13. Februar 2006

Schnelle Antwort

Frank Schirrmacher in der FAZ (hier aber beim Spiegel) über den Strauß-Essay.

"Wir sollten, im steten Versuch, ein gutes Gewissen zu haben, nicht versuchen, uns in die Wut der anderen hineinzuversetzen."
Kultverstärker

Pirelli-Werbung: Teuflische Szenen mit dem Segen der Kirche (spiegel.de)
Abendlektüre

Letzthin war Enzensberger im Spiegel dran, jetzt kommt Botho Strauß mit einem Essay zum Zug: Der Konflikt. Sein Stichwort von der "Vorbereitungsgesellschaft" hat es heute bereits in den Perlentaucher gebracht:

"... die angebliche Parallelgesellschaft ist eigentlich eine Vorbereitungsgesellschaft. Sie lehrt uns andere, die wir von Staat, Gesellschaft, Öffentlichkeit abhängiger sind als von der eigenen Familie, den Nicht-Zerfall, die Nicht-Gleich-Gültigkeit, die Regulierung der Worte, die Hierarchien der sozialen Verantwortung, den Zusammenhalt in Not und Bedrängnis. Selbstverständlich ist es für den aufgeklärten Westeuropäer der Born der Finsternis, der dies Leben in der Gemeinschaft unterhält und gut organisiert.

Als Experte für passagere Krisen fällt es ihm schwer, mit einem auf Dauer nicht lösbaren Konflikt zu leben. Mit seinem Sinn für das Vorübergehende muss er an ebendieser Dauer scheitern. Da nützt es ihm wenig, wenn er - zwischenzeitlich und vorübergehend - neue Quellen der Religiosität in seiner Welt entdeckt. Sie hören meistens nach dem Kirchentag schon wieder auf zu sprudeln. Andererseits gibt es eine Chance der Inspiration und der indirekten Beeinflussung, die von der unmittelbaren Nähe einer fremden und gegnerischen sakralen Potenz herrührt.

Sie sollte uns allerdings zu etwas mehr als zu Spott und Satire provozieren. In dieser Konkurrenz gilt es, unser eigenes Bestes aufzubieten, es neu zu bestimmen oder wiederzubeleben: das Differenziervermögen an oberster Stelle, das Schönheitsverlangen, geprägt von großer europäischer Kunst, Reflexion und Sensibilität - lauter Sinnes- und Geistesgaben, die in der westlichen Gesellschaft der Gegenwart von geringer Bedeutung, geringem Ansehen sind."
Yonkardiniertes

Weil sie manchmal malen tut, hat Yon mit dem Zweitbloggen anfangen getan.
PL II

Via netbib weblog: Der 2. Band von Mignes Lateinischen Kirchenvätern mit des Rhabanus Maurus gesammelten Werken im PDF-Format.
Von den Kriegen

"Die Seiten des Neuen Testaments in der Nachttischschublade kleben druckfrisch aneinander, weil nie jemand versucht hat, das in falsches Leder gebundene Buch zu öffnen." - Was Carolin Emcke da in einem rumänischen Hotel beobachtet hat, ist noch eine der harmlosesten Erfahrungen auf ihren Exkursionen, gilt aber mutatis mutandis auch von den anderen Rändern der menschlichen Welt.

Lob für ihr Buch "Von den Kriegen" gab es beim Ersterscheinen reichlich (z.B. hier, hier und hier); die Taschenbuchausgabe habe ich in den letzten Tagen gelesen und kann es nur weiterempfehlen: Denn das Buch ist nicht nur höchst lesbar, sondern unbedingt lesenswert, da es die Kriegsgebiete der Welt aus der abstrakten Ferne in beunruhigende Nähe bringt, in die Nähe zwischen Mensch und Mensch. Emcke hat einen bescheidenen, fragenden, fast kammerartig-intimen Ton gefunden, mit dem sie über ihre Begegnungen und Erlebnisse berichtet.
Kindstaufe in der Landeshauptstadt

Was der Himmel macht, wenn ein Mädchen getauft wird, weiß ich nicht. Daß er sich aber zur Taufe meines neuen Lieblingsneffen in ein strahlendes Blau gehüllt hatte, nahm die Taufgemeinde persönlich, ebenso wie das leuchtende Weiß, das wie ein Taufkleid Dächer, Vorgärten, Straßen, Autos überzog.

Neben drei Kinderbibeln erhielt der Täufling ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Klein, aber getauft" - da er aber ein kleiner Lutheraner ist, haben Herr und Frau Scipio auf den Aufdruck "Straight out of Limbo" verzichtet.

