26. Januar 2007

245 und immer noch zu wenig

Ralf hat sich für sich und uns die Mühe gemacht, aus dem "Ott" 245 Glaubenssätze mit sozusagen höchster Verbindlichkeit zusammenzustellen. Es sind quasi konzentrierte Extrakte, katholisches Christentum in hochkonzentrierter Essenz bzw. als hochkonzentriertes Trockenpulver, die Stahlträger der Dorfkirche, die Säulen des Petersdoms.

So, wie sie dastehen - und das soll jetzt keine Kritik an Ralf sein -, leiden sie natürlich an der Krankheit des "Asyndetons", einer unverbundenen Aneinanderreihung, wie sie Catherine Pickstock als Krankheit modernisierter Liturgien ausgemacht hat:
"In a 1994 essay, Catherine Pickstock examines two translations of the Nicene Creed - one published in 1549 and one in 1980 - and demonstrates how the contemporary version's tendency toward asyndeton defeats its own doctrinal purpose. Do the separate, independent clauses of this version imply separate and independent articles of faith, any one of which may be omitted at will? By making the sentence structure simpler and clearer, the translators sought to assist the worshiper in apprehension of the text. But there is no evidence to support the notion that the simple structures of asyndeton are more readily apprehensible. Since meaning resides not only in things themselves but also in the connections between them (in this case, conjunctions), asyndeton can be seen, not as the syntax of simplicity and clarity, but, rather, that of opacity and disorientation."(Quelle)

[Catherine Pickstock untersucht zwei Übersetzungen des Nizänischen Glaubensbekenntnisses - die eine 1549 veröffentlicht, die andere 1980 - und zeigt, wie die Tendenz der zeitgenössischen Version zum Asyndeton ihre lehrhafte Absicht vereitelt. Schließen die getrennten, unabhängigen Abschnitte getrennte und unabhängige Glaubensartikel in sich, von denen jeder nach Belieben weggelassen werden kann? Indem sie die Satzstruktur einfacher und klarer machten, suchten die Übersetzer dem Beter beim Verständnis des Textes zu helfen. Aber es gibt keine Evidenz, die die Auffassung unterstützt, daß die einfachen Strukturen des Asyndetons leichter verständlich sind. Da die Bedeutung nicht nur in den Dingen selbst, sondern auch in ihren Beziehungen wohnt (in diesem Fall ihren Verknüpfungen), kann man das Asyndeton nicht als die Syntax der Einfachheit und Klarheit sehen, sondern eher als die der Undurchsichtigkeit und Desorientierung.]
Glaubt, wer jeden einzelnen Satz als einzelnen glaubt, nicht zu wenig? Wenn wir unserem Papst zuhören, der ein Meister der "Einfaltung" (Hans Urs von Balthasar) ist und gleichzeitig für die Gültigkeit der 245 einsteht, dann merken wir, daß es mindestens für uns Normalkatholiken nicht auf die Vollständigkeit und aufs Auswendiglernen ankommt, sondern auf die Begegnung, die Freundschaft, die Hingabe an den, den diese Sätze eigentlich meinen: Jesus von Nazareth, den Messias, den Sohn Gottes und Erlöser der Welt, und den drei-einen GOtt, das Alpha und das Omega für uns und für die Welt.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Glaubt, wer jeden einzelnen Satz als einzelnen glaubt, nicht zu wenig?
Definitiv. Allerdings bist du wieder sehr kritisch. :-) Ich glaube nicht, dass Ralf dir widersprechen würde. Wie dem auch sei: Die 245 "Sätze" kommen ins Textarchiv.

Könnte jemand auch mal die 500 wichtigsten philosophischen Sentenzen in einer solchen Liste zusammenstellen, eine solche würde mir noch fehlen.

Scipio hat gesagt…

Das war auch nicht gegen Ralf gemeint. Eher ein Versuch, das, was in mir weiterdachte, zu beschreiben.

Ralf hat gesagt…

Für ein privates Textarchiv oder so habe ich sie auch abgetippt, insofern freut mich das. Und bei scipio weiß ich, wie er es meint.

Ich finde, die trockene Anreihung der Sätze hat übrigens - aufgrund des Inhaltes - eine Art von Schönheit.