Maria Ward ein Vorbild gewesen. Sie habe geglaubt, Frauen könnten Großes vollbringen, und habe diese Überzeugung an Jüngere weitergegeben."
Church of Christ without Christ - wir kommen offensichtlich, mindestens wenn ein Gottesdienst aufs Wesentliche verdichtet werden soll, ohne "Jesus Christ Crucified" aus, nicht ganz ohne Gott zugegebenermaßen, aber immerhin ist es wenigstens ein Gott, der ganz zeitgeistgemäß "echte, wahre Beziehungen" will, nichts, was weh täte also! Mary Ward wird zur Feministin und zur Briefkastentante avant la lettre.
Die echte Mary sagt derweil sich und dem HErrn Jesus Christus, dem mit den Wunden an Händen, Füßen und Seite: "Ich habe das nicht gewollt. Du weißt es, mein HErr." - Und ER darauf, so stelle ich mir vor: "Hab Geduld, Mary. Wir können nur schenken, anbieten. Nehmen müssen sie es schon selber. Mein Opfer und Deine Mithilfe. Irgendwann werden sie es merken, daß Selbstverwirklichung nicht alles ist. Wie Du, Mary, werden sie nur in der Freundschaft, der Gemeinschaft mit mir 'was aus sich machen' können. Wie Petrus und wie Du werden sie es merken, daß ich sie an der Hand führe. Das Wort, das heilt, das rettet, der befreit und erlöst, können sie sich nicht selber sagen. Sie werden es merken. Gar bald, Mary, gar bald."
14. Februar 2010
SEine Liebe geht unserem Handeln voraus
"Das Christentum ist nicht Moralismus, sondern Glaube an den lebendigen Gott:"
"Es geht nicht darum, dass wir tun, was Gott sich von der Welt erwartet, sondern wir sollen vor allem in dieses ontologische Geheimnis eintreten: Gott gibt sich selbst, sein Wesen – seine Liebe geht unserem Handeln voraus... und da wir mit ihm identifiziert worden sind, können auch wir mit Christus handeln. Die Ethik ist Folge des Seins: Wir sollen einfach unserer neuen Identität entsprechend handeln. Das ist kein äußerlicher Gehorsam, sondern ein Realisieren unseres neuen Seins."
"Die wahre Neuigkeit ist nicht das, was wir tun: Die wahre Neuigkeit ist, was der Herr getan hat. Die Neuigkeit ist, dass wir Glieder seines Leibes sind, Trauben an seinem Weinstock. Die Neuigkeit ist also das große Geschenk – und daraus folgt dann auch ein neues Handeln... Die Neuigkeit ist, dass Gott sich bekannt gemacht und gezeigt hat: Er ist nicht mehr der unbekannte Gott, den man sucht, aber nicht findet. Er hat sich sehen lassen."
"Mission ist nicht eine äußere Sache, die zum Glauben hinzugefügt wird, sondern sie ist die Dynamik des Glaubens selbst. Wer Christus gesehen hat und ihm begegnet ist, der muss zu seinen Freunden gehen und ihnen sagen: Wir haben ihn gefunden, es ist Jesus, der für uns gekreuzigt wurde!"
(Benedikt XVI. am 12. 2. 2010 bei einem Besuch im römischen Priesterseminar - Quelle)
Fürbittenauftakte
Da geht man Jahre, was sage ich: Jahrzehnte lang in die Sonntagsmesse, regelmäßig, wie es ich gehört. Man denkt, man hätte schon alles gehört und nichts, aber auch gar nichts könnte einen überraschen, was da an Kreativität und Zeitgenossenschaft den Federn der Gottesdienstvorbereiter entspringt.
Bis eines schönen Sonntagabends vier in ihrer Nüchternheit schlechthin geniale Fürbittenanfänge auftauchen. Ich habe sie mir alle schön gemerkt, damit ich sie bloggen kann:
"Am Donnerstag feiert die katholische Kirche den Welttag der Kranken."
"Die Hartz-IV-Regelsätze sind verfassungswidrig."
"In Berlin findet die Berlinale statt."
"Wir befinden uns in der fünften Jahreszeit."
Keine Erwähnung fanden leider die Olympiade in Vancouver, die Streusalzknappheit, die griechische Staatspleite, der 3:1-Sieg der Bayern und die Nato-Offensive in Afghanistan.
Aber in sieben Tagen haben wir ja wieder einen Sonntag.
