4. April 2009

"Haben wir nicht noch ein, zwei spontane Fragen?"

Ein Gastbeitrag von Dr. Andreas Püttmann, den ich gerne hier aufnehme.

Als Berlin im Juni 1991 vom Deutschen Bundestag zum Regierungssitz gewählt wurde, betrachteten viele Katholiken – die mit großer Mehrheit für Bonn stimmten – dies mit großer Sorge. Nun also doch die von Adenauer als „heidnische Stadt“ betrachtete preußische Metropole, über die der Zentrumspolitiker Peter Reichensperger einmal gefrotzelt hatte: „Wer ein oder zwei Semester an der Universität Berlin studiert hat, kann nicht mehr katholisch sein.“ Der Kölner Erzbischof und frühere Bischof von Berlin, Joachim Kardinal Meisner, erinnerte daran, dass die Katholiken mit Berlin nicht die besten Erfahrungen gemacht hätten, und äußerte die Befürchtung, dass nach der Verlegung des Regierungssitzes vom Rhein an die Spree der christliche Einfluss auf Regierungsstil und -inhalte der Politik merklich zurückgehen werde.

Eines der bescheidenen geistigen Gegengewichte zum atheistisch-protestantisch dominierten Fluidum der Hauptstadt sollte – wo es schon keine Katholisch-Theologische Fakultät gab – die Berliner Katholische Akademie werden. Wer aber je diese Hoffnung auf eine „Leuchtturm“-Funktion gehegt haben sollte, kann sie nun begraben. Die Akademie hat sich selbst in aller Öffentlichkeit – und damit auch das katholische Deutschland – gründlich blamiert.

Die Bundeskanzlerin sollte in Gegenwart des Kardinals und hochrangiger Kleriker, katholischer Politiker, Beamter, Gelehrter, Unternehmer und Medienvertreter eine gespannt erwartete Rede halten. Nach den „Kulturkampf“-Schlagzeilen (z.B. FAZ) der antirömischen Kampagne im Februar, auf deren Welle Merkel mit ihrer populistischen Papstkritik geritten war – was Tausende Parteiaustritte zur Folge hatte –, erwartete die Öffentlichkeit einen spannenden Abend, eine deutliche Aussprache und ein versöhnliches Signal der CDU-Vorsitzenden an die katholische Wählerschaft. Das Kanzleramt, so hieß es im Vorfeld, bereite seine Chefin auf heikle Fragen vor und hoffe, den in den letzten Wochen und schon 2007 durch den CDU-Stammzellbeschluss angerichteten Schaden zumindest teilweise wieder gut machen zu können.

Vergeblich. Denn auch die Akademieleitung bereitete sich vor, aber ganz anders, als es das Kanzleramt erwartete und irgendwie wohl sogar erhoffte. Des Kardinals intellektuelle Elite – Akademieleiter ist ein gewisser Joachim Hake – schickte sich an, ein Wort des Sozialpsychologen Gerhard Schmidtchen zu bewahrheiten. Der stellt in seinem Standardwerk: „Protestanten und Katholiken. Soziologische Analyse konfessioneller Kultur“ fest: „Deutsche Katholiken scheinen Autorität fragloser anzuerkennen. Ihr gesellschaftlicher Habitus ist devot.“ So nörglerisch und ungehorsam sie schon lange gegen das päpstliche Lehramt auftreten, so duckmäuserisch begegneten sie an jenem Abend einer Bundeskanzlerin, die die katholische Kirche häufiger und heftiger brüskierte als alle ihre Vorgänger.

Angela Merkel, die Tochter des „roten Kasner“, eines bekannten Protagonisten der evangelischen „Kirche im Sozialismus“, die sich in die Staatsdoktrin der SED-Diktatur hineindefiniert hatte, trieb Kardinal Meisner schon 2001 öffentlich die Falten auf die Stirn. Er hatte Merkels Antwort auf die Frage gelesen, wofür sie den Sonntag nutze: „Zum Ausschlafen und zum Nachdenken“ – sei der Sonntag aber für Christen nicht auch „der Tag der Feier des Glaubens“? Ebenso unsensibel die Gestaltung der offiziellen Feier von Merkels 50. Geburtstag: Sie verordnete den Gratulanten ein Referat des Hirnforschers Wolf Singer, Stiftungsbeirat der kirchenfeindlichen Giordano-Bruno-Stiftung.

