29. Mai 2008

Gedanken zum Eigentlichen

Manche Sätze gehen einem nach, sie folgen einem ein paar Tage in kurzem Abstand, tauchen dann von vorne auf, zwingen einen, sie anzusehen und lassen sich dann wieder nach hinten fallen, bis das Spiel neu beginnt.

Einer davon war für mich jüngst der Kommentar von Thomas zum Thema "Richtiges Verhalten bei der Fronleichnamsprozession": "... ich habe mich über jeden gefreut, der bei uns da war, ob er sich jetzt völlig korrekt verhalten hat oder nicht. Und ums Anteilhaben geht es doch letztlich, oder etwa nicht?"

Das stimmt doch, oder? Aber woher das Unbehagen? Was stimmt da doch nicht ganz? - So kam ich also ins Meditieren.

Einschub für den Leser, der die Frage "Kniebeuge beim eucharistischen Segen - ja oder nein?" nicht unbedingt aufregend findet: Es wird weiter unten um mehr, vielleicht viel mehr gehen.

Das "letztlich", da hängt es für mich.

Vorschlag fürs "Kleine Theologische Wörterbuch" oder die "Kleine Fibel für verunsicherte Laien":

Eigentlich
synonym: letztlich, letztendlich
siehe auch: Hauptsache, daß...
Nicht zu verwechseln mit "Eigentlichkeit" im Sinne Theodor W. Adornos (vgl. sein "Jargon der Eigentlichkeit"), dient dieser Begriff im allgemein christlichen Sprachgebrauch dazu, eine Hierarchie der Wichtigkeit von Glaubenssätzen, ethischen und liturgischen Verhaltensweisen herzustellen, wobei in der Regel das Spezifische, Besondere, Historisch-gewordene, Körperlich-Sinnliche dem Allgemeinen, Abstrakten, Überzeitlichen, Gedachten untergeordnet wird.
Beispiele für diesen Sprachgebrauch sind:
"Hauptsache, man ist ein guter Mensch und sozial eingestellt."
"Letztlich zählt nur die innere Einstellung."
"Eigentlich sind alle Religionen gleich."

Trivial ist, daß geplappertes Gebet nicht mit innerer Konzentration oder einer inneren Bewegung des Herzens auf GOtt hin einhergehen muß. Trivial ist, daß hinter einer korrekt ausgeführten Kniebeuge auch nur das Bestreben stecken kann, nicht aufzufallen, dazuzugehören oder bloß keinen Ärger mit Mutti zu bekommen. Trivial ist, daß besser als 500 Katholiken, die allesamt die Knie beugen und dabei an Briefmarken, ihre 500er BMW, den bösen Chef, Sex und die zu erstattende Anzeige gegen den behinderten Nachbarn denken, 20 sind, die gesammelt stehen bleiben.

Das beantwortet allerdings nicht die Frage: Wie soll ich beten? Was ist die beste Körperhaltung in diesem Moment? An was oder wen soll ich denken? Oder allgemeiner: Selbst wenn alle Religionen gleich sein sollten - was sie nicht sind, aber das tut gerade mal nichts zur Sache -, muß ich mich für eine entscheiden und danach leben, wenn ich religiös sein will. Selbst wenn es reichte, ein guter Mensch zu sein, muß ich bestimmtes tun und bestimmtes lassen. Natürlich, das meiste davon muß eben nicht gerade so und nicht anders getan werden. Ich kann es gerade jetzt, gerade hier auch bleiben lassen - komme dann aber an den Punkt, daß - frei nach Aristoteles - gut nur ist, wer gut handelt.

Wenn sich die Prozessionskniebeuge in der letzten Hälfte des 20. Jahrhundert in weiten Teilen Deutschlands verflüchtigt hat (wobei ich mich gerne eines Besseren belehren lasse), dann hat das etwas zu bedeuten - noch dazu wo die Leute früher mit ihrer einzigen Sonntagshose oder der einzigen Strumpfhose knieten, und jetzt haben sie von allem das Vierfache im Schrank.