Immer wieder verblüffend ist, wie konsequent die lutherischen Schwestern und Brüder die materiellen Sakramentalien durch Worte ersetzt haben: kein Salz auf der Zunge (o.k., , kein Chrisam auf der Stirn, keine Osterkerze, die der Taufkerze ihr Licht und ihre Wärme weiter gibt. Wenigstens das Taufkleid darf die Wirkung des Taufwassers noch darstellen.

10. Februar 2006

Gesegneter

Aufsteiger des Jahres
Grammys run one way



Mit drei weiteren Grammys baut Alison Krauss ihre Position als "winningest solo female act of any genre and the winningest country act" aus. Verdienermaßen.

7. Februar 2006

Silentium blogiosum

Da ich die nächsten Tage unterwegs sein werde, bleibt hier wohl alles ruhig und beim Alten (alten?).

Adieu!
Unterm Verdikt

Ich traue mich gar nicht recht, auf die Marginalie Trackback - Oder: Gegen das Rokoko von Andreas Mertin im Magazin für Theologie und Ästhetik zu verlinken.

Dort wird eine ganze Batterie von Kanonen gegen den Spatzenschwarm der Weblogger aufgefahren, daß mir richtig schummrig wird: "Weblogs gehören zu den mehr als ambivalenten Erscheinungsformen des World Wide Web"; jeder Blogger könne "sein eigener Diktator der Meinungsbildung" sein; gar "kulturelle Katastrophen" in der Nachfolge postmoderner Oberflächenverteidigung werden berufen. Wie soll man nach einer solchen Bußpredigt noch guten Gewissens bloggen? Leute, packt die Tastatur weg!

(Anlaß des ganz großen Theaters war ein Posting auf Hradetzkys.de ( Link zu Antwort und Originalposting), das das Theomag zwar im Screenshot darstellt, aber nicht verlinkt - wo kämen wir denn da hin!)

6. Februar 2006

"Ich bin ich!"

The Onion setzt mal wieder einen drauf: Auch protestierende, herumballernde Demonstranten in Hebron haben was gegen Stereotypen!

"Yes, I sometimes do gun people down in the name of the One True God. But there is so much more to me...

There are so many different kinds of crazed Palestinian gunmen. Each of us has our own unique reasons and motivations for our bus bombings and suicide missions. No two fundamentalist agendas are alike."
Oops, ist ja schon aus dem März 1997. Merkt man gar nicht.
Alles O.K.

Naomi Wolf, Vorzeigefeministin jüdischer Abstammung begegnet Jesus:

"I was completely dumbfounded but I actually had this vision of … of Jesus, and I’m sure it was Jesus... But it wasn’t this crazy theological thing; it was just this figure who was the most perfected human being – full of light and full of love. And completely accessible. Any of us could be like that. There was light coming out of him holographically, simply because he was unclouded. But any of us could become that as human beings...

On a mystical level, it was complete joy and happiness and there were tears running down my face. On a conscious level, when I came out of it I was absolutely horrified because I’m Jewish. This was not the thing I’m supposed to have confront me...

There are a lot of people out there just waiting for some little Jewish feminist to cross over. I so much want to distance this from Christianity. It has nothing to do with any religion whatsoever...

I absolutely believe in divine providence now, absolutely believe God totally cares about every single one of us intimately, that we’re not alone, that we’re surrounded by love. That everything is OK." (Sunday Herald)

4. Februar 2006

In der Hauptstadt

Als süddeutsches Landei überläuft es mich immer, wenn ich in die Hauptstadt mit ihren Pracht- und Ausfallstraßen, ihren Palästen und Regierungsgebäuden komme. Verschärft wird dieses Erschaudern des Provinzlers durch einen alten Fehler: Vor 10 Jahren, bei einem längeren Aufenthalt, hatte ich Robert Harris' "Vaterland" zur Lektüre mit. Der spiritus loci, der Ungeist der Zentrale des Terrors, taucht seitdem bei jeder Rückkehr auf.

Aber keine Angst, lieber FingO: Ich freue mich schon auf den nächsten Besuch in Berlin und auf die nächste Pizza, deren Pepperoni ich Dir wieder liebend gerne zur Verfügung stellen werde! Plötzlich wurde an diesem Abend im "Scala" die virtuelle Blogozese real, saßen zwei Brothers in Arms saßen zusammen und teilten ihren Glauben, inmitten der hübschen Püppchen und ihrer coolen Freunde. DEo et Fingoni multas gratias!
D'accord

Christian Geyer in der FAZ:

"Nur in europaweiter Solidarität wird klar: Religiöse Fundamentalisten, die die Unterscheidung zwischen Satire und Gotteslästerung nicht respektieren, haben nicht nur mit Dänemark ein Problem, sondern mit der gesamten westlichen Welt.

