6. April 2005

Ausgegähnt

Der Soziologe Hans Joas in einem Interview des Tagesspiegels aus gegebenen Anlaß:

"Es gibt ein wesentlich höheres Wissensinteresse an Religion. Das Thema löst kein Gähnen mehr aus. Die Medien sind voll mit glaubensbezogenen Themen. Hand in Hand damit geht eine zunehmende gesellschaftliche Skepsis, ob der Abbruch religiöser Traditionen wirklich ein eindeutiger Fortschritt ist oder möglicherweise auch ein Verlust. In diese Situation hinein hat der Papst die Überzeugung verfochten, dass den Menschen ohne Bezug zu Gott etwas fehlt, und dies in einer imponierenden Weise in Bildern, Handlungen und Bewegungen umgesetzt."

5. April 2005

Der nahe Papst aus dem fernen Land

Mein Papst und ich - eine Beziehung über die Ferne, 26 Jahre lang.

1978 war ich 18 Jahre und hatte während des Pontifikats Pauls VI. in nicht wenigen Religionsstunden freiwillig meinen Kopf "für Papst und Kirche" hingehalten. Mit Johannes Paul II. fiel das leichter: der Papst aus dem fernen Land war anfangs tabu, und im Windschatten des attraktiven, dynamischen Mannes in weiß machte das Katholischsein auch öffentlich durchaus Spaß. Spätestens im Dezember 1979 änderte sich das, als Hans Küng seine Lehrerlaubnis entzogen bekam. Aber da war die Schulzeit schon vorbei.

Mit Freunden einer "neuen geistlichen Gemeinschaft" (die man damals noch nicht so nannte) fuhr ich 1979 nach Rom - ohne den Papst zu sehen. Denn der war in Polen.

Seine erste Enzyklika und seine Fastenexerzitien "Zeichen des Widerspruchs" legte ich mir bald nach Erscheinen zu - und habe beide bis heute nicht gelesen. Es waren ästhetische, stilistische Gründe, nicht inhaltliche. Hans Urs von Balthasar - einer der Lieblingstheologen von Johannes Paul - hatte mich tief beeindruckt - und er war der intellektuell bei weitem reizvollere, fand ich.

Vor ein paar Tagen brachte HR3 Bilder vom Besuch des Papstes in Fulda am 17. November 1980 - meine einzige Begegnung mit JPII. Jung war er damals - das hatte ich vergessen. Bei aller Begeisterung ging es würdig zu, schließlich waren es Priester, Theologen und Seminaristen, die an diesem Tag eingeladen waren.

Nicht vergessen habe ich den Bericht eines Priesters über eine persönliche Begegnung mit dem Papst in diesen Jahren. Selber ein vorbildlicher Priester, war er tief beeindruckt von der Menschlichkeit und der Offenheit des Papstes für seine Besucher, von der Einfachheit seines Lebens und von seiner tiefen Frömmigkeit.

Die 80er Jahre wurden eher ungemütlich. Ich verbrachte sie anfangs im Exil mitten unter jungen, aufgeschlossenen, zeitgemäßen Christen, und dort war JPII absolut uncool. Einer, der Leonardo Boff stillschweigen lässt, die Befreiungstheologie verbietet, die Ökumene sabotiert und in puncto Feminismus auf der misogynen Pauluslinie liegt.

Später dann fand ich mich an der deutsch-katholischen Normalbasis: Prinzipiell war man gut-katholisch, aber mit der Zeit wurde der Papst immer peinlicher. Denn er hatte die vielen alltäglichen Fortschritte nicht mitvollzogen, die das Christenleben inzwischen leichter machten. Pilgerfahrten nach Rom standen trotzdem auf dem Programm, aber daß der Papst ein eigenes Programm der Erneuerung und Reform hatte, daß er zu motivieren und zu mobilisieren versuchte - das interessierte keinen, den Ortspfarrer noch am wenigsten.

Eher erstaunt stellte ich in den 90ern fest, daß sich in einer jüngeren Generation eine neue, unbefangene Begeisterung für den Papst entwickelte, die den "Kirchentreuen" meines Alters unmöglich war.

Meine persönliche Wiederentdeckung von Johannes Paul II. kam mit seinen großen Enzykliken Fides et Ratio, Veritatis Splendor und Evangelium Vitae, mit dem Weltkatechismus - und mit den Biographien von George Weigel und Jan Roß. Die Welt hatte sich 1989 verändert, nur einer stand nach dem Ende der Geschichte immer noch unerschüttert und unverändert. Die Wahrheit hatte ein Gesicht und eine Stimme - nicht zuerst eine unfehlbare, immer aber eine unüberhörbare.

