30. Juni 2008

Badly Bent



(Dan Tyminski: I Ain't Broke (But I'm Badly Bent))

Erst bog der behelmte Quadfahrer rasant und knatternd um die Ecke. An beiden Seiten der hochgezogenen Rückenlehne hing griffbereit eine Motorsäge.

300 m später raste ein Freddy-Mercury-Double, nackter Oberkörper, dunkle, rückwärts gegelte Haare, lange Koteletten, gelber Rucksack, radlings an mir vorbei.

Den Straßen meiner Kindheit glücklich entronnen, erwartete mich im häuslichen Bad eine bißbereite Hundertschaft winziger Kerbtiere, alle geklont aus einem 10 pt Verdana-Komma.

Es wird höchste Zeit, in Urlaub zu fahren. Vielleicht ist nach einer Woche Österreich die Heimat wieder "back to normal".

Servus und bis demnächst!

Quid vero Paulus - Wer ist Paulus?

B XVI am 28. Juni in St. Paul vor den Mauern:

Wir sind also versammelt, nicht um über vergangene Geschichte nachzudenken, die unwiderruflich vorbei ist. Paulus will mit uns reden – heute. Dazu habe ich dieses besondere „Paulusjahr“ ausgerufen: damit wir ihm zuhören und von ihm als unserem Lehrer jetzt „den Glauben und die Wahrheit“ erlernen, in denen die Gründe für die Einheit unter den Jüngern Christi verwurzelt sind.

Fragen wir also nicht nur: Wer war Paulus? Fragen wir vor allem: Wer ist Paulus? Was sagt er mir? Ich möchte in dieser Stunde, am Anfang des „Paulusjahres“, das wir hier eröffnen, drei Texte aus dem reichen Zeugnis des Neuen Testaments herausgreifen, in denen seine innere Physiognomie, das Eigentliche seines Wesens erscheint. Im Brief an die Galater hat er uns ein ganz persönliches Glaubensbekenntnis geschenkt, in dem er vor den Lesern aller Zeiten sein Herz auftut – sagt, was die innerste Triebkraft seines Lebens ist. „… Ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (2, 20).

Alles, was Paulus tut, geschieht von dieser Mitte her. Sein Glaube ist die Erfahrung des ganz persönlichen Geliebtseins von Jesus Christus; er ist Wissen darum, daß Christus nicht irgendwie ins Allgemeine hinein gestorben ist, sondern ihn – Paulus – geliebt hat und als Auferstandener ihn heute liebt; daß er für ihn sich gegeben hat. Sein Glaube ist das Getroffensein von der Liebe Jesu Christi, die ihn bis ins Innerste erschüttert und umwandelt. Sein Glaube ist nicht eine Theorie, nicht eine Meinung über Gott und die Welt. Sein Glaube ist das Auftreffen der Liebe Gottes in seinem Herzen. Und so ist dieser Glaube selbst Liebe zu Jesus Christus. (
via)

29. Juni 2008

Es gibt immer noch einen mehr als man denkt...

Mein Predigtgarten, eine bunte Sammlung von dem und jenem, nicht nur für die Sonntagspredigt, ab sofort rechts unter den Banknachbarn zu finden ...

Urlaubsvorbereitungen

Zuallererst gilt es den Stapel mit der Urlaubslektüre zusammenzustellen und bis kurz vor der Abfahrt zu optimieren. Quantitativ heißt das: so viele Bücher mitnehmen, daß es zur Not jeden Tag regnen könnte. Inhaltlich: zu möglichst gleichen Teilen fiction und non-fiction kombinieren.

Zwischenstand am Sonntag morgen, 12.23 Uhr:



Weiters dürfen wir diesmal Importware nicht vergessen: Drei Flaschen Apfelwein gehen an interessierte Bewohner der Landeshauptstadt, allesamt Nicht-Unterfranken. Vielleicht ist das der Beginn eines kleinen Exportgeschäfts für filius primus oder frater tertius: Spezialitäten von "unneruff" für München, von da, wo Bayern nicht einmal mehr fränkisch ist.

