31. Dezember 2009

MMX

GOttes Segen, Freude, Glück und daß wir "von Zeit zu Zeit zum Geschenk einer Schulter" (John Berryman) werden dürfen - das alles wünsche ich für Zwanzig-Zehn allen Freunden, Feinden, Lesern und Besuchern!

Voll unapologetisch

"Ich habe mich nicht für diesen Glauben entschieden, um mich im gleichen Atemzug dafür zu entschuldigen."

Völlig unsensibel nimmt Elsa wieder einmal keine Rücksicht auf die selbstquälerischen Seelen von uns Wiegenkatholiken.

Und hat recht. Wo kämen wir hin, wenn jetzt auch die Konvertiten öffentlich zu überlegen begännen, warum sie "noch" katholisch sind!

Lyrik-Mem (Ergänzung)


(Wie immer, von Doug Savages Savage Chickens)

Solche wie wir

Ich bin ja diese ganze Rhetorik leid, in der "X auch (nur) ein Mensch wie wir" ist, wobei X für jeden beliebigen Heiligen, Bischof, Priester, jeder Ordensperson und gerne auch mal für den HErrn selber stehen darf.

Ei klar, was denn sonst! Aber wenn X wirklich nur wäre wie Sie, Du und ich, dann könnte er mir gerade egal sein. Der sündige Priester ist langweilig, die bockige Nonne uninteressant und der grau-in-graue Bischof keines bösen Gedankens wert. Aber der eifrige und fromme Priester, die fröhliche und demütige Ordensfrau, der mutige und Christus-ergriffene Bischof - sie sind es, die wir bewundern, weil sie eben nicht so sind wie - nun, von Ihnen und von Dir weiß ich zu wenig. Aber sie sind auf jeden Fall anders, weil besser als ich. Besser, so wie in: gelungener, heiliger, göttlicher.

Nach dieser langen Vorrede nun aber zum eigentlichen Anlaß dieses Postings. Er zeigt zwei Schwestern, die "so sind wie wir". "Nuns just want to have fun", titelt "Signs and Blunders" (where my deepest and heartfeltest thanks go for the great picture!).


Person des Jahres 2009

Zum Film: Hier.

Lyrik-Mem

Bei Dylan (more last than star) habe ich mir ein Lyrik-Mem geschnappt, als kleine Übung in Selbstvergewisserung bzw. -verungewisserung...

1. Das erste Gedicht, an das ich mich erinnere:
Warum nicht am Anfang anfangen, und sei er noch so klein? Kinderreime, vor allem die hiesigen, mundartlichen, die gereimten Tisch- und Abendgebete, bald die Kirchenlieder. Das mag alles keine große Lyrik gewesen sein, aber Gereimtes und Gedichtetes war damit Teil des Kinderalltags.

Das erste "richtige" Gedicht, das mich später wirklich und wahrhaftig getroffen hat - sozusagen das Erweckungserlebnis - war Stefan Georges "aus purpurgluten sprach des himmels zorn". Die Schlußzeile mit ihrem "und aller rest ist nacht und nichts" hat schon was mit ihrem apodiktisch-apokalyptischen Duktus. Doch lang ist's her...

2. Auswendig gelernte Gedichte:
Auch in Bayern gab es eine Zeit, in der Schüler vergleichsweise wenige Gedichte auswendig lernen mussten, und ich befürchte, das war die Zeit, in der ich groß wurde. Meine Erinnerung beschänkt sich auf den "Zauberlehrling", "Belsazar" und die "Bürgschaft".

3. Ich lese (keine) Gedichte, weil...
Doch, ich lese Gedichte, weil in einem guten Gedicht Form/Stil und Inhalt, Überraschung und verstehende Einsicht, Theorie und Bild, in einem Moment, auf kleinstem Raum zusammen gehen, eins sind, aufblitzen. Weil der Autor - auch der versteckteste, ironischste, scherzendste - spricht, sieht, singt.

4. Ein Gedicht, das mir einfällt, wenn man mich nach meinem Lieblingsgedicht fragt:
Joseph Brodskys "24. Mai 1980" oder E.E.Cummings' "i thank you God for most this amazing day". Und bei den Langgedichten: "Fredy Neptune" von Les Murray und David Jones' "Anathemata".