Dass unter Merkel dann erstmals in der CDU-Geschichte die drei wichtigsten Ämter Parteivorsitz, Generalsekretär und Fraktionschef sowie die Mehrheit der Bundesminister-Posten mit Protestanten besetzt wurden – obwohl die Katholiken 58 Prozent der CDU/CSU-Bundestagsabgeordneten und die Hälfte der Parteimitglieder stellen, die Evangelischen aber kaum ein Drittel –, fiel nicht weiter auf und wurde von niemand kleinlich aufgerechnet. Doch eine Fremdbetreuungs-fixierte Familienpolitik, die Verkürzung des Abtreibungsproblems auf „Spätabtreibungen“ und die Aufweichung der Stichtagsregelung zur embryonalen Stammzellforschung durch einen völlig unnötigen Parteitagsbeschluss – gegen das einhellige Votum der katholischen Bischöfe sowie mehrerer evangelischer Landesbischöfe – gaben schon genug Zündstoff zwischen Partei und Kirche, längst bevor Merkel in ungerechter und anmaßender Weise den Papst maßregelte.

Statt einer kritischen Auseinandersetzung mit diesen Reibungsthemen zwischen Kirche und CDU, „statt eines ernsthaften Dialogs also, flüchteten sich die Verantwortlichen der Akademie in organisierte Belanglosigkeit und blamierten sich dabei bis auf die Knochen. (...) Die Fragen, die gestellt würden, seien allesamt abgesprochen, ließ der Akademiedirektor, der die Fragerunde moderierte, wissen. Damit hätte man gerade noch leben können, hätten sie sich wenigstens ansatzweise mit jenen Themen befasst, die wie selbstverständlich über der Veranstaltung schwebten. Doch das war nicht der Fall. Kritisches hatte keinen Platz. Stattdessen wurde Frau Merkel gehätschelt und besäuselt“, kommentierte die katholische „Tagespost“. Aber auch „säkulare“ Journalisten, etwa von „Spiegel online“, wunderten und mokierten sich. Merkel selbst schien von der „gelenkten Öffentlichkeit“ à la DDR-Meinungsfreiheit peinlich berührt und fragte schließlich: „Wollen wir nicht noch ein, zwei spontane Fragen machen? Sonst ist das doch alles wie vorbestellt hier“ – worauf Moderator Hake ausgerechnet eine CDU-Landesministerin und Papst-Kritiker Professor Hans Maier aufrief.

„Der Fisch stinkt vom Kopf her“, weiß der Volksmund, und: „Wie der Herr, so's Gescherr“. So wundert es angesichts dieser würdelosen Inszenierung eines verbürgerlicht lauen Christentums nicht, dass auch Kardinal Sterzinsky nicht das Wort ergriff, sondern schwieg, als er von der Kanzlerin nonchalant vereinnahmt wurde: „Wir haben es uns mit der embryonalen Stammzellenforschung nicht leicht gemacht. Das ist auch ein Thema, das mit den Kirchen sehr kontrovers diskutiert wurde. Es ist immer von dem Willen geprägt - jedenfalls in der Christlich Demokratischen Union -, aus dem Menschenbild heraus eine verantwortbare Antwort zu finden. Ich sehe einige skeptische Blicke, aber nicht vom Kardinal.“ Sehr aufschlussreich. Man stelle sich nur vor, in der ersten Reihe hätte nicht Sterzinsky, sondern ein Konrad Graf von Preysing, Alfred Bengsch oder Joachim Meisner gesessen. Tapferkeit ist eben eine Kardinaltugend, aber leider nicht immer eine Tugend von Kardinälen.