28. Juni 2008

Paulus - II




"Ich weiß, wem ich mich anvertraut habe. Und ich bin sicher, denn mächtig ist der gerechte Richter, das mir Anvertraute zu bewahren bis zu jenem Tag." (2 Tim 1, 12)

Paulus - I

Wir waren so um die 30 Jungen, die damals, 1979, nach Rom fuhren. Ich sollte eine Art Referat über Paulus vorbereiten, und vergaß am Ende all meine Skripten zuhause. Zum Glück hatte ich vorher alle Paulusbriefe und die Apostelgeschichte gelesen - wenn auch in der "Guten Nachricht"-Übersetzung, was dem Apostel nicht die Spitze genommen hatte. Und dabei war ich ihm begegnet. Ich musste nur noch einen Freund vorstellen - das ist nicht schwer.

So setzte ich mich im römischen Frühsommer noch einmal hin, das Referat wurde anders, und war am Ende eine Liebeserklärung an einen, der vor mir, vor den Korinthern und der ganzen Welt seinen Mund und sein Herz weit gemacht hatte (2 Kor 6, 11f), der sich ganz in Christus lebend wiederfand, der nicht über sich sprach, sondern über Christus als den HErrn, über sich aber als Knecht um Christi Willen (2 Kor 4,5).

Und der in seinen Briefen dieses Wichtigste nicht für sich behielt. Sondern offen legte vor der Welt. Weil er ja schon vor GOtt genauso offen und nackt dastand. Erkannt. Mit dem Schatz im irdenen Gefäß. Und selbst wenn das zerbricht: Wie soll er denn anders?

26. Juni 2008

Vierter von unheimlich vielen

Wer bei google.de nach "emmylou" sucht, bekommt ungefähr 4.590.000 Treffer. Gleich nach der Wikipedia und Emmylou Harris' eigenen Seiten kommt dieses Weblog. Wenn das mal nichts ist...

Wenn die Jünger die Steine zum Schweigen bringen

Ein provokanter Artikel in der Welt, zu schade,um ihn nur auf Kirchenschwinden zu posten: "Der Ausverkauf der Gotteshäuser".

Die Thesen:
  • Den Kirchen geht es nicht so schlecht, daß Kirchenbauten sterben müssten.
  • Es ist eine Faszination des "Wandels", die beim Kirchenabriß Pate steht.
  • Abriß schafft keine neuen Gläubigen.

Dazu die Beobachtung:

...ein ganz anderes Indiz, das zugleich auch eine andere, bisher kaum thematisierte Ursache der kirchlichen "Immobilien-Problematik" enthüllt: 70 Prozent der Baulichkeiten im Besitz der evangelischen Kirche sind keine Gotteshäuser. Der gewaltige Bautenbestand ist ein Erbe von 1968, als junge Theologen aufbrachen, die Kirche zu "reformieren". (...) Zu der neuen Kirche, die sie damals propagierten, gehörte eine uferlose Ausweitung des "weltlichen Auftrages" - eine Zielsetzung, die zu einer Bauwut ungekannten Ausmaßes verleitete, deren nach 40 Jahren reparaturbedürftige Produkte eine schwere Finanzbelastung der Gemeinden darstellen.

Und die letzten Absätze:

Kirchliches Leben hat nichts mit Protz und Prunk zu tun, auch wenn die Kirche keinen Anlass hat, sich in Sack und Asche zu kleiden. Aber das kirchliche Gebäude, so hat es Preußens großer Baumeister Karl Friedrich Schinkel einmal ausgedrückt, soll Gott darstellen. Und seinen Standeskollegen empfahl er, sich dieser Bauaufgabe in "Resignation" (d.i. Demut) zu widmen.

