9. März 2009

Ethische Theorie und praktische Mitmenschlichkeit

Oliver Tolmein in der FAZ:

"Küng zitiert zwar Textbrocken, um den Sterbewunsch von Jens zu belegen, aber er begleitet ihn nicht zum Kaninchenstall, nicht zu Caro, dem Wachhund, er spielt nicht mit ihm mit der Puppe. 'Mich erschüttert, dass ich so gar nichts für ihn tun kann', bilanziert Küng, dabei wäre viel gewonnen, wenn er akzeptieren könnte, dass er mit ihm etwas tun kann."

Das sind so die Momente, wo unser aller Weltethos, die Theorie des im Großen und Ganzen und allgemein Richtigen konkret und praktisch wird. Wo das Richtige so einfach wäre und wir einfach nicht drauf kommen, sondern uns auf dem vermeintlich stabilen Boden der grauen Theorie viel sicherer fühlen.

Kommentare:

Lupambulus Berolinen. hat gesagt…

Spaemanns Kritik des Weltethos-Projekt von 1996 erweist sich einmal mehr als absolut hellsichtig! Er wies nicht zuletzt darauf hin, dass Küng in einer konkreten Frage gegen SÄMTLICHE religiösen Traditionen Stelliung bezieht, die er doch "vereinen" möchte, und das bei einer Frage auf Leben und Tod: Euthanasie. Küngs Antwort darauf? Nicht der Rede wert, aber hier nachzulesen:
http://books.google.com/books?id=3Gz4U64EJcgC&printsec=frontcover#PPA288,M1

Scipio hat gesagt…

Der Lektüre wert, weil so (überraschend?) armselig für "a Catholic theologian who has kept faith with his church despite all the adverse circumstances".

Resident hat gesagt…

Ja, dieser Gedanke kam mir bei der Küng-Lektüre auch: Was denn nun? Ich dachte, die ethischen Gemeinsamkeiten der Weltreligionen seien das Weltethos und für alle gültig. Anscheinend doch nicht immer, es gibt wohl noch ein zweites Kriterium: das Plazet des Herrn Küng.

Resident hat gesagt…

Danke für den Link Lumpambulus.

Wenn ich in diesem Buch nach Spaemann suche, stoße ich auf eine bezeichnende Stelle (S. 288f.):

Küng lehnt die Kritik Spaemanns als "defamatorisch", "Tiraden", beinflußt von "persönlichen Faktoren" und "Emotionen" ab (und die Kritik Leo Scheffzyks ist natürlich ein "Pamphlet"), geht dann aber gleich zur Defamation über, indem er Spaemanns Verbindungen zu Opus Dei vorwirft und ihm seine Verteidigung lehramtlicher Entscheidungen ankreidet. Das sollte doch bestenfalls irrelevant sein - zum Inhalt spaemannscher Kritik sagt er nichts.

Anscheinend ist Kritik an Küng, wenn schon nicht Blasphemie, doch grundsätzlich "defamatorisch", während Prof. K. aus T. ex sese niemals zu so etwas fähig wäre.

Johannes hat gesagt…

Tja, ein taz- und konkret-Redakteur der ersten Stunde erteilt dem Lieblingskatholiken des linksliberalen Feuilletons eine Lektion in Sachen Empathie, Anstand und Moral. Spannende Sache das. In einem englischen Blog war zu lesen, der Father Hans Kung sein ein "left wing wacko on the fringe". Offenbar ist er über den Rand schon ziemlich weit hinaus.

Resident hat gesagt…

Gibt es den Spaemann-Artikel zum Weltethos eigentlich irgendwo im Netz?

Scipio hat gesagt…

Er stammt aus dem Merkur, Heft 570/571 vom September/Oktober 1996, S. 893.

Wenn Du mir Deine Mail-Adresse gibt, kann ich Dir diese Ausgabe leihen. :-)

Scipio hat gesagt…

Ach ja, und in "Grenzen: Zur ethischen Dimension des Handelns" (2001) ist er auch aufgenommen.

Resident hat gesagt…

Vielen Dank.
Erschreckend, daß HK schon 1996 so euthanasisch drauf war. Mir war das neu!