Und als sie schwächer, brüchiger, stockender wurde, wurde sie auch für mich umso lauter. Das neue Millenium hatte begonnen und JPII hatte es uns als Heilszeit vorgestellt. Ein Endzeitprophet war er gut katholisch nur in dem Sinn, daß mit jedem Eintreten Gottes ins menschliche Leben die letzten, die entscheidenden Stunden anbrechen.

Über seinen Satz "Der Mensch ist der Weg der Kirche" habe ich oft nachgedacht - aber die Millionen, die unterwegs nach Rom sind, interpretieren ihn auf ihre Art. Diese so verschiedenen Pilger haben nämlich entdeckt, daß in Menschen wie ihm das Geheimnis der Kirche und das Geheimnis des Christseins sichtbar wird. Der Weg der Kirche wird durch Menschen abgesteckt, die wie er ganze Sache machen im Glauben. Und wir anderen fühlen uns wohl in ihrer Nähe - wohl und herausgefordert, vielleicht doch endlich einmal ernst zu machen.
GodPod
Literatur-DNA

Über 300 Schriftstellerinterviews aus den letzten 50 Jahren bei The Paris Review.
Römisch-catholic

Ist das schon globalisiert oder noch katholisch? Ist das nicht die verkehrte Einheit in der Vielfalt: Rupert Mayer Lectures in Aachen und Familyfeste bei den Focolare.

Demnächst erleben wir dann die Monthly Atonement Night in Marienfried und die Divine Mercy Novena der "Wuerzburg Franciscans".

Wahrscheinlich hat der World Youth Day im August, jenes große Faith Event, diesen Trend bei den Catholic Conservatives gesettet, oder?

4. April 2005

Die Papstwünscher

Nehmen wir mal an, daß sich viele aus den Reihen der katholischen Nichtkardinäle, der nichtkatholischen Christen sowie der Nichtchristen, die genaue Vorstellungen zum Idealprofil von Johannes Paul III. haben, aus Respekt vor dem verstorbenen Papst aktuell noch zurückhalten und sich erst am Freitag, 8. April nach etwa 14.00 Uhr äußern werden - dann sind das jetzt nur die Taktlosen oder die besonders von ihrer Geistgeführtheit oder sonstigen Einsicht Überzeugten, die den anreisenden Papstwählern ihre Botschaft mit auf den Weg geben - oder sich vorauseilend die Option zum Ungehorsam offen halten: "Wir haben es ja damals gleich gesagt - aber ihr habt nicht auf uns gehört. Statt einen sympathischen, weltoffenen, toleranten Reformpapst zu wählen, mußtet ihr euch ja unbedingt für einen Wojtyla-Klon entscheiden..."

Am Artikel von Christian Geyer über die Schnellverlautbarer Wolfgang Thierse, Heiner "Was-würde-Jesus-sagen" Geißler und Walter Kardinal Kasper habe ich nur eines zu bemängeln: das frühe Erscheinungsdatum. Ab Freitag würde er noch besser passen.
Tragischer Griesgram

Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen! Schon wieder habe ich mich über Hans Küng lustig gemacht - und dabei ist er doch auch ein Bruder, ein getaufter und gefirmter Bruder, Mitglied am Leib Christi, über den man schmunzeln, aber vielleicht doch nicht höhnen sollte...

Zum Ausgleich verlinke ich auf einen Kommentar des Pontificator zu Hans' kürzlichem Spiegel-Stück.

"Die wesentliche Schwäche von Küngs Diagnose ist, daß er versagt zu beobachten, daß seine Reformvorschläge von den Kirchen der Reformation in der Tat übernommen worden sind, und doch stehen diese Kirchen jetz am Punkt ihrer Auslöschung. "Modern" und "fortschrittlich" zu werden, hat sich nicht als Quelle der Erneuerung und des kirchlichen Wachstums erwiesen - im Gegenteil. Je mehr die Grenzen zwischen Kirche und Kultur verschwimmen, umso irrelavanter wird die Kirche für die Kultur. Je mehr die Kirche ihren Halt in der Heiligen Tradition und die Integrität des katholischen Glaubens verliert, umso weniger hat sie der Kultur [im Original steht: the Church, aber das ergibt keinen Sinn; scipio] und der Gesellschaft zu sagen. Je offener die Kirche für die Welt wird, umso kraftloser wird sie, Jünger Jesu Christi zu gewinnen. Es ist eine Schande, daß Küng anscheinend nie dazu gekommen ist, Stanley Hauerwas und John Henry Newman zu lesen.