Christkönig in Kaiserslautern, ein Werk von Hans-Joachim Klostermann, ist ein schlichtes Haus aus solchem Geist und wurde 1959, ein Jahrzehnt vor den "68ern", geweiht. Ausgeräumt, wirkt die Kirche wie ein Zelt. Es ist das Bild, das dem Motto des jüngst vergangenen Katholikentages von Osnabrück eingeschrieben ist: "Du führst mich hinaus ins Weite." Denn was das verkürzte Wort nicht aussagt, ist in dem zitierten Psalm in direkten Bezug zum "Zelt" gesetzt. Die Weite ist nach dem Urtext die Freiheit unter dem Himmelszelt. So war es gemeint und kehrt es wieder in unzähligen Kirchengebäuden der Welt: von den Adern der Kreuzrippengewölbe überrankt und in die Höhe gehoben oder von Kuppeln, die den Himmel und das himmlische Jerusalem abbilden, den in den Kirchenbänken Kauernden wie eine Offenbarung zur Anschauung gebracht. In jenen Zeiten, in denen man noch wusste, was Kirchenbau bedeutet, hat man es anschaulich die "Predigt der Steine" genannt.

Dieses "Reden mit Zungen" ist nicht nur in Christkönig zu Kaiserslautern gewaltsam zum Verstummen gebracht. Es ist auch im neuen Kirchenbau, in den Bildwerken der Kirche, den Kirchenfenstern und den Predigten oftmals kaum noch vernehmbar, umso öfter hingegen von sinnentleertem Gekreisch überdröhnt. Wenn es nicht gelingt, die Sprache dieser "Zungen" neu verstehen zu lernen, ist das Ringen um die Kirchengebäude umsonst
.

Ich gestehe: Die Hoffnung, daß dieses Reden, diese Sprache vernommen wird, fehlt mir mittlerweile meist. (So sehr ich mich mit Elsa über die kleinen, signifikanten Revolutionen in der päpstlichen Liturgie freue, bin ich mehr als skeptisch, daß hier irgendjemand versteht, verstehen will, worum es dabei geht. Aber Hoffnung ist ja auch eine Gabe, keine Eigenleistung.)

Was der Papst so trägt

Bringen wir den Satz des Tages auch in die Blogozese:

"Il Papa, insomma, non veste Prada, ma Cristo. - Der Papst trägt also nicht Prada, sondern Christus."

Der Originaltext des Osservatore-Artikels von Juan Manuel de Prada im Papa Ratzinger-Blog.

Kommentare gibt es schon im Spiegel Online (Titel: "Teufelszeug" - es geht nicht ohne Übertreibung), in der österreichischen Presse ("Die Vatikan-Zeitung 'Osservatore Romano' schießt sich auf Journalistenkollegen ein." - Na, da ist aber eine Krähe ganz empfindlich.) und der NZZ (gewohnt sachlich, jedoch grammatikalisch rutschig und mit Freudschem Schreibfehler: "Die extravagante Schuhbekleidung des Papstes hat einiges zum Ruf des katholischen Kirchenoberhauptes als ausgesprochen moderbewussten Mann beigetragen.")

Juan Manuel de Prada schreibt erst neuerdings für den Osservatore, vorher war er u.a. im Bereich erotischer und spannender Literatur aktiv.

25. Juni 2008

Seelsorger mit Behinderung

"Angesichts unseres geschundenen Herrn am Kreuz ist die Vorstellung der körperlichen Makellosigkeit ziemlich bekloppt."

Das sagt Pfarrer Uwe Wulsche, Krankenhausseelsorger am St. Hedwig-Krankenhaus Berlin in einerPressemitteilung der Aktion Mensch - sehr lesenswert, obwohl sie schon etwas älter ist.

24. Juni 2008

Vor allen Dingen die kfd nicht

Die kfd, die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands, hat sich ein neues "Leitbild" gegeben - mission und vision nennt man das im Business-Englisch.