Wird vielleicht eine Veranstaltung als unwichtig erfahren, wenn dabei nichts passiert oder von mir verlangt wird? Warum zur Prozession, wenn ich da schwätzen darf, nur rumstehen brauche, wenn da offensichtlich alles genauso ist, die gleiche Realität, das gleiche weltliche Milieu, die gleiche GOttferne wie am nächsten Morgen um 9.00 Uhr an der gleichen Straßenecke?

Vorschläge für pastorale Maximen:
  • Schaffe einen Brauch nur ab, wenn Du gleichzeitig einen anderen, ebenso passenden und ziemlichen einführen kannst.
  • Schaffe möglichst selten Bräuche ab, denn sonst denken die Leute, Bräuche seien gleichgültig und beliebig.
  • Schaffe möglichst keine Bräuche ab, weil Du nie weißt, ob es Dir gelingt einen anderen einzuführen, selbst wenn er passend und ziemlich ist.
  • Bevor Du einen Brauch abschaffst oder ihn verkümmern lässt, überlege, wie Du ihn verlebendigen kannst. Beatme ihn.
"Ausdruck, Mittel und Schutz" (P. Joseph Kentenich) - so könnte man das Verhältnis des körperlichen Ausdrucks zur inneren Haltung in der Liturgie auch sehen: Ich, der Geist-in-Körper, zeige in und durch meinen Körper mein Inneres (Ausdruck), ja mein Inneres tut und vollzieht mit und durch meinen Körper das, was es tun und vollziehen will (Mittel), und der körperliche Vollzug hilft mir, innerlich bei dem zu bleiben, was ich tun und vollziehen will (Schutz).

Anmerkung: Es ist hoffentlich klar geworden, daß ich Thomas' Kommentar nur als Anlaß genommen habe, weiterzusinnen. Ich unterstelle ihm nicht, daß er ein Radikaler des "Letztendlichen" ist. Das, was er in seinen zwei Sätzen gesagt hat, ist richtig, aber nur ein Teil des Richtigen.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hm. Das mit dem Anteilhaben ist ja eine prima Sache. Aber was passiert, wenn bei einer Fronleichnamsprozession mehrheitlich Nicht-Katholische anteilhätten und gutem protestantischem Brauch folgend zum Beispiel, statt zu knien, stehenbleiben.
Was sie da zu suchen haben ist ja egal, sie wollen halt Anteil haben und dabei sein und ihren Respekt vor der Tradition bekunden - nur halt, ohne sich zu knien.
Das jetzt mal nur als Gedankenexperiment - es ist natürlich ein völlig unwahrscheinlicher Fall.
Quantitativ wäre es das gleiche.
Qualitativ hätte es nichts mehr mit dem Sinn, Inhalt und der Bedeutung des Ganzen zu tun.
Soweit meine Gedanken zu "Je mehr anteilhaben, desto besser ist das doch letztlich, oder?"
*kommt heute ohne Aristoteles aus*

FingO hat gesagt…

Wenn sie an der Tradition anteil nehmen wollen, ohne zu knien, dann wollen sie irgendwie doch nicht an der Tradition anteil nehmen, oder?

Anteilnahme auf jeden Fall. Ich hatte zwar am Sonntag (leider Gottes konnte ich Arbeitsbedingt nicht zur Prozession in der Berliner Innenstadt am Fronleichnam) nicht meine feinsten Klamotten an - ein Brauch, den ich mir noch angewöhnen muß -, aber ich hab mich brav hingekniet und mitgesungen. Ich Held. Daß meine Gedanken oft wo anders waren, sehe ich als eine meiner vielen Schwächen an, an denen ich arbeite. Ich ähnele da dem J.D. von der Serie Scrubs etwas, meine Gedanken schweifen ab. Apropos Schweif - nein, wir kommen wieder zum Thema zurück.

Klar gab es einige, die nicht gekniet haben. Ich versuche aber seit längerem, die zu ignorieren. Vielleicht haben sie einen Grund wie ein steifes Knie. Vielleicht sind sie nur arrogant. Vielleicht wurde es ihnen nie beigebracht. Das könnte man - wenn man die Leute kennt - klären, aber nicht während der Prozession. Da geht es nicht um den knieenden Hinz und den stehenden Kunz, sondern um Gott.