Dabei steht überhaupt nicht zur Debatte, ob solche Darstellungen die Grenzen des guten Geschmacks verletzen. (...) Die Religion als Satiregegenstand hat ja immer auch etwas Billiges. Nicht umsonst gibt es die sensible sprachliche Wendung von den religiösen Gefühlen, die man besser nicht verletzt. Und es darf in der Tat als Zeichen des guten Geschmacks gelten, wenn solche Intuitionen funktionieren.

Es gibt ein religiöses Bilderverbot des Propheten, das zu befolgen das gute Recht der Gläubigen ist und als solches vom liberalen Rechtsstaat nicht nur eingeräumt, sondern verteidigt wird. Aber in einem säkularen Gemeinwesen können die Gläubigen nicht erwarten und noch weniger erzwingen, daß ihre religiösen Gebote von allen befolgt werden. (...)

Letztlich steht in dem aktuellen Konflikt eine kulturelle Errungenschaft auf dem Spiel, die sich der Westen im Interesse des Friedens von keiner politischen oder wirtschaftlichen Macht wieder abhandeln lassen kann: die mühsam erworbene, gegen dogmatische und totalitäre Ansprüche aller Art durchgesetzte Differenzierung von Innen- und Außenperspektive. Die Lektion, die das Christentum gelernt hat und der Islam in weiten Teilen noch vor sich hat, lautet: Zu jedem legitimen Selbstverständnis gibt es eine legitime Außenperspektive, die diesem Selbstverständnis zuwiderlaufen darf."

1. Februar 2006

Alte Freundin



Gestern beim Stöbern fiel eine Karte mit diesem Foto in die Hände, die ich vor einem Vierteljahrhundert in Lisieux gekauft hatte. Ich habe mich schon länger nicht mehr bei ihr gemeldet. So ab und an hätte ich ihren Rat brauchen können, keine Frage.

Demnächst hörst du von mir. Ganz bestimmt, meine Liebe.
Zweierlei Maß



Weniger harmlose Cartoons als die 12 inkriminierten dänischen sind in der arabischen Welt gang und gäbe. Lila verweist auf ein Interview mit Joel Kotek (Freie Universität Brüssel).
Sameprocedureaseveryyearjames

Voll erwischt

Nicht aus persönlicher Betroffenheit, sondern einfach, weil es ein schönes, gelungenes Gedicht ist:

Hellmuth Opitz
Liste kleiner Traurigkeiten

Der zu kurze Haarschnitt.
Das Schreiben des Anwalts.
Die Stimme von Lucinda Williams,
wenn sie um die Ecke eines
Abends biegt. Ach ja, der
Kaffeebecher mit dem Aufdruck
Autocentrum Rahlstedt, die
sommersprossenübersäte Schulter
und ihre Unerreichbarkeit am
anderen Ufer des Bettes.
Wunderbar kannst du das aufzählen,
zählst das auf, ohne mit der
Wimper, du weißt schon, aber
gerade jetzt, beim Aufschneiden
der Tütensuppe, erwischt es dich.
Du liest die Packung und es
ruckt in der Kehle, die Augen
brennen, du liest noch einmal
und es erwischt dich, erwischt
dich mit einem einzigen Satz:
Bitte heißes Wasser hinzufügen.
Wer trotzdem Interpretationen braucht, findet sie in der Literarischen Welt oder im kostenpflichtigen Archiv der FAZ.
Keine Befreiung außer durch Jesus Christus



Liegt es daran, daß vor Weihnachten die "Dalai Lama"-Spruchkalender einfach überall zu bekommen sind? Oder daß trotz aller Versuche, katholische Identität zu schärfen, an der Basis die Neigung zu synkretistischem "Pick and Choose" zu tief verwurzelt ist? Oder daß Tenzin Gyatso alias der 14. Dalai Lama mit seinem Lächeln, seiner asiatisch-demütig-entschlossenen Art und seiner Dauerpräsenz in TV, Zeitung, Weltbild-Katalog etc. als Gewährsmann für echte Lebensweisheit akzeptiert wird? Wie auch immer, seit wir sie von der Schwiegermutter zum Christfest geschenkt bekamen, strahlen uns vom Küchenregal die "Worte der Weisheit 2006" entgegen.

Manche Worte sind trivial, andere nett, wieder andere bedenkenswert. Manche aber auch schlicht und einfach: falsch und für unsereinen schlicht und einfach verwerflich. Unchristlich. Als Überzeugung des Dalai Lama und seiner Glaubensgefährten zu respektieren, ansonsten aber vom Teufel. Zum Beispiel der heutige Satz:
"Befreiung empfängt man nicht von außen; man erlangt sie selbst."
Da stellen wir ohne weiteren Kommentar die 2. These der Barmer Erklärung dagegen:
"Durch Gott seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung. (1.Kor 1,30)

Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften."