26. September 2010

Abholer

Eigentlich hatte ich vor, etwas zu Thomas Assheuers Breitseite (Untertitel: "Warum der Vatikan die Öffnung gegenüber der liberalen Gesellschaft bereut und sich hinter klerikalen Mauern verschanzt") in der ZEIT vom 16. September zu schreiben. Aber das kann ich immer noch irgendwann nachholen: Wetten, daß der nächste Aufguß schon in Arbeit ist, vielleicht erscheint er vor der nächsten Papstreise, dem nächsten Jahrtag der Papstwahl, oder ganz ohne Anlaß. Ja, vielleicht erscheint er gar in der neuen ZEIT-Beilage, die den Namen "Rheinischer Merkur" tragen wird. Warum nicht? Eine RM-Redaktion wird sich doch nicht vor ein paar liberalen Redaktionskollegen verschanzen, oder? - Aber egal. Aufgeschoben, nicht aufgehoben.

Bemerkenswerter als Assheuers xte Fortsetzung fand ich dagegen Jens Jessens Glosse auf der Rückseite: "Wenn es im Hitlerreich hieß, jemand sei abgeholt worden oder werde gewiss bald abgeholt, dann war klar, dass auf den Unglücklichen eine schlimme Erfahrung wartete.(...) Das ist in der Welt der modernen Medien anders. Wenn es heute heißt, der Leser müsse 'abgeholt werden, wo er steht', dann ist gemeint, der Journalist dürfe ihm gerade keine bittere Erfahrung bereiten, nämlich zum Beispiel peinlicher Unwissenheit." Und dann spricht er von einem Traum, einen Traum, den mutatis mutandis auch andere träumen, nicht der Papst vielleicht, sondern eher seine Gegner, jene weltzugewandten, weltoffenen Kirchenreformer: "Der Traum ... besteht im Kern sogar darin, sie nicht nur abzuholen, sondern auch dahin zurückzubringen, wo sie standen, nämlich vor jedem Erkenntnisgewinn zu verschonen."

Aber vielleicht hört der Traum da nicht auf, mindestens nicht kirchlicherseits: Nicht nur abholen, nicht nur unbeschädigt und unverändert zurückbringen, sondern sich am besten selbst dort niederzulassen, wo der externe Pastoralpartner (oder wie auch immer die Pastoraltheologen den ehemaligen "Hörer des Wortes" heutzutage nennen) daheim ist und bleiben soll.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Seufzend - wieder einmal - beginnt und endet die Lektüre leitender Medien für mich, insbesondere wenn es um Religion geht... irgendwie holt mich keiner von den Liberalen ab, aber ich glaube, die haben sich auch seit mindestens den 80er Jahren nicht mehr bewegt. Zu gerne hätte ich Ihre Ausführungen zur angeblichen Vermauerung des Vatikans gelesen...

Anonym hat gesagt…

Confiteor, confrater, peccavi ...

Mein Geist ist verkommen bis zum Letzten und Äußersten, nichts wird mich mehr retten. Ich habe doch tatsächlich im ersten Augenblick statt "Assheuer" gelesen: "Assholer".

Guter Vorsatz: Weniger Englisch lesen und ab zum Augenarzt.

Pompous Ass