Guido, die Schand' und Lektüre für dumme Zeiten
Nutzer "BertholdIV" zu Don Alphonsos Text über unseren Hochleistungsaußenmister Guido W.:
"Es ist wirklich eine Schande mit diesem Außenminister. Wie sagte mein Urgroßvater immer. A Sind is niat, aber a Schand. Aber bei Herrn Westerwelle ist es beides. man muss aber sehen, dass er im Moment etwas im roten Bereich dreht und man bei seiner Partei schon überlegt "Ersatzaggregate" beizuschalten.
Und natürlich wieder ein Hinweis auf meinen geschätzten und leider viel zu früh verstorbenen Lehrer Norbert Brox und seine reihe fontes christianae. Etwas Origines oder Basilius von Cäsarea zu lesen in diesen dummen Zeiten ist nicht schlecht."
(Danke für den Hinweis an Herrn G. F. aus G.!)
13. Februar 2010
Fremdenhaß
Wenn "der Katholizismus" tatsächlich, wie Martin Mosebach vor einiger Zeit sagte, "die unbekannteste Religion der Welt, speziell in Deutschland" ist, dann haben wir es doch eigentlich mit Fremdenhass und - noch deutlicher - mit Fremdenhassern zu tun. Oder?
Alexander Kissler geht dem System "stabiler Unkenntnis" und freigewählter Ignoranz in Sachen katholische Kirche nach, wie es sich dieser Tage z.B. ganz deutlich im "Stürmer" nachlesen lässt. Habe ich "Stürmer" gesagt? - Entschuldigung, ich meinte den "Spiegel".
Uns bleibt dennoch die Aufgabe, daß "sie" uns bitte aus gutem Grund verkennen oder hassen mögen. Wegen unseres "Nein" zu zeitgenössischen Dummheiten zum Beispiel. Und nicht wegen vertuschten Mißbrauchs.
Ein bißchen Wein, zehn Nächte und gute Gesellschaft
Nun ist das Stöckchen mit den Zehn Historischen Personen, Mit Denen Ich Gerne Eine Nacht Mit Etwas (?) Wein Verbringen Möchte, via Elsa vor meine Füße gefallen.
So etwas ähnliches hatten wir schon mal, aber ich gehe nicht suchen auf dem Blog. Historisch bedeutet in dem Zusammenhang ja wohl 1. tot und 2. einem weiteren Kreis von Personen bekannt. Chronologisch müssen die Namen nicht angeordnet sein, mindestens werde ich es nicht tun. Da wären:
1. Paulus in der Nacht nach Damaskus, aus einem offensichtlichen Grund: Hier ist einer, der den HErrn nicht mehr in seinem irdischen Leib kannte, dem HErrn begegnet. Ein Zeuge erster Hand.
2. Helmuth von Moltke, in einer der Nächte des ersten Treffens der "Kreisauer" im Mai 1942, als über das Deutschland nach den Nazis gesprochen wurde.
3. Pierre Teilhard de Chardin, an der Front des 1. Großen Kriegs, der Wein wäre schlecht und die Nacht kurz, aber er könnte mir erzählen, wie er das "mystische Milieu" bei Ypern und Verdun erfuhr.
4. Chesterton, gerne mit Elsa zusammen und - warum nicht? - auch bei Wein. Ich stelle mir vor, wir müssten gar nicht viel sagen. GKC würde monologisieren (Tat er das gerne, oder konnte er auch zuhören?) und wir könnten fasziniert zuhören. Und unsern Wein genießen.
5. Bernhard von Clairvaux. "Sanft und radikal, zerbrechlich und stark, aktiv und kontemplativ zugleich, mystisch begabt und mit hohen spirituellen Gaben der Prophetie und Wundertaten ausgestattet" und nach einem, der ihn kannte, "allen ... schrecklich aus Liebe und lieb aus Schrecken". Könnte eine interessante Nacht werden. Den Wein würde ich stellen, einen Silvaner aus der fränkischen Heimat, damit er nicht völlig abhebt.
6. Robert Schuman, in einer der Nächte vor dem Schuman-Plan, also Anfang Mai 1950. Wir redeten über Franzosen und Deutsche, über Europa, über katholische Politiker - und über unseren Glauben.
7. Leonhard Rausch, über 20 Jahre Bürgermeister eines Nachbarortes an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, Bauer und Vater einer großen Familie, eine lokalhistorische Persönlichkeit, und außerdem mein Urgroßvater. Über das Leben im Vorspessart in alter Zeit, über den täglichen gemeinsamen Rosenkranz nach getaner Feldarbeit, über das Ende, das er der deutsche Revolution 1919 verpasste, als sie sich in H. angekommen wähnte, und gewiß manches mehr.