Hans Küng ist eine tragische, pathetische Figur. Unfähig, seine Kämpfe mit den Autoritätsstrukturen der Katholischen Kirche zu überschreiten, ist er unfähig zu sehen, daß es genau seine Version von Christsein und Kirche ist, die zum Großteil verantwortlich für die gegenwärtigen Probleme der Katholischen Kirche ist. Küng hätte ein ausgezeichneter Theologe werden und viel Gutes vollbringen können. Stattdessen wurde er ein theologischer Ackergaul und Griesgram." (Eigene, unautorisierte Übersetzung)
Beleidigte Fossiliensammlung

Zurück in die alltäglichen Niederungen des Kirchenkampfes (oder sollte man sagen: -bürgerkriegs?) - Deutschland hat offensichtlich eine der kürzesten Trauerzeiten weltweit.

Matthias Matussek beobachtete bei Sabine Christiansen & Friends neue Frontverläufe:

"Er war es dann auch vor allem und der junge Theologe, die den Papst über die abgestandene Kritik hinaushoben und eine Ahnung davon vermittelten, was das wahrhaft Revolutionäre dieses Papstes gewesen ist: sein weltumspannender Humanismus, sein soziales Kämpfertum, seine pazifistische Unbeirrbarkeit, seine religiöse Tiefe, sein Humor, sein Mystizismus, das Beharren auf den Kirchengeboten, seine ökumenische Glut.

Und: In diesem stetig verblödenden Zirkus der ständigen Quoten und politischen Beliebtheitsumfragen und hedonistischen Anpassungen immer öfter nein gesagt zu haben.

Dieser Papst hat, unter Umgehung aller Gremien, an den inneren Menschen appelliert. Die Millionen auf dem Weg nach Rom und rund um den Erdball haben ihn verstanden. Die "Sabine Christiansen"-Show eher nicht.
Sedisvakanz

Ein Vorabauszug aus einem 2005 erscheinenden Werk von Ulrich Nersinger - von Nova et Vetera dankenswerterweise ins Netz gestellt. (Ich konnte das pdf mit Acrobat Reader 5.0 nicht öffnen, erst mit dem Acrobat 6.0.)

Auch in der Tagespost ein Artikel von ihm.
Totus suus



"Denn keiner von uns lebt sich selber,
und keiner stirbt sich selber.

Leben wir, so leben wir dem HErrn.
Sterben wir, so sterben wir dem HErrn.

Ob wir aber leben oder sterben:
Wir sind des HErrn." (Röm 14, 7-8)

2. April 2005

Hoffnung

Viel Dummes wird in diesen Tagen wieder gesagt und geschrieben. Aber auch daraus kann uns Gutes erwachsen.

Wenn zum Beispiel eine Tageszeitung heute titelt: "Keine Hoffnung mehr für den Papst", dann soll uns das nicht so sehr die Ahnungslosigkeit oder das Heidentum des Redakteurs bezeugen, sondern zum Nachdenken über die christliche Hoffnung auffordern.

Josef Pieper schreibt in "Über die Hoffnung":

"Die natürliche Hoffnung entspringt der jugendlichen Kraft des Menschen und versiegt mit ihr. 'Jungsein nämlich hat viel Zukunft und wenig Vergangenheit'. So wird anderseits mit dem sinkenden Leben vor allem die Hoffnung müde; das 'Noch nicht' verkehrt sich in das Gewesene, und das Alter wendet sich, statt dem 'Noch nicht' erinnernd dem 'Nicht mehr' zu.

Für die übernatürliche Hoffnung aber gilt das Umgekehrte: sie ist nicht nur nicht gebunden an das natürliche Jungsein, sondern sie begründet gerade eine viel wesenhaftere Jugendlichkeit. Sie schenkt dem Menschen ein 'Noch nicht', das dem Sinken der natürlichen Hoffnungskräfte schlechthin überlegen und entrückt ist. Sie gibt dem Menschen so 'viel Zukunft', daß die Vergangenheit eines noch so langen und reichen Lebens dagegen als 'wenig Vergangenheit' erscheint. Die theologische Tugend der Hoffnung ist die Kraft des Auslangens nach einem 'Noch nicht', das um so unausmeßbarer sich weitet, je näher wir ihm sind. (...)

Die übernatürliche Jugendlichkeit nämlich strömt aus der Teilnahme am Leben Gottes, der uns innerlicher und näher ist als wir selbst.

Darum ist die Jugendlichkeit des auf das Ewige Leben sich spannenden Menschen wesentlich unzerstörbar. Sie ist dem Altern wie der Enttäuschung unerreichbar; sie bewährt sich gerade im Vergehen der natürlichen Jugend und in den Versuchungen zur Verzweiflung. Paulus sagt: 'Wenn auch unser äußerer Mensch vergeht, der innere verjüngt sich von Tag zu Tag' (2 Kor. 4,16). Kein Wort aber gibt es in der Heiligen Schrift und in der Menschensprache überhaupt, das die aller Vernichtung standhaltende Jugend des hoffenden Menschen, durch einen Vorhang von Tränen hindurch, so triumphal laut werden läßt wie der Satz des Dulders Hiob: 'Wenn ER mich auch tötet, ich werde auf IHn hoffen' (13, 15)." (lieben - hoffen - glauben.- München: Kösel, 217 - 219)
Die Hoffnung stirbt nicht zuletzt, sondern sie stirbt gar nicht, sie erfüllt sich in der Begegnung mit dem Auferstandenen und Erbarmenden HErrn! Mit dieser frohen Hoffnung also beten wir weiter für den sterbenden Johannes Paul den Großen.

1. April 2005



"Gott, du Hirt und Lenker aller, die an dich glauben, sieh gnädig auf deinen Diener, unseren Papst Johannes Paul II., den du zum Hirten deiner Kirche berufen hast. Gib, dass er durch Wort und Beispiel das Heil deines Volkes fördert, und führe ihn mit der ihm anvertrauten Herde zum ewigen Leben. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn."
Bloggerglück und Netdesaster

Da bekomme ich ein dickes, fettes, lange ausgebrütetes Osterei und merke es nicht mal. Das 2. Kompliment des Tages geht also an das einzige deutsche Antimodernisten-Blog!

Woanders geht es demgegenüber ziemlich desaströs zu, z.B. hier oder gar dort... ;-)
Die Strenge der Dichterin

Gabriele Wohmann läßt sich im RheinischenMerkur interviewen:

"RM: Wenn der Zugang zum einfachen Glauben von vielen Zweifeln verstellt ist – wie wäre denn die neue, wissende und glaubende Naivität wieder zu gewinnen? Was können die Kirchen dazu beitragen? Und was die Dichter?

Wohmann: Die Kirchen drücken sich davor, über den Tod zu reden und das Wort „Gott“ in den Mund zu nehmen! Sie sind vom Glauben eher entfernt und machen lieber Weltliches. Viele Pfarrer sind eher Sozialpädagogen.

RM: Und die Dichter?

Wohmann: Die können nicht beim Glauben helfen. Die meisten kümmern sich ja überhaupt nicht darum. Hierzulande hat die Religion einen komischen Beigeschmack. In Amerika ist das völlig anders. Ein Schriftsteller wie John Updike bekennt sich klar und eindeutig dazu, dass er ein gläubiger Mensch ist, wenn auch immer hin- und hergerissen von Zweifeln. Aber das gehört dazu. (...)

RM: Wünschen Sie sich mehr lyrikbewanderte Pfarrer, die die Entdeckungen der Dichter in ihre Predigten aufnehmen?

Wohmann: Nein. Obwohl – mein Vater hat so etwas gemacht und Dichter zitiert. Aber ich habe es am liebsten, wenn nur von der Frohen Botschaft die Rede ist. Keine Abschweifungen. Ich bin streng, oder?"
"Karol und Christus"



Vatican: Pope Has Suffered Heart Failure (Yahoo / AP)
Deutsche Civil Religion

"Ohne Wort-Gottes-Feiern würde in ländlichen Gebieten die Dorfgemeinschaft zerfallen" - bei allem Verständnis: ein theologisches Argument ist das ja nicht, was Wortgottesdienstleiter aus der Rhön und das
Würzburger Katholische Sonntagsblatt da formulieren.
Krankensalbung

Pope given last rites, sagt CNN. (via Sinfonia Sacra)

Oremus.
Kompliment!

Ich hole momentan mein "vacation lag" auf und lese gerade die Blogs der Kollegen. Fasziniert und begeistert bin ich dabei bei Martin Reckes Notizbuch hängen geblieben: Da stimmt ja einfach alles - Layout, Postings, Bilder.
Standardantwort



Das erinnert mich an jenen Priester meiner Jugend (wie man so schön sagt), der einmal behauptete, daß er seinen Nonnen in der 6.00 Uhr-Messe auch aus der Mao-Bibel vorlesen könne, ohne daß sie es merkten.
Theologen bei der Arbeit.
Heute: Ostern


Hans Kessler mit - gelinde gesagt - bemerkenswerten Einsichten im Organ für aufgeklärte Christen, z.B.:

"Was in diesem Katechismus der katholischen Kirche steht, ist nicht einfach der Glaube der Kirche."