16. Februar 2010

Und Hazel Motes hatte doch recht!

"Wise Blood" war der erste Roman von Flannery O'Connor und ist hierzulande fast unbekannt, obwohl es irgendwann einmal eine deutsche Übersetzung gab. Der Roman spielt im amerikanischen Süden und ist - da Paradebeispiel für das "Southern Gothic"-Genre - voll von grotesken Charakteren.

Held des Buches ist Hazel Motes, Straßenprediger und Gründer der "Kirche Jesu Christi ohne Christus". Seine Predigten klingen etwa so:

"Süßer Jesus Christus am Kreuz... Ich will Euch Leuten etwas sagen. Vielleicht denkt ihr, ihr seid nicht rein, weil ihr nicht glaubt. Ihr seid rein, das sage ich euch. Jeder einzelne von euch ist rein und laßt mich sagen, warum ihr falsch liegt, wenn ihr denkt, es ist wegen Jesus Christus am Kreuz. Ich sage nicht, er wäre nicht gekreuzigt worden. Aber es war nicht für euch. Hört her, ich bin selber ein Prediger und verkünde die Wahrheit (...) Ich predige euch jetzt eine neue Kirche - die Kirche der Wahrheit ohne Jesus Christus, den Gekreuzigten. Kein Pfennig müsst ihr zahlen, wenn ihr zu meiner Kirche gehören wollt. Sie hat noch nicht begonnen, aber sie wird kommen!"

"It's going to be - sie wird kommen." - Und manchmal denke ich, sie ist da.

Ich schlage arglos mein Bistumsblatt auf - o.k., es war die Faschingsausgabe, aber Sie werden sehen, liebe Leser, das tut nichts zur Sache - und mein Blick trifft auf einen Artikel auf der Jugendseite: "Taten statt Worte - Maria Ward-Tag im Dom zur Ordensgründung vor 400 Jahren". Es wird berichtet von einem Wortgottesdienst, der die Botschaft von Mary Ward verheutigen wollte.

Und wie macht man das am besten? Na, was haben wir gelernt in den letzten Jahren und Jahrzehnten? - Ja, genau: Man passt das Fremde dem eigenen Verständnishorizont und dem der jeweiligen Zielgruppe an.

Maria Wards aggiornamentierte Sätze klingen dann so:

"Du hast was drauf. Mach was draus", "Macht was, nehmt euer Leben in die Hand", "Gott will echte, wahre Beziehungen". Und die Heilige selber? Die Predigt - in Kurzzusammenfassung des offiziösen Diözesanorgans - sagt uns: "Als Wegbereiterin sei Maria Ward ein Vorbild gewesen. Sie habe geglaubt, Frauen könnten Großes vollbringen, und habe diese Überzeugung an Jüngere weitergegeben."

Church of Christ without Christ - wir kommen offensichtlich, mindestens wenn ein Gottesdienst aufs Wesentliche verdichtet werden soll, ohne "Jesus Christ Crucified" aus, nicht ganz ohne Gott zugegebenermaßen, aber immerhin ist es wenigstens ein Gott, der ganz zeitgeistgemäß "echte, wahre Beziehungen" will, nichts, was weh täte also! Mary Ward wird zur Feministin und zur Briefkastentante avant la lettre.

Die echte Mary sagt derweil sich und dem HErrn Jesus Christus, dem mit den Wunden an Händen, Füßen und Seite: "Ich habe das nicht gewollt. Du weißt es, mein HErr." - Und ER darauf, so stelle ich mir vor: "Hab Geduld, Mary. Wir können nur schenken, anbieten. Nehmen müssen sie es schon selber. Mein Opfer und Deine Mithilfe. Irgendwann werden sie es merken, daß Selbstverwirklichung nicht alles ist. Wie Du, Mary, werden sie nur in der Freundschaft, der Gemeinschaft mit mir 'was aus sich machen' können. Wie Petrus und wie Du werden sie es merken, daß ich sie an der Hand führe. Das Wort, das heilt, das rettet, der befreit und erlöst, können sie sich nicht selber sagen. Sie werden es merken. Gar bald, Mary, gar bald."

Kommentare:

Andreas hat gesagt…

Mit harten Worten beschrieb Bonhoeffer die "Church of Christ without Christ" vor 70 Jahren als die Kirche der billigen Gnade:

"Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf geht heute um die teure Gnade.

Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderten Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenkenlos und grenzenlos ausgeschüttet wird; Gnade ohne Preis, ohne Kosten. Das sei ja gerade das Wesen der Gnade, dass die Rechnung im voraus für alle Zeit beglichen ist. Auf die gezahlte Rechnung hin ist alles umsonst zu haben. Unendlich groß sind die aufgebrachten Kosten, unendlich groß daher auch die Möglichkeiten des Gebrauchs und der Verschwendung. Was wäre Gnade, die nicht billige Gnade ist?

Billige Gnade heißt Gnade als Lehre, als Prinzip, als System; heißt Sündenvergebung als allgemeine Wahrheit, heißt Liebe Gottes als christliche Gottesidee. Wer sie bejaht, der hat schon Vergebung seiner Sünden. Die Kirche dieser Gnadenlehre ist durch sie schon der Gnade teilhaftig. In dieser Kirche findet die Welt billige Bedeckung ihrer Sünden, die sie nicht bereut und von denen frei zu werden sie erst recht nicht wünscht. Billige Gnade ist darum Leugnung des lebendigen Wortes Gottes, Leugnung der Menschwerdung des Wortes Gottes.

[...]

Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus."

Phil hat gesagt…

Totally off topic - einwurf: Texas Chainsaw Massacre gilt als ein filmischer Vertreter des Southern Gothic Genres.

THAT made my day :)