5. Ich schreibe (keine) Gedichte, aber ...
Außer ein paar üblichen Reimereien zu Familienfeiern habe ich mich eher selten an eigenen Gedichten versucht. Mir fehlt die Geduld, die Ausdauer, die Bereitschaft, immer und immer wieder heranzugehen, zu feilen, zu warten, bis sich das richtige Wort oder die rechte Sicht auftut.

6. Meine Erfahrung, wenn ich Lyrik lese, unterscheidet sich von der beim Lesen anderer Arten von Literatur?
Das kommt auf die andere Literatur an. Es gibt Prosa, die liest sich wie ein Gedicht. Zum Beispiel Moby Dick, die Pickwick Papers oder auch Handkes Versuche. Von Balthasars "Herz der Welt" sowieso.

7. Ich finde, Dichtung ist ...
... wie essen, schlafen und beten: lebensnotwendig. Und immer ein Geschenk.

8. Das letzte Mal, als ich Lyrik gehört habe, war ...
... wahrscheinlich bei einem der Appetitanreger des Lyrikstimmen-Projekts. Nelly Sachs?

9. Dichtung ist wie ...
... wiedergefundene Muttersprache.

30. Dezember 2009

Jahreshighlights

8. Folge - 2009: Bücher und Musik

Bücher:

1. Wassili Grossman: Leben und Schicksal - Ein Großroman über Stalingrad und damit über alles: über den Menschen in seinem Elend, seiner Größe und seiner Mittelmäßigkeit, über Opfer und Täter, Helden und Versager und die vielen, die beides sind.

2. Robert Barron: The Priority of Christ: Towards a Postliberal Catholicism - Zeigen, wie alles zusammenhängt im Christentum, denkerisch auf der Höhe der Zeit sein, dabei den Boden des kirchlichen Glaubens keine Sekunde verlassen: Father Barron gelingt das in seinem Buch.

3. Sebastien Lapaque: Bernanos encore une fois - Ich hatte Bernanos bisher immer durch die Balthasar-Brille gelesen, die keine schlechte ist, beileibe nicht. Und vielleicht sieht man als katholischer Deutscher Georges Bernanos nie leibhaftig in seinem Umfeld: dem Frankreich und dem französischen Katholizismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit seinen Sackgassen und internen Zusammenstößen, seiner Schande und seiner Größe. Lapaque hat mir wenigstens einen Geschmack davon vermittelt und mir den Menschen Bernanos nahe gebracht.

Musik:

Da fällt mir die Auswahl schwer: Es gab einfach zu viel gutes Neues, neu wenigstens für mich. Neben den Auftaktalben der Girl Groups wie Baskery und Those Darlins z.B. Anständiges von den alten Meistern wie Bob Dylan und den Flatlanders. Nun denn, die Favoriten sind:

1. Alela Diane: To Be Still - Anrührende Folkmusik, ziieemlich perfekt.

2. The Gibson Brothers: Iron & Diamond - Für mich das wärmste, harmonischste der Bluegrass-Brother-Duette.

3. Reverend Peyton's Big Damn Band: The Whole Fam Damnily - Blues, urwüchsig und kraftvoll.

29. Dezember 2009

Neuzugang

Nicht nur, daß es der Blogozesen-Blog mit dem längsten Titel ist, wie Elsa aufmerksam bemerkt hat: Die Zahl der angekündigten Blogsprachen - 3 - verleiht "Deus, tu conversus vivificabis nos" ein weiteres Alleinstellungsmerkmal in der deutschsprachigen katholischen Blogosphäre.

Herzlich willkommen - ad multos postingos (oder wie auch immer das im Lateinischen sich nennt)!

Rahner-Marginalie

Immer diese kleinen Gleichzeitigkeiten...

Da las ich bei Stefan Hartmann gerade noch den Satz:

"Wichtiger aber als breite Ausführungen waren [Karl Rahner] „Kurzformeln des Glaubens“ – ein wortreicher Weltkatechismus (ohne theologisches Problembewusstsein) wäre ihm gegen den Strich gewesen, mit dem knappen "Kompendium" desselben (2005) hätte er sich wohl eher anfreunden können."

und stoße zwei Minuten später bei Ben Myers' Faith and Theology auf das einigermaßen ironische Faktum, daß es zu dem überaus wortreichen Opus Rahners zwei von Daniel T. Pekarske erstellte Bände mit Kurzzusammenfassungen ("Abstracts") gibt: Abstracts of Karl Rahner's Theological Investigations I-23 und Abstracts of Karl Rahner's Unserialized Essays, mit zusammengenommen immer noch mehr als 1.200 Seiten...

Ob sich der Meistertheologe wohl damit hätte anfreunden können?

28. Dezember 2009

Der Mikrokalender fürs neue Jahr

Die erste der Aktivitäten für die Zeit zwischen den Jahren:

Bei Googledocs kann, wer mag, sich ab sofort den Daumenkalender für das Jahr 2010 abrufen.

Er spart Platz, hält den Kopf beweglich ("Wenn der 1. Sonntag des Monats auf den 3. Januar fällt, dann ist der 19. Januar ein ...") und funktioniert, auch wenn der Akku leer ist oder das W-LAN nicht funzt.

27. Dezember 2009

Stephanus und die Gleichzeitigkeit der Christusbilder

Stanislaus äußert sich zum "Kreuz mit dem '2. Weihnachtstag'", den es liturgisch eigentlich gar nicht gibt.

Daß die Kirchen am Tag des hl. Stephanus so(vergleichsweise) voll sind, liegt eben nicht an der außerordentlichen Beliebtheit des Heiligen, sondern an der Ausweitung des Weihnachtstages (bzw. dem verbleibenden Rest der ehedem Zwölf Tage von Weihnachten), der die Heiligengedächtnisse dieser Tage entsprechend aufwertet und einfärbt. Daß umgekehrt die Feststimmung quasi routinemäßig gestört wird durch das Gedenken an den gesteinigen Märtyrer-Diakon, darauf sind die Zelebranten und das mitfeiernde Volk allermeistens eingestellt.



Selber fand ich es gestern wieder erhellend, als in der Aschaffenburger Sandkirche das Jesuskind in der Krippe, das Kruzifix auf dem Altar, das Gnadenbild der trauernden Mutter mit dem toten Sohn im Schoß und das Lamm GOttes auf einer Achse, der zentralen Blickachse lagen. Das ist auch ohne Stephanus und ohne ausdrückliche Erwähnung der kenotischen Dimension der Christgeburt eine deutliche Lektion. Und wer weiß: Vielleicht ist sie auf Dauer genauso wirkungsvoll wie jede dieser Predigten, die bequem-christliche Erwartungen ausdrücklich korrigieren wollen.

26. Dezember 2009

Weihnachtliche Zoologie

Kürzlich schaffte es das Münsteraner Institut für Theologische Zoologie in die kirchlichen und weltlichen Medien - rechtzeitig zu Weihnachten: Nicht nur uns sozialen, sprechenden, symbolbrauchenden, betenden Tieren ging der Stern auf, sondern den anderen in den Sieben-Tagen geschaffenen und durch die Flut geretteten Lebewesen genau so.

Wir müssen freilich nicht nach Münster schauen, um das zu erkennen - Nashville tut es auch. RightWingBob verlinkt zu einem Lied der beiden Louvin-Brüder, das sich die weihnachtliche Zoologie vornimmt:



"Jesus, our brother, kind and good,
Was humbly born in a stable rude;
And the friendly beasts around Him stood.
Jesus, our brother, kind and good.

Thus said the Donkey, shaggy and brown,
'I carried His mother up hill and down;
I carried His mother to Bethlehem town:'
Thus said the Donkey, shaggy and brown.

Thus said the Cow, all white and red,
'I gave Him my manger for His bed;
I gave Him my hay to pillow His head.'
Thus said the Cow, all white and red.

Thus said the Sheep, with the curly horn,
'I gave Him my wool for His blanket warm;
He wore my coat on Christmas day.'
Thus said the Sheep, with the curly horn.

Thus every beast by some glad spell,
In the stable dark was glad to tell
Of the gift he gave Emmanuel,
The gift he gave Emmanuel."

24. Dezember 2009

What GOD for us has done - Was GOTT für uns getan



Yo-Yo Ma und Alison Krauss mit dem "Wexford Carol".

Und das Wort ist ...


R. S. Thomas: Blind Noel

Christmas; the themes are exhausted.
Yet there is always room
on the heart for another
snowflake to reveal a pattern.

Love knocks with such frosted fingers.
I look out. In the shadow
of so vast a God I shiver, unable
to detect the child for the whiteness.(1)

R. S. Thomas: Blinde Weihnacht

Weihnacht; die Themen sind aufgebraucht.
Doch da ist immer Platz
auf dem Herzen für eine weitere
Schneeflocke, die ein Muster enthüllt.

Liebe klopft an mit Fingern voll Reif.
Ich schau hinaus. Im Schatten
eines so riesigen Gottes zittere ich, kann
das Kind nicht entdecken in all der Weiße.

Die Weihnachtsroutine kennen wir alle, x Lieder in der ersten und vielleicht auch den weiteren Strophen. Jeder Stern sitzt am Baum und die Wünsche fließen wie Honig: "Frohe Weihnachten!", "Friede uns allen!" und überhaupt "Schönes Fest!"

Sogar die Routine-Durchbrecher sind geübt: "Mach's wie Gott - werde Mensch" und "Weihnacht in Haiti ist anders, ist schlimmer als hier. Keine Geschenke, kein Baum, und wenn, wäre er Brennholz in kalten Nächten."

Weihnachtsworte, im Zehnerpack, bunt sortiert, für jede Gelegenheit, jedes Ohr, jede Stimmung. So billig wie nie. Und nächstes Jahr fallen die Preise erneut, kein Zweifel.

Im Anfang war das Wort und das Wort ruft in der Krippe, schreit seinen ersten Verzweiflungsschrei ins Dunkel, bevor die Mutterbrust den kleinen Mund findet und stillt. Das Wort schreit wieder in der Nacht, die kommt mitten am Tag, als ob ein Vorhang zerrisse, so schreit es. Und am Ende: wieder das Wort. Noch einmal schreiend? Oder rufend? Oder ganz still, in Schweigen kehrt es zurück?

"Reden wir, denn wer redet, ist nicht tot." Mag sein. Und wer plappert? Lebt der noch? Wenn vor dem Wort unsere Wörter nicht passen, die Grammatik zerspringt: dann schweigen wir besser, verhalten uns still, bewegen uns kaum zwischen dem stummen Ochsen und dem Ja-Sager daneben. Und schauen einstweilen.

Glauben, das sehen lässt, und Sehen, das den Glauben nährt - das wünsche ich all den Lesern und Besuchern dieses Blogs. Den regelmäßigen und denen, die Bruder Zufall hier vorbeiführt. Den Gläubigen und den Ungläubigen. Den Zweiflern sowieso. Denen, deren Glaube und Gebet mich trägt. Den vielen Freundinnen und Freunden, und denen, die ich nicht kenne. Round the globe: von Goldbach/Ufr. bis zu den Gegenfüßlern im Pazifik.

Frohe Weihnachten Euch allen!

Scipio

(1) R. S. Thomas: Collected Later Poems: 1988 - 2000.- Tarset: Bloodaxe, 2004, S. 288

23. Dezember 2009

Kleine Aufgabenliste für den Tag davor



(Mit Dankeschön an Andreas, der mich an Sufjan Stevens erinnerte)

O komm, o komm, Immanuel!


22. Dezember 2009

Randbemerkung zu einer Überschrift



Sorry, Radio Vatican: Für und bei Pius XII. hat sich nichts getan, keinen Schritt näher ist er irgendeinem Ziel gekommen.

Allerhöchstens für uns und für die Kirche hat sich etwas geändert, nämlich die Erkenntnis dessen, was er - aus Gnade allein - für uns sein darf.

Unterschiede im Amtsverständnis

Man kann über unsere Bischöfe sagen, was man will, aber den Halbsatz "Mein Weg führt mich..." aus einem Zeitungsfragebogen würden sie nie ergänzen mit

"... langsam auf die Pensionsgrenze zu." (faz.net)

Durchaus instruktiv auch die Darstellung der Käßmannschen Ochsentour hinauf zum höchsten Amt einer synodal verfassten Kirche:

"Doch mit dem Amt reifen auch die Beziehungen heran – friedensbewegte Kirchentagsfunktionäre sind behilflich. (...) Nun ist es ihr Ehemann, der zurücksteckt, er bleibt bei den Kindern, während seine Frau an ihrem wichtigsten Karrieresprung arbeitet. Sie scheint zu wissen: Wer in jungen Jahren Einfluss in der Kirche gewinnen will, muss über die Funktionsstellen abseits der Gemeinden gehen. Die Ochsentour, vom Landpfarramt ins Stadtpfarramt, von der Superintendantur zur Landessuperintendantur, dauert Jahrzehnte. 1995, mit Mitte dreißig hat es Käßmann ins Schaufenster für das Bischofsamt geschafft: Sie wird Generalsekretärin des Kirchentags und kann sich so bei zahlreichen Gelegenheiten präsentieren.
Die erste Voraussetzung, um Bischöfin zu werden, ist damit erfüllt: Das Funktionärsmilieu, das maßgeblichen Einfluss auf die Ausarbeitung der Wahlvorschläge in den Landeskirchen ausübt, kennt ihr Gesicht. Und sie beherrscht – Voraussetzung Nummer zwei – virtuos den Umgang mit solchen Beziehungen, die Amerikaner als 'weak ties' bezeichnen: Sie kann Kontakte im Vorübergehen pflegen und dem Beruflichen den Mantel des Privaten umlegen. Sie tritt freundlich, aber nicht unbestimmt auf und nimmt Menschen rasch für sich ein – was von entscheidender Bedeutung ist, wenn die Mehrheit in einem Kirchenparlament erreicht werden soll, dessen Mitglieder man kaum kennt."
(faz.net)

Anne Porter: Susanna

Nobody in the hospital
Could tell the age
Of the old woman who
Was called Susanna

I knew she spoke some English
And that she was an immigrant
Out of a little country
Trampled by armies

Because she had no visitors
I would stop by to see her
But she was always sleeping

All I could do
Was to get out her comb
And carefully untangle
The tangles in her hair

One day I was beside her
When she woke up
Opening small dark eyes
Of a surprising clearness

She looked at me and said
You want to know the truth?
I answered Yes

She said it's something that
My mother told me

There's not a single inch
Of our whole body
That the Lord does not love

She then went back to sleep.

(Quelle: Garrison Keillors Writer's Almanac)

Vom Gebrauch des Wortes Gott

Aus Andreas Maiers Roman "Kirillow", genauer aus einer Partydiskussion zwischen dem rebellischen Romanhelden und dem fiktiven hessischen Ministerpräsidenten über das richtige und das falsche Leben und warum alles ist, wie es ist:

"Was heißt hier Recht? Es ist doch alles genau so, wie alles ist, weil die Menschen einfach bloß tun, was sie tun. Und sie tun es ohne jeden Grund, sie tun es allein deshalb, weil es ihnen angeboten wird, weil die Möglichkeit da ist. Was sie angeboten bekommen, tun sie. So legitimiert ihr alles. Und man könnte jederzeit auf diesen ganzen Scheißdreck verzichten, aber ihr habt daraus eine wirtschaftliche Notwendigkeit gemacht. Ich hasse das. Ihr macht nichts weiter, als einen Damm nach dem nächsten zu brechen. Ihr seid ohne jedes Maß. Das könnt ihr allesamt vor Gott nicht wollen. Der Ministerpräsident runzelte die Stirn, und zwar wegen des Wortes Gott, das er aus dem Munde Julians nun wirklich nicht erwartet hätte. Dieses Wort aus Julians Mund schien ihm abgrundtief falsch und bloß demagogisch gebraucht. (Es schien ihm 'gegen die Menschen' gebraucht, und 'gegen die Menschen' konnte man das Wort Gott nicht verwenden, so war es auf jeden Fall falsch gebraucht.)" (Frankfurt: Suhrkamp, 2005, S. 95)