Der Mainstreamwiderstandskoeffizient dieser Sätze entspricht in etwa dem eines PAC-Car II und ist von daher schon wieder absolut bemerkenswert:

kfd – als katholischer Frauenverband eine kraftvolle Gemeinschaft.
kfd – eine starke Partnerin in Kirche und Gesellschaft.
kfd – ein Frauenort in der Kirche, offen für Suchende und Fragende.
Wir machen die bewegende Kraft des Glaubens erlebbar.
Wir setzen uns ein für die gerechte Teilhabe von Frauen in der Kirche.
Wir schaffen Raum, Begabungen zu entdecken und weiterzuentwickeln.
Wir stärken Frauen in ihrer Einzigartigkeit und in ihren jeweiligen Lebenssituationen.
Wir engagieren uns für gerechte, gewaltfreie und nachhaltige Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Einen Welt.
Wir handeln ökumenisch und lernen mit Frauen anderer Religionen.
Wir fördern das Miteinander der Generationen.

Gibt es da irgendetwas, daß nicht jedes Lieschen Müller oder auch - mutatis mutandis - jedes Hänschen Müller unterschreiben könnte, ja müsste, gleich ob katholisch oder evangelisch, suchend oder fragend? Gut, das Klima fehlt, kann aber bei Gelegenheit nachgetragen werden.

Familie, Ehe, Kinder, gar Ehemänner fehlen ebenfalls, was aber verständlich ist, denn schließlich will ja die Erbin des ehemaligen "Zentralverbands der katholischen Müttervereine" keine potentiellen oder tatsächlichen Mitglieder(innen?) vor den Kopf stoßen: Bei der Vielfalt der Lebensentwürfe und -situationen (0-x Kinder, Familie oder Beruf oder Kombi, Ehe oder keine Ehe, alleinerziehend, verwitwet, vermutlich unterschiedliche sexuelle Orientierungen - man ist ja inklusiv ...) tun sich schon ganz andere gesellschaftliche Gruppierungen schwer, an irgendwelchen Leitbildern festzuhalten, umso mehr wenn genau die den gesellschaftlichen cw-Wert in unangenehme Höhen treiben und für jede Menge Gegenwind sorgen.

Da hört wohl jeder lieber der Bundeskanzlerin zu, wenn sie sagt:

"Ich möchte der katholischen Kirche, aber auch unserer gesamten Gesellschaft zurufen: Verachtet mir die Frauen nicht! Verachtet mir das Ehrenamt nicht! Verachtet mir vor allen Dingen die kfd nicht!"

Mit Frauen habe ich, glaube ich, kein Problem, mit dem Ehrenamt auch nicht, aber mit der kfd irgendwie schon. Vor allem weil ich mir so gar nicht sicher bin, ob sie und ich das gleiche meinen mit unserem gemeinsamen Vokabular. Die Kreuzung, wo die kfd abgebogen ist, die habe ich verpasst...

Ein bißchen cw-Wert ist halt immer.

Religion und Jugend beim Bundestag

mitmischen ist das Jugendportal des Bundestages.

Momentan geht es dort um Religion & Glaube, und vielleicht findet sich ja der eine oder andere unter den Lesern dieses Blogs, der da mitdiskutieren und -chatten mag. Ich spiele leider schon bei den Alten Herren und nicht mehr A-Jugend ...

(Mit Dank an JM für den Hinweis)

Tagkunst



Mit Wordle erspielt (über die Kollegen von netbib)

Wortlänge

Ossip Mandelstam: "What distinguishes poetry from automatic speech is that it rouses us and shakes us awake in the middle of a word. Then the word turns out to be far longer than we thought."

["Was Poesie von automatischer Sprache unterscheidet, ist, daß sie uns in der Mitte eines Wortes weckt und wach rüttelt. Dann zeigt sich das Wort als viel länger als wir dachten."]

Automatische Sprache - wir wissen, was wir sagen wollen, ohne nachzudenken, ohne innezuhalten, sprechen auf einer Ebene, im Jetzt und Hier und Gleich-vorbei.

Aber dann: die andere Art des Sprechens... Die widerhallt, anhält, verhält, nachklingt. Neben der Zeit, hinter, über der Zeit. Das Wort als Pause, als Unterbrechung, als stehendes Jetzt.