8. Father Richard John Neuhaus, der seinen Weg als historische Persönlichkeit als lutherischer Pastor begann, in der Bürgerrechtsbewegung und der Anti-Vietnam-Bewegung der 60er Jahre aktiv mitmachte, nach "Roe vs. Wade" aus seiner Demokratischen Partei austrat, mit 55 Jahren konvertierte und unermüdlich Brücken baute zwischen Katholiken, Evangelikalen, Orthodoxen, Juden... Auch eine Zigarre würde ich nicht abschlagen in dieser Nacht.
9. Reginald Pole, englischer Kardinal, Teilnehmer am Trienter Konzil und als Diakon um ein Haar Papst geworden(1549), letzter römisch-katholischer Erzbischof von Canterbury und Träger eines herrlichen Bartes. Themen gäbe es wahrlich genug.
10. Jeanne d'Arc. Bitte mehr als eine Nacht. 19 Lebensjahre passen nicht in die paar Stunden.
Wer mag, darf weitermachen.
Kirchenpolitik per Skandalmanagement
Patrick Bahners im Leitkommentar der FAZ von heute (und im faz.net) über P. Klaus Mertes als geschickten Presse-Profi, der sich die Gelegenheit nicht entgehen lässt, den Skandal kirchenpolitisch zu instrumentalisieren. (Auch für den, der Mertesschem Politiktreiben nicht zustimmt oder das Mantra vom "offenen Austausch" über eigene und damit ja auch fremde Sexualität nicht vor sich hinmurmelt, bleibt dennoch genug zu bedenken.)
"Der Rektor des Canisius-Kollegs hat seine Bitte um Vergebung und sein Versprechen rücksichtsloser Aufklärung und Ursachenforschung mit maßloser Polemik gegen die kirchliche Lehre und die kirchlichen Autoritäten verknüpft. Ihn interessiert nicht das Motiv des einzelnen Täters, sondern „das vertuschende System“. Dieses System, das „Interessen hat und Ängste“ und deshalb von Mertes der kollektiven Mittäterschaft an der sexuellen Belästigung im Canisius-Kolleg bezichtigt wird, ist größer als das Lehrerkollegium, die Ordensprovinz oder die Gesellschaft Jesu. Es ist die Kirche, mit ihrer Sexualmoral und ihrer Bürokratie.
Die Deutsche Bischofskonferenz hat 2002 Leitlinien „Zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche“ beschlossen. Nach Meinung von Mertes setzt das Verfahren, das gemäß Vorgaben der damals von Kardinal Ratzinger geleiteten Glaubenskongregation geschaffen wurde, die Praxis der systematischen Vertuschung fort. Mertes nimmt an der Unschuldsvermutung Anstoß. Er suggeriert, ein Bischof müsse einem Opfer, das sich ihm stammelnd offenbare, entgegenhalten, für die Kirche gelte der Beschuldigte als unschuldig. Das ist eine böse Verzeichnung. Die Unschuldsvermutung ist eine Minimalanforderung an jedes gerechte Verfahren, auch im kirchlichen Strafrecht. Ihre Beachtung verlangt keineswegs einen ausdrücklichen Vorbehalt gegenüber einer Zeugenaussage.
(...)
Und wenn Mertes das freie Reden über Intimitäten zur Heilung der Sprachlosigkeit gegenüber den Opfern empfiehlt, so ist der Fall des Paters, der seine Zöglinge zur Offenbarung intimer Gewohnheiten genötigt haben soll, wenigstens als historisches Exempel instruktiv: In zwanglosen Nachmittagssitzungen wurde gemäß dem Geist der Zeit ein freizügiges Reden eingeübt, das dann im Privatissimum in die Travestie eines Beichtgesprächs überführt wurde.
(...)
In jeder Lebensform steckt als Möglichkeit auch ihre Pervertierung. In einer bemerkenswerten Predigt hat der Jesuitenpater Martin Löwenstein, Pfarrer am „kleinen Michel“ in Hamburg, Gedanken über die Kultur formuliert, die den Missbrauch möglich gemacht hat. Als Beispiel nennt er das Ausforschen in der Beichte: Die Routine dieses Übergreifens in die Intimsphäre habe denen einen „kulturellen Schutzraum“ geboten, „die dann im körperlichen Bereich in den verletzlichen Raum anderer Menschen eingedrungen sind“. Solchen Fragen nach den Nachtseiten der eigenen pädagogischen Tradition, nach den psychischen Kosten der asketischen Disziplin wird die Selbstprüfung der Katholiken nachgehen, die der Canisius-Skandal anstoßen sollte."
Keine Musik für alte Männer
- oder mindestens nicht nur. Diese Gruppe offensichtlich minderjähriger Jungs und eines Mädchens spielt sie ebenfalls und nennt sich nach dem, was sie sind: Obviously Minor Guys and a Girl.
