15. August 2010

Glück und Glaube

Ein Freund hat mich auf dieses Poster von B. Headey et al. hingewiesen: Set-Point Theory, Authentic Happiness Theory and Religion.

Es geht dabei einmal um die Frage, ob und wie weit unser Glück - oder wie es die Psychologen lieber bezeichnen: unser subjektives Wohlbefinden (subjective well being, SWB) von genetischen Faktoren bedingt ist. Nun haben sich Headey und Kollegen Daten einer großen deutschen Panel-Studie vorgenommen und können zeigen, daß Menschen, die ihre "religiöse Aktivität" verstärken, dann auch glücklicher werden; ihre "life satisfaction" nimmt zu. Nicht untersucht wurde, welche Mechanismen dies bewirken: Ist es die stärker Einbindung in "social networks", ein besserer Umgang mit Stress oder der Glaube an einen "Sinn" im Leben?

Für uns bereits Gläubige sind das gute Nachrichten; und auch wenn damit noch lange nicht gezeigt ist, daß Menschen, die ihren Glauben verlieren bzw. deren "religious activity" abnimmt, weniger glücklich werden, muß man ja nichts riskieren... Und für uns Glaubende ist eh nicht die Frage nach der Lebenszufriedenheit die entscheidende, sondern die Frage nach der Wahrheit. Wir glauben nicht, weil es uns glücklich und zufrieden macht, sondern weil wahr ist, was wir glauben.

Kommentare:

Muriel hat gesagt…

"Wir glauben nicht, weil es uns glücklich undzurieden macht, sondern weil wahr ist, was wir glauben."
Interessant, dass du das so sagst. Für mich als Atheisten hat sich bei meinen bisherigen Gesprächen mit Gläubigen eher das Gegenteil aufgedrängt, aber natürlich ist auch jeder Gläubige ein Individuum, insofern will ich das nicht auf dich ausdehnen.
Trotzdem finde ich die Formulierung ulkig, weil du mit dem "Wir" nach meinem Verständnis die Gläubigen meinst. Die glauben ja aber alle ganz verschiedene Sachen, oder? Nicht nur Buddhisten, Muslime und Zoroastrier, sondern z.B. auch Christen unter sich, sogar wenn sie zur selben Denomination gehören.
Insofern drängt sich mir die Frage auf: Wer genau sind nach deinem Verständnis "Wir" und was ist "wahr"?

Scipio hat gesagt…

Ich spreche natürlich erst einmal nur für mich und nicht für andere Christen oder Gläubige. Tatsächlich gibt es vielerlei Gründe und Motive zu glauben. Ich frage mich freilich, ob christlicher Glaube auf Dauer ohne Glaube an die Wirklichkeit dessen, was man glaubt und an den man glaubt, auskommt. Wirkt das christliche Placebo noch, wenn man weiß, es ist nur ein Placebo und enthält keinen Wirkstoff? Es gibt z.B. sicherlich eine heilende Kraft der Rituale - aber doch nur, wenn ich mich ihnen anvertraue und nicht währenddessen denke, daß eigentlich nichts dahinter/darin steckt? Kann ich in einem sozialen Netzwerk sein und es tun, damit mir dieses Netzwerk hilft - ohne daß ich mich mit dem offizell "eigentlichen" Zweck des Netzwerks identifiziere? Vielleicht geht das, auch das, aber dann braucht es wohl immer noch einen gewissen Prozentsatz Glaubender, die "naiv" oder in zweiter Naivität an die Wahrheit ihres Glaubens glauben.

Mein "Wir" kombiniert da wohl gleichzeitig das Deskriptive und das Normative.

Vielleicht stimmt es, daß es für das subjective well being egal ist, was geglaubt wird. Dann würde ich wohl auch für die Buddhisten, Muslime etc. alle mitsprechen. Aber das beanspruche ich erst mal nicht: Allerdings versuche ich bewußt aus dem Innern meines Glaubens zu sprechen - und diesen Blickwinkel kann ich zwar temporär suspendieren, aber ich kann ihn (und mich) ja nicht dauernd von außen anschauen.

Muriel hat gesagt…

Hm... Ich bin nicht sicher, ob ich dich verstanden habe, aber ich glaube, deine Antwort ist mir sehr sympathisch.
Schränkst du deine Aussage damit aber nicht dahingehend ein, dass sie eigentlich nur noch lautet: "Ich glaube, weil ich es für wahr halte, und weil ich mich dabei gut fühle."
Und wie entscheidet man unter dieser Prämisse, was man nun eigentlich glaubt? Einfach nur das, was sich am besten anfühlt?
Oder habe ich dich völlig falsch verstanden?

Scipio hat gesagt…

Ich versuche es noch mal deutlicher - sorry, wenn ich nicht so klar war, wie ich wollte:

Ich denke, daß es viele Wege zum Glauben gibt und daß Glaube tröstet, Halt gibt, Heimat schenkt - das sind alles ganz wichtige und ganz attraktive Gründe, aus denen Menschen anfangen zu glauben. Aber irgendwann und -wie wird zu diesem subjektiven Anteil auch das Glauben als Für-wahr-halten dazukommen. Natürlich nicht immer wissenschaftlich reflektiert, vielleicht auch nicht einmal explizit und um sich selbst wissend, aber eben doch im Vollzug ein Glauben, der sich auf eine Wahrheit, eine Wirklichkeit verlässt. Und manchmal kann es auch so kommen, daß der Trost des Glaubens verloren geht, daß der Glaube, wie es heißt, angefochten wird - von Zweifel, von Müdigkeit, von Unglück - und dann wird er vor allem in Festhalten an der im Glauben erkannten Wahrheit Gottes bestehen.

