13. September 2008

Brüder im Schlamassel

Koinzidenzen, Gleichzeitigkeiten:

Da war zuerst zweimal Blaise Pascal:

"Der Mensch ist also nichts als Verstelllung, als Lüge und Heuchelei, sowohl in ihm selbst wie mit Rücksicht auf die anderen. Er will nicht, daß man ihm die Wahrheit sage; er vermeidet es, sie den anderen zu sagen; und alle diese so weit von der Gerechtigkeit und Vernunft wegführenden Neigungen haben eine natürliche Wurzel in seinem Herzen" (fr. 100 - Brunschwicg)

"Denn das ist sicher: je klarer die Menschen sehen, desto mehr Größe und Armseligkeit (zugleich) finden sie im Menschen." (fr. 416 - Brunschwicg)

Als nächstes diese Aufnahme zweier sehr verschiedener, aber in ihrer jeweiligen Art recht vollkommener Geschöpfe GOttes:



Und dann, als Nr. 3, ein Gespräch über die Gattung Mensch an sich, manche ihrer Vertreter im Einzelnen und lebende römisch-katholische im ganz Speziellen. Ich musste dem zu Recht empörten und tief verletzten Bekannten zustimmen: Unter aller Sau das ganze, verlogen, betrügend, heuchelnd, meuchelnd, kaum einer ohne Leiche im Keller oder im Schaufenster. Und in den Vorhallen des Tempels, in den Ordinariaten und Pfarrhäusern geht es nicht anders zu, eher noch schlimmer: superbia, avaritia, gula, ira, luxuria, invidia, acedia - allesamt clericalis atque catholica.

Ist es ein Trost, daß sich die Kleriker dabei kaum von den christgläubigen Laien, diese hinwiederum kaum von ihren ungläubigen Verwandten, Nachbarn und Kollegen unterscheiden?

Mein einziger Trost, und da wiederhole ich mich vielleicht, ist genau das, was dem Bekannten zu schaffen machte: Da steht einer vorne, der sich irgendwann einem bestimmten Ritual unterzogen hat, vielleicht damals schon karrieregeil, pädophil oder lebensuntauglich, jetzt geweihter Idiot, spricht süßlich-idealistisch-fromme Worte nach, verhüllt und verdeckt die blutige, schmerzhafte Realität, hat keine Ahnung vom wirklichen Leben (meinem und Deinem, heißt das), "weiht" und "wandelt" ein Brotstückchen, das damit zum einzigen, reinen, strahlenden Objekt inmitten der ganzen Versammlung (ekklesia) wird und das in den unreinen Mündern verschwindet, ohne Spuren zu hinterlassen. Ite, missa est - Geht hin und sündigt weiter, pardon: seid ganz normale Menschen.

Wenn ich das nicht glaubte - und das heißt: wenn ich nicht daran glaubte, daß die Gegenwart des Einen Reinen nicht, überhaupt nicht vom gelungenen Leben, der heilen Persönlichkeit oder gar der Heiligkeit des zelebrierenden Priesters und - zum Glück - auch nicht von meinem gelungenen Leben, meiner heilen Persönlichkeit und meiner schon mal überhaupt nicht vorhandenen Heiligkeit abhängt, sondern von einer unerhörten, vielleicht auch unverständlich-unverstandenen Berufung und der entsprechenden Besiegelung durch bischöflich-sündig-aber-geweihte Hände, der Priesterweihe also, dann wäre gar keine Hoffnung. Dann säßen wir fest, wir intelligenten Bestien. No way out. Brüder und Schwestern im Schlamassel.

Dabei geht es ja nicht einmal nur um Sünde und Sündigkeit, sondern auch um den allgemeinen Knacks, den jeder und jede mit sich herumträgt (es melde sich per Mail, wer jemanden kennt, der nicht...): Arroganz, Alkoholismus, Depression, Unsensibilität, machismo, Eitelkeit, Nicht-zuhören-können, Lampenfieber und Platzangst, Kindheitstraumata und verletzte Ehre, Ellbogen und Radfahrerrücken, unbemerkter Lächerlichkeit und gewollter Penetranz. Sind wir nicht alle süß, wie wir die Fassade aufrecht erhalten? nicht komisch, wie wir fröhlich aufwachen und durchs Leben stolpern, Tag für Tag? nicht bedauernswert, wie sich Tragik auf Unglück, Krankheit auf Scheitern häuft? nicht verrrückt, wie wir uns dennoch immer wieder Hoffnung machen: Es muß besser werden! So kann's nicht bleiben!

Wir haben uns daran gewöhnt. Es gibt immerhin sonnige Tage und Jahre. Nicht jeden trifft es gleich schlimm oder gleich öffentlich. Meistens klappt es einigermaßen mit der Solidarität: ein Auto hält an neben dem Pannenwagen, der Kollege hat ein gutes Wort, der Freund lässt sich rund um die Uhr anrufen. Meistens ganz erträglich das Ganze, mindestens bei reduzierter Hoffnung. "Danke der Nachfrage, mir geht es gut. Ich habe mich an mich, an euch, ans Leben im Hier und Jetzt und Gerade-so gewöhnt. Wenn es so bleibt, schlage ich mich schon durch."

Ich gebe es zu: So ähnlich denke ich auch meistens, wenn ich nicht groß nachdenke. Die liegt in der Luft, diese Denke. Die andere Weltsicht ist gar nicht einsichtig, zu sehr aus der Luft gegriffen und vom Himmel gefallen scheint sie - und dem lassen wir sie auch gerne, ihm und den Spatzen.

Aber es gibt dann eben doch die anderen Erfahrungen und aufblitzenden Erkenntnisse, seien sie auch noch so paradox: Diese Brüderlichkeit in den Schützengräben des Lebens ist nicht selbstverständlich und schon gar nicht töricht. Die Dankbarkeit dafür hat ihren Grund und ihre Empfänger, lässt sich nicht auflösen in evolutionär bedingte, überlebensförderliche Angewohnheiten. Die Hoffnung hat ein Ziel, der Glaube ans Gute eine Quelle. Sogar die Liebe (mit ihren Geschwistern Sex, Eros, amicitia, Begehren, amor, caritas, wie sie alle heißen) ist nicht nur gut gemeint oder erfreulich in Ausübung und Empfang, sondern ist eine Verheißung. Eine erfüllte Verheißung, eine mit Namen.

Jesus Christus.

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