(via http://imagejournal.org/page/blog/slow-reading)

23. Juni 2008

Katholische Nachtmusik

Überm Tal liegt Blasmusik - es ist Pfarrfest. Das letzte Lied vor der Nachtruhe ist traditionsgemäß Sierra Madre, und vorher singen alle zusammen Amazing Grace, natürlich nicht im Originaltext, denn der ist erstens zu englisch und zweitens zu fromm (250 Säuglingsgetaufte singen "I once was lost and now am found" - keine schlechte Vorstellung), sondern die allseits kompatible Lena-Valaitis-Version.

Cross the Border - Compose a Rap

Was ein rechter Postmodernist ist, der kann's nicht lassen. Der macht bis zum Ende Ernst mit dem Cross the Border - Close the Gap.

Die FAZ-Meldung über Umberto Ecos Italo-Rap hier.

Gegen den Wind flattern

Wenn Fähnchen in den Wind gehängt werden, dann fällt das manchmal recht überraschend aus.

Da schaue ich heute morgen aus meinem Bürofenster auf den Parkplatz und sehe zwei Autos parken, deren Deutschlandfahnen eindeutig im Wind nach links flattern. 25 Meter weiter steht ein anderes, und da flatterte es ebenso eindeutig nach rechts.

Bei der Heimfahrt ging es gesteigert weiter: Da überholte mich ein Motorradfahrer, der es hinter dem freien Soziusplatz ebenfalls schwarz-rot-gold wehen ließ. Bei geschätzten 110 km/h zeigte diese Fahne nach vorne.

Natürlich gibt es für beides eine physikalische Erklärung, aber die kann gegen den Augenschein ja nur banal sein...

22. Juni 2008

Muss die Hand des Herrn gewesen sein...

Zum Mitsingen mit Onkel Robert:



Den Text gibt es hier.

Versetzt euch in unsere Lage

Georges Bernanos lässt am Fest der hl. Therese predigen, was sich aber auch an jedem beliebigen Sonntag des Kirchenjahres mit Nutzen lesen und bedenken lässt:

Andächtige Christen!

Ich teile euere Überzeugungen nicht. Aber die Kirchengeschichte ist mir wahrscheinlich vertrauter als euch, ich habe sie gelesen und nicht viele Pfarrangehörige können von sich das gleiche sagen. Sollte ich mich irren, so mögen die, die sich davon betroffen fühlen, die Hand heben! Andächtige Christen! Ich kann euch nur zustimmen, daß ihr das Lob der Heiligen feiert, und bin glücklich, daß der Herr Pfarrer mir gestattet, mich euerem Lobpreis beizugesellen.

Die Heiligen gehören euch mehr als mir, denn ihr betet denselben Herrn an wie sie. Ich finde es demnach sehr verständlich, daß ihr euch gegenseitig zu der Glorie beglückwünscht, die sie durch ein erhabenes Leben errungen haben. Doch - verzeiht mir diese Bemerkung! - ich kann mir nicht gut denken, daß sie so viel gekämpft und gelitten haben, nur um euch Freuden zu verschaffen, an denen Tausende von armen Teufeln nicht teilhaben können, weil sie von diesen Helden nie haben reden hören und, wenn sie sie kennenlernen wollten, einzig auf euch angewiesen sind. Zwar bringt die Postbehörde jedes Jahr Kalender in Umlauf, wo neben den Mondphasen auch ihre Namen verzeichnet sind. Aber diese großartigen Verschwender haben alles hingegeben, sogar ihre Namen, die nun eine andere wachsame Behörde, das Standesamt, dem ersten besten, ob er gläubig ist oder ungläubig, zur Verfügung stellt, daß sie für die neugeborenen Staatsbürger als Registernummer dienen.

