30. Mai 2004

Willkommen in der Welt, Pfingsten!



Eigentlich müsste das Bild ja farbig sein...

29. Mai 2004

Dort und damals, hier und jetzt, immer und überall

Daß das Individuelle in der Kirche allen gehört, daß jedes Charisma kein Privatbesitz ist, sondern dem Aufbau der Gemeinde dient, ist alte Christenweisheit. Genauer gesagt, geht sie auf Paulus (und den inspirierenden GEist selber) zurück.

Lorenz Jäger sieht in diesem Ineinander von Persönlich und Allgemein (= Katholisch) ein Charakteristikum des Pontifikates von Johannes Paul II. Hier liegt auch der Schlüssel zur rechten Interpretation des 2. Teils der päpstlichen Autobiographie. (Meine Paddeltour zu Gott)
Gerard Manley Hopkins:
The Blessed Virgin,
Compared to the Air we Breathe


(...)
Be thou then, O thou dear
Mother, my atmosphere;
My happier world, wherein
To wend and meet no sin;
Above me, round me lie
Fronting my froward eye
With sweet and scarless sky;
Stir in my ears, speak there
Of God's love, O live air,
Of patience, penance, prayer:
World-mothering air, air wild,
Wound with thee, in thee isled,
Fold home, fast fold thy child.

(Sei du denn, o du liebe
Mutter, meine Luft, darin
Zu wandern und keiner Sünde begegnen;
Über mir, rings um mich liege,
Meinem mürrischen Auge begegnend
Mit süßem, narbenlosen Himmel;
Rühre mein Ohr auf, sprich dort
Von Gottes Liebe, o lebendige Luft,
Von Geduld, Buße, Gebet:
Welt-mutternde Luft, Luft wild,
Umwunden von dir, ein Eiland in dir,
Umfasse ganz, fest umfasse dein Kind.
(Übersetzung: U. Clemen/F. Kemp))

28. Mai 2004

Dunkel die Nacht, der Boden kalt



Durch Wim Wenders' Bluesfilm "The Soul of a Man" kommt die Rede wieder öfter auf großen Blind Willie Johnson. In diesem Zusammenhang wird regelmäßig sein 1927er Song "Dark was the night - Cold was the ground" erwähnt, der als eines der großen menschlichen Kulturzeugnisse seit 1977 an Bord der Voyager zu Außerirdischen unterwegs ist.

Was für Ry Cooder das "most transcendent piece in all American music" war, wird auf drfrizz' deutschen Webseiten zum kritischen Hinweis auf die conditio humana americana reduziert.

Was Blind Willie dazu wohl gesagt hätte? Vielleicht: "Keep your lamp trimmed and burning"? Auf deutsch: "Laß deine Lampe nicht ausgehen - denn der BRäutigam ist unterwegs!"
Erie-Tipp des Tages:

"Let prayer change you. Do something:
Clean out your closet. Wash and mend what you no longer wear. Give it away."

Keine Angst: Den Wandschrank, nicht das Klo.
Nach der BP-Wahl

Thomas E. Schmidt sorgt sich in der Zeit um den Zustand des Konservatismus in Deutschland:

"Alles Störrische und Rechthaberische hat die Union in den vergangenen Jahren aus diesem Konservatismus gespült, das Zackige und das Frömmelnde, die Geiferflecken sind weg und auch der peinliche Depressionsgeruch. Der Konservatismus fühlt sich heute wie ein sehr oft gewaschenes Laken an. Man kann nicht einmal beklagen, dass Köhler der viel befürchteten Ökonomisierung des Lebens das Wort redet, denn das meiste, was darunter verstanden wird, spielt sich in den Subventions- und Sicherungssystemen eines Staates ab, der sorgenvoll auf Einnahmen und Ausgaben blickt.
Es tobt kein Kampf zwischen Kulturkonservatismus und Sozialkonservatismus im Land. Auch sind die Ängste und Stimmungslagen der zivilisationsfeindlichen, antikapitalistischen alten Rechten großenteils nach links gewandert. Themen wie Ökologie oder Verbraucherschutz, die unmittelbar in die Gesellschaft hineinreichen, lassen sich überhaupt nicht mehr auf der Links-rechts-Matrix einordnen, andere wie Zuwanderung und Energie immer weniger." (Die Weichspüler-Union)
Vorgeschmack?