Die 6 spielen allesamt noch nicht so beiläufig, wie es in ein paar Jahren der Fall sein wird, aber ihr Sound hat definitiv schon die genretypische Melange von Schwung und Melancholie. Das richtige für die tollen Tage.
(via BluegrassBlog)
12. Februar 2010
11. Februar 2010
Dankbarer Blick zurück in Traurigkeit
Wenn das Thema nicht so deprimierend wäre, würde ich Anmerkungen zum nächsten kleinen Meisterstück des Spiegel machen. "Schuldig, reuig, pleite" heißt es und befasst sich mit dem Mißbrauchsskandal in den USA.
Ich würde bemerken, daß Roger Kardinal Mahony einer der liberalsten und Homosexuellen-freundlichsten in den ganzen USofA ist, würde mich fragen, was das "nur" bedeutet, wenn "nur zwei Prozent der insgesamt Beschuldigten" ins Gefängnis kommen", mich wundern, wie aus den 2 Prozent - 100 Priester - ein paar Absätze weiter "zahllose Priester" werden, die ins Gefängnis kamen.
Doch wie gesagt: Mir ist nicht nach so was zumute. Ich habe in den letzten Tagen an meine eigene katholische Kindheit und Jugend gedacht, in denen das alles kein Thema war und keines zu sein brauchte, an die vielen guten Priester, die mir begegnet sind, an ihre Väterlichkeit, an Gespräche und Beichten, an Zeltlager und Exerzitien. Ein Blick zurück in Dankbarkeit. Und umso klarer war mir, was in all diesen vielen tausend Fällen, von denen dieser Tage die Rede ist, hier, dort, anderswo, zerstört wurde in den Kindern und Jugendlichen. Enttäuschtes Vertrauen, verletzte Seelen, verzerrter Gott.
Erbarme dich unser, o HErr, uns, DEiner Kirche!
10. Februar 2010
Richtiges im Falschen
Mag sein, daß Adorno recht hat und es "kein richtiges Leben im falschen" gibt.
Für Bier allerdings kann ich es beweisen: Es gibt richtiges Bier im falschen Glas.
9. Februar 2010
Vor der Fastenzeit die Fastendzeit
"Bringing about Armageddon can be dangerous. Do not attempt it in your own home.
Armageddon herbeizuführen kann gefährlich sein. Versuchen Sie es nicht in ihrer Wohnung!"
Diese Warnung stellen Neil Gaiman und Terry Pratchett ihrem Roman "Good Omens" (dt. unter dem Titel "Ein gutes Omen") voran.
Wer mit in Maßen respektlosem, doch inteligentem Humor etwas anfangen kann, der kann sich bei "Good Omens" herrlich amüsieren. Schließlich darf alles, was in der Johannesapokalypse Rang und Namen hat, in diesem Endzeitroman auftreten, von Unserem HErrn, der Frau mit der Sternenkrone und dem AllerHÖchsten einmal abgesehen. Gaiman/Pratchett sparen nicht mit hellsichtigen Beobachtungen über die gefallene Menschheit und ihre Sitten und Gebräuche, vertauschen den Antichrist bei seiner Geburt mit einem anderen Baby, sperren beiläufig Oberteufel in Anrufbeantworter, gehen dem Phänomen nach, daß - wir sind in den 90ern! - jede Musikkassette mit Bachs h-Moll-Messe nach zwei Wochen Lagerung im Auto klingt, als sei es ein Bootleg von Freddie Mercury und seiner Queen, und folgen den vier Apokalyptischen Reitern durch die Jahrhunderte, bis sie schließlich mit Hilfe unfreiwilliger Helden den Planeten ganz ganz knapp an der Katastrophe vorbeischlittern lassen.
Leichte Lektüre für die Fasenacht, würde ich sagen. Ernst sind wir ab dem Aschermittwoch wieder. Dann aber richtig. Denn: Siehe eins weiter unten.
8. Februar 2010
Wahrheit in drei Akkorden
Ich bin mir nicht ganz sicher, wo man dieses Stück der Louvin Brothers einordnen soll: Ist es ein Beispiel für die alte Faustregel: "Country music isn't nothing but three chords and the truth." (Harlan Howard)? Ist es der Fun-Anteil im amerikanischen Fundamentalismus? Oder doch nur eine perfide Abschreckungsstrategie, um möglichst viele Leute die "Anti-Country-Music-Petition" unterschreiben zu lassen, die es in knappen viereinhalb Jahren immerhin auf 42 Unterstützer brachte?








