11. März 2006

Demokratur a la Schweinfurt

Man nenne das ganze nicht Pfarrgemeinderat, sondern "Michaelswerkstatt" - und lasse jeden Wahlberechtigten entweder für oder gegen die komplette Kandidatenliste stimmen. Woanders, in "vordemokratischen politischen Systemen" nannte sich das "Einheitsliste".

"Für die 'Wahl zum Pfarrgemeinderat 06' haben wir uns für die Möglichkeit entschieden, entweder das Team aus 23 Frauen und Männern, die bereit sind, in der „Michaelswerkstatt" tätig zu sein, zu bestätigen oder abzulehnen. Wir freuen uns, dass dieses Team ohne großes Zutun entstanden ist und das Vertrauen der Gemeinde verdient. Durch diese Beweglichkeit können wir auf die demokratisch getarnten Spielchen verzichten." (Quelle)
Nun ist die Kirche kein volldemokratisches politisches System, aber ihre Verächter unter der Regenbogenstola klagen genau das an - und praktizieren unter dem Deckmantel der "Basisdemokratie" die "Volksfront".

Kommentare:

Ralf hat gesagt…

Cool, einerseits geben sie zu, daß PGR-Wahlen eh nie demokratisch waren (mangels ausreichender Beteiligung und Information für die Wähler), abdererseits wird dies zur Einrichtung eines ZK genutzt, dabei haben wir mit dem ZdK doch schon eines. :-)

Anonym hat gesagt…

Ich mag als Fan dieses Roland Breitenbach gelten. Bin aber auch ein Fan von diesem Joseph R. aus SCV (wie das sich kombinieren lässt, frage ich mich ein anderes mal). Daran ändern auch bestimmte Beiträge (von beiden) nichts, mit denen mir eine Übereinstimmung schwerfällt.

Doch grade dieses Konzept Michaelswerkstatt halte ich für sehr attraktiv.

Soweit ich gesehen habe, findet dabei keine Vorauswahl durch einen Generalsekretär o.ä. statt, d.h. jeder der mitarbeiten will, bekommt die Möglichkeit dazu. Dass es eine "Einheitsliste" gibt, mag uns als Mangel gelten, wiederspricht vielleicht sogar den Regeln für die Aufstellung eines Pfarrgemeinderates in seiner Diözese (das weiß ich nicht) - aber gegenüber anderen Wahlen, die ich in manchen "meiner" Pfarreien schon erlebt habe, hat dieses Konzept doch etwas, dass mir gefällt, auch wenn es vielleicht wenige Kongruenzen mit gängigen demokratischen Theorien aufweist.

Durch die Blockwahl gibt es keine Wahl nach (alten) Familienfehden, nach Anzahl Wendungen von Würstchen auf Patrozinien (ich hoffe das war jetzt richtig) und es fällt manchem, der wirklich engagiert mitarbeiten will vielleicht leichter, im Einheitsgremium tätig zu sein, als sich einer Wahl zu stellen, bei der die Entscheidung u.a. auf Grund der obengenannten Kriterien getroffen wird.

Natürlich ganz sauber ist es (sicher) nicht, bringt aber m.E. einen Pfarrgemeinderat hervor, der lebendiger und vermutlich auch produktiver ist, als alle, die im herkömmlichen Verfahren zusammengesetzt, mir bisher begegnet sind.

Wünschenswert wäre es meiner Meinung nach aber auch, nicht nur hier unbemerkt zu schimpfen (auch wenn das sicherlich seine Berechtigung hat und ich eure Bedenken durchaus nachvollziehen kann) sondern eine Reaktion, eine Stellungnahme des/r Betroffenen selber herauszufordern.

Scipio hat gesagt…

Zu Herrn Breitenbach habe ich meine Meinung schon oft genug kund getan, auch ihm selbst gegenüber (und nicht anonym).
Deshalb mal nur ein paar allgemeine Bemerkungen zu seinem Wahlmodus:
- Daß dieser keiner Wahlordnung entspricht, ficht RB bestimmt nicht an, wenn man seine sonst gern kundgetane "evangeliumsgemäße Freiheit", die vor allem für ihn und seine Pfarrei gilt, kennt; dann wird eben kein PGR gewählt, sondern ein anderes Gremium, und für das gelten dann die diözesanen Regeln nicht.
- Spätestens wenn er 50 Frauen und Männer in seine "Werkstatt" bekommt, muß er entweder im Vorfeld schon aussieben und Freiwillige von der Mitarbeit genau dort abbringen - nach welchen Kriterien auch immer -, oder er muß dann doch eine Wahl mit Einzelkreuzchen, demokratisch oder pseudodemokratisch hin oder her.
- "Gleich und gleich gesellt sich gern" und jede Pfarrei genau wie jede andere Gruppe von Menschen, die länger miteinander zu tun haben, entwickelt einen sehr spezifischen Stallgeruch, der den einen anzieht, den anderen abstößt. Mechanismen wie diese freiwillige Zusammenballung verstärken diesen Effekt m.E. noch, während eine "normale" Wahl mit mehr Kandidaten als nötig und ggfs. ergänzender Berufung von Vertretern nicht vertretener Gruppen wenigstens eine gewisse Korrektur erlaubt.
- In meinen jungen Jahren dachte ich auch, daß ein PGR produktiv sein müsse, und habe auch alles getan, um genau das zu ermöglichen. Protokolle für jedes Mitglied, Aufgabenlisten, konzentrierte Diskussion, Metaplan-Elemente, was weiß ich noch alles. Bestimmt ist eine Runde Gleichgesinnter, "Gleichduftender" auch produktiver. Aber was soll "hinten rauskommen"? Mittlerweile sehe ich, daß es nicht um viele Veranstaltungen, viele Impulse, viele Analysen, viele Entscheidungen geht; daß eine Unproduktivität oder eine Blockade in einer Pfarrei vielleicht auch natürlicher, gar "gottgewollter" sein kann als die ungeduldige Elite der Supererlösten - die es rechts, links, fromm, liberal, sozial engagiert, rein überall geben kann und die denkt, ihre Aufgabe bestehe darin, der Gemeinde, dem Volk, den Anderen Beine oder gar Feuer untern Hintern zu machen. Das sollen die tun, die dafür ein besonderes Charisma oder Amt bekommen haben - beim PGR ist es mir lieber, er ist schlicht und einfach ein Spiegel der alltäglichen Realität, ohne missionarischen Anspruch, aber dafür vielleicht auch mit Demut und Realismus (was eh das gleiche ist).
- Auch wenn eine Wahl aus Kandidatenmangel oft genug - dieses Jahr zum zweiten Mal in meiner Pfarrei - nur eine Fiktion von Wahl zulässt - vielleicht ist eine Fiktion besser als ihre Abschaffung, wie in SW praktiziert. Denn die erinnert wenigstens an das, was sein könnte. Schweinfurt erinnert - wenigstens aus der Ferne, nach der Lektüre dessen, was stolz vermeldet wurde - nur an das, was ehedem ein Stück östlich war.