Wie Du siehst, geht es mir eher um den lebensmäßigen Vollzug des Glaubens. Auch dort lügt man sich nicht in die Tasche; auch dort kann man sehr wohl die Wahrheit, die Schlüssigkeit, die Konsistenz des Glaubens am eigenen Leben "überprüfen", man kann sehen, wie Glauben hilft, mit Schwerem umzugehen, mit Menschen, die mich enttäuschen, mit Glücksmomenten, mit der Erfahrung des Schönen und mit Blicken, die mich ins Herz treffen: wie all das seinen Platz im Glauben findet. Gewissermaßen eine Verifizierung im Leben, die übrigens nicht immer beruhigend sein muß. Man muß sich zB. die 10 Gebote ja nur mal ruhig durchlesen und sieht, daß sie einmal sehr sinnvoll und schlüssig sind und unserer moralischen Intuition entsprechen, daß sie uns aber gleichzeitig auch unglücklich machen können.

Jetzt kann man natürlich sagen, daß also auch unangenehme Wahrheiten sich auf irgendeine Weise immer noch besser "anfühlen" als angenehme Unwahrheiten. Aber dann kommen wir gar nicht mehr weiter...

Muriel hat gesagt…

Ich hoffe, dass es dir recht ist, wenn ich noch ein bisschen weiter frage:
Ich verstehe nicht ganz, wie du mit diesem Thema Wahrheit umgehst. Findest du denn, dass Muslime z.B. genauso die Wahrheit gefunden haben wie Christen und, keine Ahnung, Zoroastrier? Die schließen sich doch schon irgendwie gegenseitig aus, oder nicht?
Und was ich noch viel interessanter finde, ist das mit den Geboten. Meiner moralischen Intuition entsprechen eigentlich nicht besonders viele davon. Dass ich nicht stehlen soll, klar, und lügen ist auch nicht gut, und töten in den meisten Situation wohl auch nicht.
Aber findest du wirklich, dass es zu unseren wichtigsten ethischen (oder sogar geseztlichen) Normen gehören sollte, nur den einen christlichen Gott zu haben, den Sabbat heilig zu halten und keine Bildnisse von Dingen auf der Erde anzufertigen?
Noch wichtiger als, zum Beispiel, du sollst andere nicht verletzen, du sollst nicht vergewaltigen, du sollst nicht kaputtmachen, was anderen gehört...?
Ich hoffe, es kommt nicht polemisch rüber, dass ich das so ausführlich geschrieben habe. Ich wollte damit vor allem erläutern, wo es bei mir hakt.

Anonym hat gesagt…

ich empfehle das Buch über Mutter Theresa zu lesen (Komm sei mein Licht). Da vergeht einem jeder Gedanke daran, dass für Christen "Wohlbefinden" oder "Glücksgefühle" eine Grundvoraussetzung für den Glauben an die Wahrheit sind.
Gabriele

Scipio hat gesagt…

Insofern ich von außen auf Muslime, Buddhisten etc. blicke, glaube ich in der Tat nicht, daß sie die Wahrheit gefunden haben - oder vielleicht besser: daß sie zwar Teile der Wahrheit erkennen, aber nicht das Zentrum, denjenigen, der uns GOtt enthüllt: Jesus Christus, den GOttesSohn, als Mensch geboren und gestorben und auferstanden.

Aber das muß ja nicht heißen, daß ich ihnen nicht zugestehe, daß sie - von innen - an ihre Wahrheit glauben und zwar nicht wider besseres Wissen oder hartnäckig sich dem christlichen GOtt verschließend, sondern mit ganzem, frohem Herzen.

Die Zehn Gebote habe ich als Beispiel genommen, wo sich eben moralische Intuition und gleichzeitig eine gewisses Zögern mischen können: Ich weiß, ich soll nicht stehlen, und trotzdem zuckt es mir in den Fingern.

Die Zehn Gebote, imho, beinhalten Gebote des "Tao", wie es CS Lewis mal nennt, also moralisch in der Regel einsichtiges, wenn auch nicht immer leicht zu befolgendes, wie auch positive Gebote: Gott hätte ja auch 8 Tage für die Schöpfung brauchen können, dann hätten wir eine 6-Tage-Woche... Auf eine Diskussion, was da jetzt wichtiger ist oder ob die Aufzählung bei den Zehn Geboten eines davon "wichtiger" macht als andere, die nicht aufgezählt sind, brauchen wir uns nicht einlassen, denke ich. Die Zehn Gebote sind, wenn ich es richtig sehe, Teil der Antwort, die Israel dem Bundesgott gibt. Als Merksätze stehen sie in der Mitte - und auch als Mahnmal, daß es nicht nur um nackte Moral geht, sondern um ein Leben für Gott und im Kreis der Menschen.

Muriel hat gesagt…

Danke für die Erläuterung und das angenehme Gespräch.

Leo hat gesagt…

Wenn ich mit meinen Acht-Klässlern im Religionsunterricht das Thema behandle, was der Glaube an Gott bringt, dann sind die Schüler mit folgenden Stichworten einverstanden, die ein glücklicheres Gefühl nahelegen: Stichworte wie "ich bin nicht allein", "ich habe jemandem zum Reden", "ich brauche keine Angst vor dem Tod zu haben", "ich finde einen Sinn in meinem Leben" ...