Die Mähdrescher Gottes: Kampf der Kulturen? Die zukünftige Christenheit? Fundamentalismus a la Afrika? Notwehr? Wachsende Kirchen?
Money-making monks

Wir Deutsche haben die beiden Anselme (I und II), die Amis ihre LaserMonks (via Catholic and Enjoying It)
Polygamie

Genau die Frage habe ich letzthin auch gestellt: If same-sex 'marriage' is legalized, why not polygamy?

27. Mai 2004

Liturgischer Tanzbedarf



Wer sich schon immer fragte, wo die Waldorf-farbenen, fast transparenten Tücher herkommen, die man gelegentlich in Altarräumen zu sehen bekommt, findet bei Son Dance Ministry eine Antwort. (via Saintly Salmagundi)
"Ihr seid mein Brief"



Christliche Tattoos hatte ich ja schon vor einiger Zeit mal in diesem Blog. Bei der Christian Tattoo Association gibt es noch mehr "Eternal Ink".
Passionserlebnisse

Auch wenn die Passionen unserer Gegenwart die Erregung über "Die Passion" (ja: von Mel Gibson) längst verdrängt haben: In Commonweal beschreibt ein junger Jesuiten-Professor, Mark Bosco, wie seine Gen Y-Studenten (Gen Y meint: nach 1981 geboren) den Film gesehen und erlebt haben.

Für viele war er eine spirituelle Erfahrung, ja sogar eine fast liturgische. Kreuzweg, Einkehrtag, Passionsspiel waren Stichworte, die fielen. Die Gewaltszenen vor allem waren es, die die Studenten faszinierten - und zwar gerade in der Abhebung von der Gewalt, die sie aus anderen Filmen mehr als gewohnt waren. Bosco zitiert Flannery O'Connor: Die Gewalt, die sie als erzählerisches Mittel einsetzt, ist "seltsamerweise fähig, meine Charaktere zur Wirklichkeit zurückzubringen und sie darauf vorzubereiten, ihren Augenblick der Gnade anzunehmen". Ähnlich hätten auch seine Studenten die Gewaltszenen dies Films wahrgenommen. (Benedict Fitzgerald, der Drehbuchschreiber von "Die Passion", war übrigens der Sohn von Sally Fitzgerald, der langjährigen Freundin und Biographin von Flannery O'Connor.)

"Whatever the cinematic merits, historical accuracy, or theological vision of the film, it must be said that it has made students think. Indeed, that seems to be the only consensus among the respondents: 'It really challenged my conceptions about redemption through suffering'; 'I have never thought about this before'; 'It made me think about my faith.' Mel Gibson’s film has become a cultural phenomenon. It has done what many others have aspired to: compelled young people to think about Good Friday in a whole new way. For a post–Vatican II generation that is not used to the Stations of the Cross or singing the 'Stabat Mater,' or sitting through long Lenten sermons on Christ’s Passion, Gibson’s film is inspiring them to 'keep watch' as it imaginatively refashions what previous generations of Catholics have taken for granted. The Passion of the Christ may just be another form of devotion for a new generation."

26. Mai 2004

Geh mir nicht aus dem Weg! - Über die Räume in der Kirche

Blog-Kollege Jochen Scherzer hat auf kath.net einen Kommentar zur Wiener "Jugendkirche" veröffentlicht, den ich sehr wertvoll finde.

Das, was er sagt, gilt ja analog auch von anderen pastoralen Räumen. Durch die allgemeine Mobilität pendeln viele Christen zwischen ihrer Territorialgemeinde und anderen Gemeinden mit attraktiverem Angebot oder besserem Priester. Das betrifft die progressiven wie die traditionell orientierten Katholiken, die Gewohnheits- wie die Überzeugungskatholiken. Auch ich brauche gelegentlich eine andere Atmosphäre, eine andere Predigt, andere Menschen um mich als in meiner Heimatgemeinde.

Kritisch daran ist für mich vor allem der folgende Aspekt: Wie in eine Familie, wird man auch in die Kirche "hineingeboren", ohne sich seine Geschwister und den Rest der Verwandtschaft aussuchen zu können. Natürlich entwickelt jede Familie, jede Pfarrei - wie jede andere Gruppe von Menschen, die länger zusammen sind - einen eigenen Stallgeruch, eine Art des Umgangs, ein eigenes oder wenigstens eigengefärbtes Wertesystem, eigene Tabus und Gebote. Im Fall der Kirchengemeinden gehört dieser Stallgeruch eben nicht zum geoffenbarten Glaubensgut, wird aber manchmal (fast) dafür gehalten und jedem Mitglied oder Neuling entsprechend aufgedrängt. Die Versuchung ist jetzt, sich wegen dieses Stallgeruchs und der anderen internen Regeln zurückzuziehen und sich der konkreten Gestalt von Kirche zu entziehen. Jeder, der dieser Versuchung nachgibt, hat mein volles Verständnis und es mag im Einzelfall auch sehr triftige Gründe geben - aber leicht rutscht man in ein Auswahlchristentum hinüber, das nicht mehr kirchlich ist. "Nicht Ihr habt mich erwählt", sagt der Herr. Wir sagen allzu gerne: "Das stimmt, o Herr, aber ich suche mir aus, an welchem Ort und mit welchen Gläubigen ich Dich verehre und Dir diene."

Können wir uns die Antwort Jesu vorstellen, wenn Petrus zu ihm gekommen wäre mit den Worten: "Herr, Du hast mich gerufen und ich bin Dir unendlich dankbar dafür - aber mit den beiden arroganten Donnersöhnen komme ich nicht zurecht. Ich brauche einen anderen pastoralen Raum, denn in mir wecken sie jedes Mal negative Gefühle und ich kann nicht beten, wenn sie daneben sitzen. Schau nur, wie sie sich anziehen und wie ungekämmt sie daherkommen. Dazu ist Johannes 20 Jahre jünger als ich, viel unbedarfter und unwissender. So einem Jungspund täte es gut, wenn er den Glauben woanders lernen könnte als ich."

Jesus hätte vielleicht gesagt: "Auch sie gehören zu mir - genau wie Du. Dieses Zugehören, das gerade Johannes einmal "in-mir-bleiben" nennen wird, ist wichtiger und wirklicher als Eure Unterschiede, die ich ja allzu gut kenne. Ja, ich werde ihm helfen, den Glauben so zu lernen, wie er es am besten versteht. Er wird seinen anderen pastoralen Raum bekommen. Aber, Petrus, mach dir nichts vor: Er wird kommen mit seinem Glauben und wird mit Dir und den anderen leben. Und ihr werdet ihn aufnehmen, und ihr werdet von ihm lernen, so wie er von dir. Dann erst ist eure Liebe vollkommen, wenn ihr euch nicht aus dem Weg geht. Wenn ihr euch begegnet, dann nehmt einander an, so wie ich euch angenommen habe - als Kinder meines Vaters und als meine Brüder, die ich am Kreuz erlöst habe."

Verschiedene pastorale Räume durchaus, Pfarrtourismus vielleicht auch noch, aber nur wenn alle(!) wissen, daß das alles innerhalb des einen Volk Gottes, des einen Leibes geschieht. Das wird sich immer daran zeigen, wie "Produkte" der verschiedenen pastoralen Räume, die Kirchgänger der verschiedenen Pfarrgemeinde zusammenkommen, übereinander sprechen, miteinander umgehen. Das zeigt sich auch in ihrem Glauben - wenn er nämlich offen ist für die jeden Stallgeruch unendlich überragende Fülle der Wahrheit Gottes.


25. Mai 2004

Lyrik bockt

Eine amüsante und lehrreiche Einführung in den rechten Gebrauch der lyrischen Hausapotheke: Andreas Thalmayr (b.k.a. Hans Magnus Enzensberger) kommt mit "Lyrik nervt" locker daher, um bei klein und groß die Lust an der Dichtung zu wecken.

Vielleicht liest der eine oder die andere danach ja wirklich noch'n Gedicht.
Lokalpatriotisches Posting

Man soll den Trainer nicht vor dem Finale loben, aber immerhin will ich hier schon mal vermerken, daß mit Felix Magath und Rudi Bommer zwei Aschaffenburger den Münchner Fußball retten müssen.

24. Mai 2004

Zivilgesellschaftliche Einladung

Ich hoffe, daß Bernd Hans Göhrig, der Bundesgeschäftsführer der IKvu weiß, was er mit dem folgenden Satz meint: "Die wechselseitige Einladung zum Tisch des Herrn ist eine zivilgesellschaftliche Entwicklung von unten, die die Kirchen weiter verändern wird."

Ich komme nämlich nicht drauf - obwohl ich mir extra die Thesen von Thomas Carothers (Carnegie Endowment for International Peace) reingezogen habe.