Kommentare:

Resident hat gesagt…

Guter Beitrag!

Nur wer ist mit Hans Maier gemeint?

Der CDU-Politiker und frühere sächsische Minister Hans-Joachim Meyer, derzeit ZdK-Vorsitzender?

Oder der CSU-Politiker, Universalgelehrter und früherer bayerische Kultusminister Hans Maier, vor langer Zeit mal ZdK-Vorsitzender?

Stanislaus hat gesagt…

Das nenne ich doch mal eine "gut katholische" Veranstaltung: Alle sind einer Meinung, und kritische Fragen werden gar nicht erst gestellt.

Heute Morgen las ich in einem Text von Guardini: "Uns selbst enthüllt Judas."

Scipio hat gesagt…

Ich meine, woanders gelesen zu haben, daß es der Hans Maier war.

Anonym hat gesagt…

Was ist anderes zu erwarten, von "aggiornamento", "die Leute abholen, wo sie sind" und "bloss keinen ausgrenzen"? Oh, wünsche ich mir die Rückkehr Don Camillos, auf ALLEN ebenen der Hierarchie...

Resident hat gesagt…

Dann, Scipio, ist die Bezeichnung "Papst-Kritiker" doch etwas übertrieben. Oder habe ich was verpaßt?

Scipio hat gesagt…

@Resident:
Naja, schon. Zum Beispiel diesen Artikel in der NZZ: http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/irrtum_eingeschlossen_1.2067974.html .

Vergessen wir auch nicht, daß Prof. Maier (den ich grundsätzlich schätze, keine Frage) einer der großen und gut vernehmlichen Befürworter und Unterstützer von "Donum Vite" war und ist...

Lupambulus Berolinen. hat gesagt…

Absolut widerlich dieser Schlag unter die Gürtellinie meines Berliner Ortsbischofs. Ich würde sagen, Scipio, nutze die Zeit bis Ostern gut! Geh am besten gar nicht mehr ins Internet, besinn dich stattdessen ein wenig und mach eine gute Beichte. Du wirst erstaunen, wie sehr dir das gut tut. Und vergiss nicht, dieses ekelhaften Blogeintrag zu löschen, sonst idt die putative Beichte eine ungültige.

Scipio hat gesagt…

@LB: Ja, in der Tat. Das nehme ich mir zu Herzen und werde die Karwoche sicher zu anderem nutzen als zu Kirchen- und Bischofskritik. Oder Papstverteidigung.

Der Beitrag wird allerdings stehenbleiben, denn zum einen finde ich ihn nicht "widerlich" oder "ekelhaft", höchstens polemisch. (Und hätte ihn ansonsten auch nicht veröffentlicht.) Und tatsächlich ist der Berliner Kardinal der dt. Öffentlickeit noch nicht so oft durch Tapferkeit vor Fürstenthronen aufgefallen, ohne daß ich sie ihm deshalb abspreche. Und sicher hat er viele andere Tugenden (was ich völlig unironisch meine).

Sollte ich mit all dem falsch liegen: Dann stehe der Text als warnendes Exempel für die Verblendung eines katholischen Bloggers.

Lupambulus Berolinen. hat gesagt…

Nein, ist schon gut. ;-) Ich war, wie du gemerkt hast, sehr verärgert...

Es hängt auch zusammen mit dem zwitterhaften (Halb-)Öffentlichkeitscharakter eines Blogs. Privat gehen solche harten, aber oft berechtigten Äußerungen über manche Bischöfe schon in Ordnung. (Dann allerdigs auch - ggf.! - über den Heiligen Vater.) Und wenn man sich einmal die Briefe des Hl. Petrus Canisius anschaut, wie er sich über die deutschen Bischöfe des 16. äußerte, ist Püttmann dagegen noch moderat und verbaut sich damit gewiss nicht seine spätere Heiligsprechung. Aber öffentlcih sollte man sehr zurückhaltend sein und auch immer mitbedenken, (a) dass das Bischofsamt kein leichtes ist, (b) dass ein polterndes und krakeelendes Auftreten auch nicht unbedingt fruchtbar ist. Besonders unpassend war daher Püttmanns vorletzter Satz: Meisner kann - leider - kein Beispiel sein für ein wirksames bischöfliches Wirken in die Öffentlichkeit hinein; und Bengsch wäre einem solchen Event von vornherein ferngeblieben - zu Recht.

Einen schönen Palmsonntag!

Scipio hat gesagt…

Lieber LB,

vielen Dank! Ich hatte Dir die Sätze nicht übelgenommen.

Es ist ein wichtiger Punkt, den Du ansprichst und auf den ich mir selber auch keine endgültige Antwort geben kann: Was ist erlaubt, was nicht? Ist schweigen und still halten (und beten und opfern) das Einzige Gebotene? Ist Ironie erlaubt, Polemik? Muß/soll jedes Mal ein "Ja, aber" oder ein "Ich schließe mich selbst mit ein" dazu? Darf man dann nur positiv bloggen (langweilig!)? Und noch vieles mehr.

Bete also mal für mich über die kommenden Tage (wie es v.v. auch sein wird), und zwar nicht nur wegen des Bloggens. Und unsere Bischöfe schließen wir auch mit ein. Schließlich war es zwar die Apostel, die - wie wir es heute wieder gehört haben - in Getsemani schliefen, aber ich habe keinen Zweifel, daß wir alle mitgemeint sind beim "Könnt Ihr nicht mit mir wachen und beten".

Anonym hat gesagt…

Wieso solche Betulichkeit, Lupambulus? Und wer hat von Sterzinsky verlangt, zu "poltern" und "zu krakelen"? Das ist eine manipulative Verzerrung des Artikels, der einfach nur kritisiert, das der Kardinal schwieg und sich in Sachen Stammzellforschung von der Kanzlerin dreist vereinnahmen ließ.
Was ist "ekelhafter", ein hartes, aber sachlich begründetes Wort der Zurechtweisung oder ein Verrat? Wir müssen uns mal abgewöhnen, immer nur über Stilfragen zu reden statt über die Substanz. Außerdem hat Jesus selbst heftig zugelangt: "Ihr Schlangenbrut", "Ihr Heuchler", "Ihr getünchten Gräber" hat er die religiösen Autoritäten geschimpft. Von der Diktion der Propheten des Alten Bundes ganz zu schweigen.
Nein, "absolut widerlich" ist nicht dieser Text, sondern die Veranstaltung, die er zu Recht aufs Korn nimmt. Und Buße tun sollte in dieser Sache nicht Scipio, sondern der Berliner Kardinal.

Resident hat gesagt…

Scipio,

ich habe den Artikel nun gelesen. Abgesehen von seinen sinnlosen und dummen Worten über die Judenmission - aber auch höchste kirchliche Stellen stellen sich auf diesen, letzlich rassistischen Standpunkt - habe ich nichts empörendes gefunden.

Aber hier liegt das Problem: die Worte "Kritiker" und "Kritik" sind ja verkommen - die Herren Küng und Drewermann sind ja keine Papst- und Kirchenkritiker sondern Papst- und Kirchenhasser und -feinde. Nichts wäre weiter vom Spiegel entfernt als "kirchenkritisch" im Wortsinne zu sein.

Im Wortsinne ist Herr Maier aber auch kein Papstkritiker, wohl aber ein Kritiker von bestimmten Maßnahmen - im Endeffekt ginge das Wort in Ordnung, wenn es denn nach dem Wortsinne gehen.

Im Anbetract dessen, was sich aber sonst Kritiker nennt, paßt Herr Maier da nicht mit hinein.

Scipio hat gesagt…

@resident: Ja, es ist ein bißchen ein Streit um Worte. Hans Maier ist sicher eine andere Sorte Kritiker als die althergebrachten Verdächtigen, mit denen man ihn nicht im gleichen Atemzug nennen kann.

Ich bin aber kein Maier-Watcher, vielleicht hat er sich anderswo noch deutlicher und kritischer geäußert.