Wir, wir kennen die Heiligen nicht, doch es scheint, daß ihr sie ebenso wenig kennt. Wer von euch wäre imstande, zwanzig Zeilen über seinen Namensheiligen zu schreiben? Früher hätte mich diese Unkenntnis sprachlos gemacht, jetzt scheint sie mir fast ebenso selbstverständlich wie euch. Ich weiß, ihr kümmert euch kaum um das, was Leute meiner Art denken. Die frommsten euerer Brüder vermeiden sogar jede Auseinandersetzung mit den Ungläubigen, um nicht den Glauben zu verlieren, wie sie sagen. Wir können nicht umhin, daraus zu folgern, daß dieser Glaube auf sehr schwachen Füßen steht. Wir fragen uns, wie dann wohl der Glaube der Lauen und Mittelmäßigen beschaffen sein muß. Wir behandeln diese Unglücklichen gewöhnlich als Simulanten und Heuchler. Für uns ist das eine ziemlich traurige Feststellung.

Ihr interessiert euch nicht für die Ungläubigen, aber die Ungläubigen interessieren sich außerordentlich für euch. Es gibt wenig Ungläubige, die sich nicht in einer bestimmten Epoche ihres Lebens euch heimlich genähert hätten, und wäre es auch mit einem Wort der Beleidigung auf den Lippen. Versetzt euch in unsere Lage. Bestände nur eine Chance, eine kleine Chance, eine winzig kleine Chance, daß ihr recht habt, so würde uns der Tod eine furchtbare Überraschung vorbehalten. Ist die Versuchung da nicht groß, euch von nahem zu beobachten, euch unter die Lupe zu nehmen? Denn schließlich nimmt man doch von euch an, daß ihr an die Hölle glaubt. Verrät der kameradschaftliche Blick, den ihr zuweilen auf uns werft, nicht ein wenig Mitleid, das ihr einem Verdammten dieser Erde sicher versagen würdet.

O gewiß! Wir erwarten keine lächerlichen Beweise, aber schließlich, schließlich und endlich, allein die Vorstellung, daß einige von den Kameraden, mit denen man getanzt hat, Ski gelaufen ist, Bridge gespielt hat, vielleicht für alle Ewigkeit Gott verfluchen und mit den Zähnen knirschen werden, müßte doch eigentlich einen Menschen ändern! Kurz, wir halten euch für interessant.

Doch siehe da, ihr seid gar nicht sonderlich interessant, und diese Enttäuschung schmerzt uns. Es schmerzt uns vor allem die Demütigung, daß wir auf euch gebaut haben, d. h. aber, daß wir an uns, an unserem Unglauben gezweifelt haben.

Die meisten meiner Gesinnungsgenossen halten sich an diese erste Erfahrung. Doch sie löst das Problem noch keineswegs. Denn selbstverständlich findet man unter euch auch falsche Fromme, deren einziger Antrieb der Eigennutz ist. Aber es gibt auch die anderen. Wer sie betrachtet, muß unweigerlich bemerken, daß der Glaube, den sie bekennen, an ihrem Leben zwar nicht viel ändert, da sie wie wir, wenn auch in bescheidenerer Dosierung, sechs von den sieben Hauptsünden begehen, durch die außerordentliche Wichtigkeit, die sie der siebenten, die als Todsünde gilt, beilegen, alle ihre traurigen Sinnenfreuden vergiften.

Meine lieben Brüder, nicht bloß der fehlende Heroismus, ohne den, nach der Meinung Leon Bloys, der Christ nur ein Schwein ist, sondern schon euere Ängstlichkeit in der Unzucht macht euch unter allen ändern kenntlich. Es ist also wahr, ihr glaubt wirklich an die Hölle. Ihr fürchtet sie für euch, die Gläubigen, ihr erhofft sie für uns. Es ist unerhört, daß euch unter diesen Voraussetzungen jedes Gefühl für Tragik abgeht.

(Aus Bernanos' Großen Friedhöfen unter dem Mond, hier zitiert aus Die Vorhut der Christenheit)

21. Juni 2008

All these storms we'll ride together



Railroad Earth: Storms