Weniger zweifelhaft ist die dahinter stehende Evolutionstheorie: Aus einer Ausnahme wird durch vermehrtes Praktizieren automatisch die statistische Regel, die eine Regelung (a.k.a. "offizielle Erlaubnis") überflüssig macht. "Wir können nicht mehr zurückgehen" - erstaunlich, wie leicht sich immer noch an Fortschritt glauben lässt.
"Ein Gewicht, das ihnen eigentlich zusteht"

Na, das ist doch schon einmal ein Fortschritt: Der Schweinfurter Patriarch der deutsch-katholischen Kirche, Roland Breitenbach, äußert sich zufrieden, daß die Unterstützer von "Redemptionis Sacramentum" trotz ihrer Minderzahl zu Wort kommen und endlich Gehör finden!

"Es ist ein großes, bedrückendes Schweigen ausgebrochen. Die wenigen, die beispielsweise der neuesten Instruktion über die Feier der Liturgie zustimmen, erhalten damit ein Gewicht, das ihnen eigentlich zusteht." (Gottesdienstordnung 21/2004)
"... accused the bishop of telling the faithful how to practice their faith"

Charlotte Allen in der Los Angeles Times über Christianity Lite:

"When in January 2003 the bishop of Sacramento ordered former Gov. Gray Davis, a Catholic whose administration boasted of making California 'the most pro-choice state in America,' to change his views or stop receiving communion, a Davis spokesman accused the bishop of 'telling the faithful how to practice their faith.'

So, the consumer mentality rules in the world of Christianity Lite: The notion that no one has the right to tell anyone how to practice his or her faith, or indeed what that faith should consist of. Individual choice, not the tradition handed down by parents or grandparents, increasingly governs belief, practice and denominational affiliation.

There is an upside to that, however, as Wilcox points out. 'Many are moving out of their traditions, but when they land in a particular tradition, they take it much more seriously. They're better-educated, and they're more self-conscious about passing it on. Our society is becoming overall more secular, but there is in increase in the minority of Americans who take their faith seriously.'

That is the paradox of Christianity Lite. It can breed its own dissatisfactions, including a hunger to lose oneself religiously in something outside of and larger than oneself. That is why, by all reports, the Christian churches and communities that insist on going against the 'spirituality' zeitgeist and making genuine demands on their members are thriving."
(Registrierung erforderlich!)
Kirche und Kultur - drei Perspektiven

Die deutsche Perspektive:
In der Bischofszeitung "Rheinischer Merkur" darf der Kulturwissenschaftler Jan Assmann einen nostalgischen Blick auf den Polytheismus des alten Ägypten werfen und die Kosten eines - jüdischen wie christlichen - "exklusiven Monotheismus" bedauern - unter der Rubrik "Kirche intern". So, als ob die deutsche Kirche unter einer fundamentalistischer Rigidität leide und statt des Eigenen vor allem und endlich das andere, fremde kennen lernen müsse.

Die italienische Perspektive:
Sandro Magister macht ein theologisch-philosophisch-politisches Triumvirat namhaft: Kardinal Ratzinger, Erzbischof Carlo Caffara und der italienische Senatspräsident Marcello Pera haben in den letzten Tagen öffentlich über die "Krankheit Europas" nachgedacht:
"The reflections I intend to propose are three. I maintain that the West is suffering a grave cultural crisis. I maintain that this crisis risks affecting, if not the doctrine, then the preaching of the Church. And I maintain that Christianity can contribute in a decisive manner toward curing the West’s suffering. This suffering has a well-known name: relativism." (Pera)

Die amerikanische Perspektive:
Das Buch von Tracey Rowland: Culture and the Thomist Tradition: After Vatican II wird sowohl in First Things wie im New Pantagruel (der sich als Gegenspieler zu First Things profiliert) positiv besprochen. Die Rezensenten erkennen dankbar an, daß Rowland den teilweise naiven Kulturoptimismus von Gaudium et Spes relativiert und für ein differenziertes christliches Verständnis der "Moderne" votiert, das den Konflikten zwischen Christentum und moderner Kultur nicht ausweicht.
Die ganz normalen Gesichter des Bösen

Hitler als Ästheten, als Opernliebhaber und -Kenner, als Baumeister, ganz generell als Kulturmensch zu sehen (vgl. Jean Bethke Elshtains Rezension in Christianity Today) oder - mit Timothy W. Ryback im Mai-Cicero - als Familienmenschen, ist faszinierend und erschreckend. Mitten unter uns, einer von uns. Die größten Verbrechen leitet er genauso selbstverständlich in die Wege wie die kleinen Hilfen für die Geschwister, Neffen und Nichten. So, als ob die Rechte nicht wisse, was die Linke tut.

Furchtbar.